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Kapitel 1

Mein Mann fuhr rechts ran und sagte mir, ich solle aussteigen.

Ich war seine Gefährtin.

Ich trug sein Kind unter dem Herzen.

Und ein Schneesturm fraß die Autobahn.

Die Sicht lag unter drei Metern. Temperatur minus zwanzig Grad. Fünfundzwanzig Kilometer bis zum Rudelgebiet.

„Victoria hatte einen Unfall.“ Kain Lindwurms Blick klebte auf seinem Handy. Seine Stimme war angespannt - diese vertraute Dringlichkeit, die er nur für sie aufbrachte.

„Ich muss sie holen.“

Vor zehn Sekunden war er noch gefahren. Vor zehn Sekunden kamen wir vom Grab meiner Mutter zurück.

Es war das erste Mal in drei Jahren, dass er mich begleitet hatte.

Ich hätte es wissen müssen.

Als er heute Morgen zustimmte, dachte ich fast, ich hätte mich verhört.

Drei Jahre Rudelgeschäfte.

Drei Jahre lang hatte Victoria angeblich ständig etwas.

Drei Jahre voller Versprechen wie *nächstes Mal, ich schwör’s dir*.

Und heute sagte Kain Lindwurm, Alphathron des Schattenwolf-Rudels: „Ich komme mit.“

Mir stockte der Atem.

Vielleicht hatte er endlich wieder daran gedacht, dass ich seine Gefährtin war.

Vielleicht waren drei Jahre Warten doch nicht umsonst gewesen.

Vielleicht hatte ich mir auch nur was vorgemacht.

Während der gesamten Zeit auf dem Friedhof stand er drei Meter entfernt. Hände in den Taschen. Kiefer angespannt - als ob Trauer ansteckend sein könnte.

Als ich die weißen Rosen niederlegte, sah er auf seine Uhr.

Ich flüsterte das Gebet - seine Daumen hämmerten aufs Display.

„Mama, ich hab dich besucht.“ Meine Stimme zitterte. „Kain ... Kain ist auch mitgekommen.“

Ich sah mich nach ihm um.

Seine Finger flogen über den Bildschirm. Er sah nicht auf.

Ich schluckte den Rest meiner Worte hinunter.

Drei Jahre Ausreden. Und das sah also aus wie ‚sich zeigen‘.

„Wir sollten fahren.“ Er steckte sein Handy weg. „Ein Sturm zieht auf.“

Ich nickte und warf einen letzten Blick auf den Grabstein meiner Mutter.

*Nächstes Mal*, versprach ich ihr stumm. *Bring ich dir dein Enkelkind mit.*

Meine Hand legte sich wie von selbst auf meinen Bauch. Ich hatte es erst vor drei Tagen erfahren. Ich hatte es ihm noch nicht gesagt. Wollte den perfekten Moment abpassen einen Moment, in dem er gut gelaunt war, in dem er mir vielleicht in die Augen sehen würde.

Vielleicht ja heute Abend.

Dann klingelte sein Handy.

Der Bildschirm leuchtete auf, dieser Name brannte sich in meine Netzhaut.

Victoria.

Ich sah, wie er ranging. Wie sich sein Gesichtsausdruck augenblicklich veränderte.

„Kain!“ Ihre Stimme zitterte aus dem Lautsprecher - perfekt einstudierte Angst. „Ich bin mit dem Auto auf dem alten Pass von der Straße abgekommen. Gegen die Leitplanke. Mein Knie blutet und hört nicht auf. Ich glaube ... ich glaube, ich kann den Knochen sehen ...“

Seine Augen fingen an zu glühen - dieses gefährliche Gold.

Seine Wölfin erwachte.

Für sie.

So hatte er mich noch nie angesehen. Kein einziges Mal. Nicht einmal in unserer Paarungsnacht.

„Wo bist du?“ Seine Stimme war drängend, angespannt, panisch, wie ich sie noch nie gehört hatte. „Genauer Ort, sag mir den genauen Ort -“

„Der alte Pass ... diese scharfe Kurve ...“ Ihr Atem stockte. „Bitte beeil dich. Mir ist so kalt. Ich hab solche Angst, hier draußen ganz allein zu sterben.“

Das Auto ruckelte zum Stehen.

Ich wurde nach vorn geschleudert. Der Gurt schnitt in meine Schulter, quer über meine Brust.

„Raus.“

Seine Stimme war emotionslos. Wie ‚gib mir mal das Salz‘.

Ich drehte mich zu ihm um.

Sein Blick war starr auf die Straße vor uns gerichtet. Seine Hände umklammerten das Lenkrad. Er hatte die Entfernung bereits im Kopf durchgespielt.

Er hatte seine Wahl bereits getroffen.

„Kain, da draußen ist ein Schneesturm -“

„Ich sagte, raus.“ Er unterbrach mich, Ungeduld schwang in seiner Stimme mit. „Ich muss los und sie retten.“

Sie retten.

Natürlich.

„Es sind fünfundzwanzig Kilometer bis zum Rudelgebiet“, sagte ich mit ruhiger Stimme. Ruhiger, als ich erwartet hätte. „Minus zwanzig Grad. Ich schaff das nicht -“

„Ruf jemanden an, der dich abholt.“

„Ich hab keinen Empfang.“

„Dann lauf doch.“

Dann lauf doch.

Ich starrte auf sein Profil. Das Gesicht, das ich drei Jahre lang geliebt hatte. Das Gesicht, von dem ich dachte, es würde für immer an meiner Seite sein.

„Kain.“ Ich sagte seinen Namen ein letztes Mal.

Endlich drehte er sich um.

Ich sah in seine Augen. Diese Augen, in denen ich einst ertrunken war.

Keine Schuld.

Nicht der leiseste Anflug von Zweifel.

Nur diese Dringlichkeit - endlich zu ihr zu kommen.

Ich öffnete die Tür.

Der Wind traf mich wie Messerstiche. Schnee verschluckte meine Stiefel. Die Kälte fraß sich direkt durch meine Knochen, ließ sich tief in meiner Brust nieder.

Ich stieg aus.

„Kain.“

Ich weiß nicht, warum ich seinen Namen noch einmal sagte.

Vielleicht, um zu sehen, ob er sich noch einmal umdrehen würde. Vielleicht, um mir selbst eine letzte Chance auf Enttäuschung zu geben.

Er drehte sich nicht um.

Das Auto fuhr davon.

Rücklichter, die im Weiß verblassten, bis sie ganz verschwanden.

Als hätte es sie nie gegeben.

Als hätte es mich nie gegeben.

Ich stand am Straßenrand. Wind heulte. Nichts als Weiß zwischen Himmel und Erde.

Neunundneunzig.

Die Zahl tauchte aus meinem Herzen auf, klar und kalt.

Es war das neunundneunzigste Mal, dass er mich für Victoria verließ.

Ich begann zu laufen.

Der Schneesturm löschte jede Richtung aus. Die Zeit verschwamm. Meine Beine wurden taub. Eis hing an meinen Wimpern.

Als ich das Blut roch, war es bereits zu spät.

Der Geruch durchdrang den Sturm - wild, gefährlich, mörderisch.

Drei Vagabundenwölfe tauchten aus dem weißen Nichts auf. Grüne Augen. Verkrustete Fänge. Der Hunger wallte in Wellen von ihnen ab.

Ich war ins verbotene Gebiet geraten.

Sie gingen auf mich los wie ein Sturm Zähne, Krallen, eine Abfolge von Gewalt, der ich nicht folgen konnte.

Aber ich wusste, worauf sie es abgesehen hatten.

Nein.

Ich rollte mich um meinen Bauch ein. Nahm die Krallen auf meinem Rücken hin. Nahm die Zähne in meinen Schultern hin. Ließ sie mich von außen zerfetzen.

Nicht das Baby. Alles, nur nicht das Baby.

Blut tränkte den Schnee. Rot auf Weiß. Die Welt kippte zur Seite.

Ich ließ nicht los.

Neunundneunzig.

Das neunundneunzigste Mal, dass er sie mir vorzog.

Ein Punkt Abzug.

Nur noch ein Punkt in meinem Buch.

Und tief in mir trug ich noch immer sein Kind.

Das Bewusstsein entglitt mir. Langsam. Schwer. Wie ein Versinken in dunklem Wasser.

*Es tut mir leid, Kleines.*

*Mama hat es versucht.*

*Dein Vater hätte hier sein sollen.*

*Aber das war er nie.*

*Das würde er nie.*

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