Kapitel 3
Der Tag, an dem ich das Buch anlegte, war der Tag, an dem ich meine Ehe erkannte für das, was sie war.
Ein Vertrag.
Und mein Herz war das Einzige, was ich nicht formell mitunterschrieben hatte.
Das schwarze lederne Notizbuch lebte hinten in unserem gemeinsamen Begehbegehschrank versteckt hinter Winterstiefeln, die ich in diesem Gebiet nie trug. Schlicht. Unauffällig. Ganz anders als die Seidenkleider und Juwelen, die man von einer Luna erwartete.
Kain suchte nach den Manschettenknöpfen seines Großvaters.
Erbstücke aus uraltem Silber, geprägt mit dem Lindwurm-Wappen. Er bewegte sich mit dieser tödlichen Anmut durch die Reihen maßgeschneiderter Anzüge - seine Präsenz ein tiefer Schwingung von Macht, die meine Wölfin dazu brachte, ihr die Kehle zeigen zu wollen.
Dann blieb er stehen.
Sein Blick blieb an der Schachtel hängen.
Kein Designerstück. Nicht elegant. Einfach schwarz. Gewöhnlich. Fehl am Platz zwischen seinem Luxus.
Seine Neugier die mich sonst nie betraf regte sich.
Er nahm sie herunter. Öffnete sie.
Das Buch lag darin.
Er hob es hoch, fuhr mit dem Daumen über den schlichten Einband. Blätterte zur ersten Seite. Seine Augen wanderten über meine Handschrift die elegante Schrift, die meine Mutter mich vor ihrem Tod gelehrt hatte.
*Das Sündenregister.*
Etwas huschte über sein Gesicht. Belustigung. Oder Gereiztheit.
Er las die Regeln unter dem Titel.
*Startpunkt: 100.*
*Jeder Verrat, jede Zurückweisung kostet Punkte.*
*Bei Null bin ich frei.*
Ein Schnauben entfuhr ihm. Leise. Abfällig.
„So ein kindisches Zeug“, murmelte er.
Halbblüterin.
Das Wort, das er benutzte, wenn er Distanz brauchte. Der Grund, warum ich niemals genug sein würde.
Er blätterte weiter. Eintrag um Eintrag.
*-1 Punkt: Er hat unseren Paarungs-Jahrestag vergessen.*
*-3 Punkte: Er hat unsere Reise zum Mondsee abgesagt, weil Victoria anrief.*
*-2 Punkte: Er blieb bei Victoria, während ich mit Fieber im Bett lag.*
*-1 Punkt: Er sagte ihren Namen im Schlaf, im Fieberwahn.*
Sein Kiefer spannte sich an.
Nicht vor Schuld. Vor Verärgerung.
Für ihn war das kein Protokoll von Wunden. Es war der Beweis für meine Besessenheit von Victoria Stone.
Er warf das Buch zurück und schob die Schachtel ins Regal.
„Kindisch.“
Er fand die Manschettenknöpfe, steckte sie in seine Ärmel und wandte sich zum Gehen.
Da sah er mich.
Ich saß direkt vor dem Ankleidezimmer. Skizzenbuch auf dem Schoß kleine Wolfsjunge beim Spielen an den Wänden eines Kinderzimmers, eine Mobile mit silbernen Monden über einem Bettchen.
Er hielt inne.
Für einen Herzschlag lang verweilte sein Blick auf den Zeichnungen. Etwas flackerte in seinem Gesicht etwas, das ich nicht benennen konnte.
Mein Herz stolperte. Meine Wölfin hob den Kopf.
Dann kam er auf mich zu. Schritt für Schritt.
Nah genug, dass sein Duft mich einhüllte Kiefer und Rauch und etwas Dunkleres darunter. Nah genug, dass die Bindung zwischen uns sich regte, schwach, aber lebendig. Meine Haut prickelte. Wärme sammelte sich tief in meinem Bauch, trotz allem.
„Was ist das?“ Seine Stimme wurde leise. Fast sanft.
„Nichts“, sagte ich. „Nur Skizzen.“
Er hockte sich vor mich hin. Seine Finger streiften meine, als er mir das Skizzenbuch abnahm ein Funke, der mir direkt durch die Brust schoss.
Eine halbe Sekunde. Das war alles.
Meine Wölfin winselte. Mir stockte der Atem.
Er betrachtete die Zeichnungen. Das Kinderzimmer. Die Welpen. Die Monde.
„Das ist richtig schön“, sagte er leise.
Vier Worte. Meine Brust schmerzte, weil ich mir so sehr wünschte, sie würden etwas bedeuten.
Sein Daumen fuhr über den Rand einer Skizze ein winziger Welpe, zusammengerollt unter einer Mondsichel. Als er aufsah, trafen sich unsere Blicke.
Gold flackerte am Rand seiner Iris auf.
Meine Lippen öffneten sich. Sein Blick senkte sich auf meinen Mund.
Die Luft zwischen uns wurde dick. Mein Puls hämmerte gegen meine Kehle.
Für einen unmöglichen Moment hob sich seine Hand. Seine Fingerknöchel streiften meinen Kiefer - federleicht, fast zögerlich. Als würde er sich an etwas erinnern. Oder es zumindest versuchen.
*Kain.*
Sein Name stieg in meiner Kehle auf. Ich sagte ihn nicht.
Dann summte sein Handy.
Der Moment zerbrach.
„Alpha.“ Marcus’ Stimme, scharf und dringend. „Brand in Victorias Galerie. Die Familie Valdez bekennt sich dazu.“
Die Sanftmut war verschwunden. Der Alphathron kehrte zurück - kalt, distanziert, erhob sich bereits.
Er ließ mein Skizzenbuch auf den Boden fallen. Schnappte sich seine Schlüssel.
„Kain -“
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Ich folgte ihm.
Die Galerie brannte lichterloh in der Nacht. Kain stand an der Absperrung, Gold in seinen Augen glühend, den Feuerwehrchef anknurrend.
„Mein Wolf, mein Titel, meine ganze Existenz ist an dieses Rudel gebunden.“ Seine Stimme brach - rau, wie ich sie noch nie gehört hatte. „Und ich würde alles davon in Flammen aufgehen lassen, um sie da rauszuholen. Verstehst du mich? Lass mich durch.“
In meiner Brust war mit einem Mal alles wie erstarrt.
In der Nähe drangen Stimmen durch den Rauch.
„So ist er, seit sie Welpen waren“, murmelte jemand. „Sie ist die Einzige, bei der er die Kontrolle verliert.“
Da begriff ich es.
Ich war nicht seine Wahl.
Ich war der Platzhalter, bis sie endlich bereit war.
Kain durchbrach die Absperrung. Verschwand in den Flammen.
Als er wieder auftauchte, trug Victoria in seinen Armen. Hustend. Das Gesicht an seine Brust gepresst. Er murmelte ihr etwas zu - leise, dringlich, nur für sie bestimmt.
Er sah mich nicht an.
Kein einziges Mal.
Ich drehte mich um.
Der Mond hing voll über mir. Silbernes Licht ergoss sich über mein Gesicht.
Für einen Herzschlag fingen meine Augen das Licht ein und flackerten auf.
Kain sah hoch. Runzelte die Stirn.
„Kain!“ Victorias Stimme, schwach und klagend.
Seine Aufmerksamkeit schnellte zurück zu ihr.
Was auch immer er gesehen hatte, war schon wieder vergessen.
Ich ging allein nach Hause.
Ich öffnete das Buch.
*-1 Punkt: Er würde sich für sie opfern.*
Eintrag 98.
Noch zwei Punkte.
Ich schloss das Buch und starrte bis zum Morgengrauen an die Decke.
Das Mädchen, das früher um ihn geweint hatte, gab es nicht mehr.
...
Jetzt, wo ich in einer Heilkammer lag, mein Körper zusammengeflickt und meine Gebärmutter leer, verstand ich es endlich.
Das Buch war nie ein Protokoll gewesen.
Es war ein Countdown.
Zwei Punkte hatten einmal zwischen uns und dem Ende gestanden.
Jetzt war der Stand null.
Und ich war es leid, für einen Mann zu brennen, der mir nur Asche zu geben hatte.
