Kapitel 2
Ich wachte auf von blendend weißem Licht und Schmerz, der durch jede einzelne Nervenfaser in meinem Körper raste.
Eine Stimme rief irgendwo in der Ferne.
„Massive innere Blutungen! Sofort in die Heilkammer!“
Ich lag auf einer Trage, raste durch einen Flur. Deckenlampen verschmierten zu einem einzigen weißen Strich über mir. Der scharfe Geruch von Desinfektionsmitteln und zerstoßenen Kräutern brannte in meiner Lunge. Irgendwo tief in mir winselte meine Wölfin zu schwach, um sich überhaupt zu regen.
„Bleib wach, Luna.“ Eine sanfte Stimme dicht an meinem Ohr. Warme Finger strichen das gefrorene Haar von meiner Stirn. „Wir kümmern uns um dich.“
Dann eine andere Stimme, dringlicher: „Jemand ihre Vitalwerte checken - sie ist im zweiten Monat schwanger.“
Im zweiten Monat.
Meine Hand zuckte zu meinem Bauch, aber ich spürte meine Arme nicht. Panik wallte in mir auf, dünn und scharf. Ich hatte mich im Schnee um meinen Bauch gerollt, Krallen und Zähne über meinem Rücken in Kauf genommen, um dieses winzige Leben zu schützen.
*Bitte. Bitte lass das Baby in Ordnung sein.*
„Der Blutdruck fällt!“, rief jemand. „Wir brauchen Alphablut für das Heilritual! Sofort!“
„Die Reserven sind aufgebraucht“, sagte eine andere Heilerin, die Stimme flach vor Panik. „Alpha Kain hat die letzten sechs Konserven für eine Privatpatientin im Schönheitschirurgie-Trakt reservieren lassen.“
Alpha Kain.
Der Name drang noch in mein schwindendes Bewusstsein. Mein Ehemann. Mein Gefährte. Der Vater des Kindes, das da drinnen um sein Leben kämpfte.
Die Heilerin, die so sanft gesprochen hatte Erna, stand auf ihrem Namensschild zog ihr Handy heraus. Ihre Hand zitterte.
„Beta Marcus, hier ist Erna aus der Heilstation. Wir haben einen Notfall.“ Ihre Stimme brach, trotz aller Bemühungen, professionell zu bleiben. „Ich muss dringend mit Alpha Kain sprechen. Luna Mira ist in kritischem Zustand. Massive innere Blutungen. Sie ist im zweiten Monat schwanger - wir brauchen Alphablut für das Heilritual. Ohne das überleben die beiden nicht.“
Eine Pause. Gedämpfte Stimmen am anderen Ende. Marcus gab die Nachricht weiter.
Dann kam er wieder an die Leitung. Seine Stimme war vorsichtig. Entschuldigend.
„Der Alpha sagt, die Reserven sind für Frau Stone reserviert. Sie lässt einen Eingriff vornehmen. Er gibt das Blut nicht frei.“
Erna erstarrte. Ihre Knöchel traten weiß hervor, wo sie das Telefon umklammerte.
„Beta Marcus, bitte sagen Sie ihm, seine Luna liegt im Sterben. Sagen Sie ihm, sein Welpe wird es ohne dieses Blut nicht schaffen -“
Ich hörte, wie Marcus das Telefon vom Ohr nahm, seine Stimme entfernte sich.
„Alpha, Ihre Luna, sie -“
„Victoria hat Priorität.“ Kains Stimme schnitt durch den Lautsprecher. Kalt. Endgültig. „Das Blut bleibt bei ihr. Und jetzt Schluss - Victoria braucht Ruhe.“
Die Leitung war tot.
Drei Worte.
*Victoria hat Priorität.*
Kälter als der Schneesturm, in dem er mich zurückgelassen hatte.
Erna starrte auf das Telefon. Ihre Hände zitterten. Als sie mich ansah, glitzerten ihre Augen mit etwas, das ich nicht benennen konnte.
Mitleid. Entsetzen. Scham für ihren Alpha.
„Es tut mir so leid, Luna“, flüsterte sie. „Ich finde einen anderen Weg. Ich -“
Aber ich hörte nicht mehr zu.
Ich fühlte.
Tief in meinem Bauch flackerte etwas. Schwach. Zerbrechlich. Kämpfend.
Dann - schwächer.
Und immer schwächer.
Meine Wölfin jaulte auf ein Geräusch, das ich noch nie von ihr gehört hatte. Roh. Zerbrochen. Das Geräusch von etwas, das mit der Wurzel herausgerissen wurde.
Dieses zarte Flattern hörte auf.
Die Wärme verschwand.
Und dann war da nichts. Nur ... Stille. Wo ein Herzschlag hätte sein sollen.
Weg.
Mein Kind war weg.
Ich wartete darauf, dass die Trauer mich überwältigen würde. Auf den Schrei, der mir aus der Kehle reißen würde. Auf die Tränen.
Es kam nichts.
Ich lag da, starrte an die Decke, und fühlte mich ... hohl. Als hätte jemand in mich hineingegriffen und alles herausgeschöpft, was zählte.
Erna weinte. Leises Schluchzen irgendwo links von mir. Sie trauerte mehr um mein Kind, als ich es konnte.
Aber ich konnte nicht weinen.
Ich hatte nichts mehr, womit ich hätte weinen können.
Kain Lindwurm hatte mir alles genommen. Meine Würde. Meine Hoffnung. Meine Träume von einer Familie.
Und jetzt mein Kind.
Wegen einer Narbe.
Wegen einer verdammten Narbe am Knie einer anderen Frau.
...
Als ich wieder aufwachte, hatte sich der reißende Schmerz zu einem dumpfen Pochen abgeschwächt.
Erna saß neben meinem Bett. Ihre Augen waren rot.
„Der Welpe ...“, begann sie.
„Ich weiß.“
Sie sagte nichts weiter. Es gab nichts mehr zu sagen.
Ich griff nach meiner Tasche auf dem Nachttisch. Meine Finger fanden das schwarze lederne Buch darin. Ich schlug es auf der letzten Seite auf.
Der Stift lag ruhig in meiner Hand.
-1 Punkt: Er ließ unser Kind sterben, um ihr eine Narbe zu ersparen.
Eintrag 100.
Endstand: 0.
Ich starrte auf die Zahl.
Null.
Einhundert Einträge. Drei Jahre voller Wunden. Und jetzt das hier der Letzte. Der, der das Konto vollständig leerte.
Das Kind war fort.
Und zum ersten Mal seit drei Jahren legte sich etwas in mir.
Nicht Trauer.
Nicht Wut.
Stille.
Die Art von Stille, die einkehrt, wenn man endlich aufhört zu bluten. Wenn die Wunde so tief geht, dass sie sich selbst sauber brennt.
Ich schloss das Buch.
Irgendwo in den Tiefen meines Geistes tauchte eine Stimme auf. Bridgets Stimme, von einem Telefonat vor drei Monaten.
„Wenn du bereit bist zu gehen, bin ich da. San Francisco. Ich habe dieses alte Lagerhaus gefunden - das könnte was Besonderes werden. Ein Zufluchtsort für Wölfe wie uns. Für Wölfe, die Heilung brauchen. Sag einfach das Wort, Mira.“
Damals war ich nicht bereit gewesen.
Jetzt war ich es.
Ich griff nach meinem Handy.
Meine Finger zitterten nicht.
