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Kapitel 3

Als ich endlich die Badezimmertür aufbekam, war ich praktisch auf allen vieren.

Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, doch ich hatte keine Zeit, Luft zu holen.

Dante konnte jeden Moment zurückkommen.

Ich musste holen, was ich brauchte, bevor er etwas bemerkte.

Die Tür zum Arbeitszimmer stand einen Spalt offen.

Ich schlüpfte hinein und drückte meine Finger gegen das versteckte Fach in der untersten Schublade seines Schreibtischs—eine Stelle, die ich während einer meiner Aufräumarbeiten entdeckt hatte.

Es war noch da.

Eine Mappe, still im Dunkeln liegend.

Ich öffnete sie hastig.

Mehrere Seiten mit Kontoauszügen von Offshore-Konten.

Ein paar verschwommene Fotografien.

Meine Hände waren nicht ganz ruhig, aber ich hielt sie fest genug, um jede wichtige Seite mit meinem Handy zu fotografieren.

Als ich fertig war, legte ich die Mappe exakt so zurück, wie ich sie gefunden hatte—sogar im gleichen Winkel.

Ich hatte gerade die Tür des Arbeitszimmers leise geschlossen, als ich direkt gegen eine feste Brust lief.

Dante stand am anderen Ende des Flurs.

In seiner Hand ein frisch eingeschenktes Glas Wasser.

Sein Blick glitt über mein Gesicht wie eine Klinge.

Dann wanderte er nach unten.

Zu meinen Füßen.

Zu meinen Hausschuhen, die mit Schmutzflecken übersät waren.

„Wer hat dich rausgelassen?“

Seine Stimme war leise.

Die Art von leiser Stimme, bei der einem der Nacken kribbelt.

Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück.

Meine Schulterblätter pressten sich gegen die kalte Wand.

Mir lief ein Schauder über die Haut.

„Ich… ich weiß, dass ich falsch lag… Dante, bitte—“

„Ach so?“

Er kam auf mich zu.

Jeder Schritt traf meine Nerven wie ein Schlag.

Er sah mich nicht an.

Er stieß die Tür zum Arbeitszimmer auf und ging hinein.

Mein Herz sprang mir bis in den Hals.

Hatte ich die Schublade wirklich ganz zugeschoben?

In meiner Hast—

Ein paar Sekunden später ging das Licht im Arbeitszimmer wieder aus.

Dante kam heraus.

Sein Gesicht war erschreckend ruhig.

Er packte mein Handgelenk.

Sein Griff war so fest, dass er beinahe meine Knochen zerbrach.

„Offenbar habe ich dir noch keine ausreichende Lektion erteilt.“

„Dante, du tust mir weh—!“

Ich versuchte mich loszureißen.

Doch er zog mich bereits in Richtung Kellertreppe.

„Ganz schön freche Zunge.“

Ein kaltes Lachen.

Dann schleifte er mich nach unten.

Die Kellerbeleuchtung war kaputt.

Nur eine Notlampe tauchte alles in ein kränklich blasses Licht.

Er stieß mich gegen die Wand.

Dann griff er unter seine Jacke

und zog eine schwarze Pistole hervor.

Der kalte Lauf berührte meine Stirn.

Jeder Tropfen Blut in meinem Körper gefror.

„Clara.“

Er beugte sich zu meinem Ohr.

Sein Atem streifte meine Haut.

„Weißt du, was ich am meisten hasse? Hunde, die nicht gehorchen.“

Er ließ die Worte wirken.

„Was hast du gerade aus meinem Arbeitszimmer genommen?“

„Ich habe nichts—“

Meine Stimme zitterte.

Nicht vor Angst zu sterben.

„Nichts?“

Der Lauf glitt nach unten.

Und blieb auf meinem Bauch liegen.

Auf der Stelle, an der gerade erst ein Leben begonnen hatte.

„Nein!“

Der Schrei riss aus mir heraus, bevor ich ihn stoppen konnte.

Ich schlang die Arme um meinen Bauch.

Wenn hier eine Kugel fiel,

würden weder mein Kind noch ich überleben.

Dantes Gesicht blieb unverändert.

Wenn überhaupt, hob sich der Mundwinkel leicht.

„Rede.“

„Sag mir, was du gesehen hast.“

„Wenn du es nicht tust, ist heute dein letzter Tag.“

Er sprach ruhig weiter.

„Ich werde allen erzählen, du hättest einen Nervenzusammenbruch gehabt und dich selbst erschossen. Niemand wird es hinterfragen.“

Ich biss die Zähne so fest zusammen, dass ich Blut schmeckte.

Ich konnte nichts sagen.

Durfte nichts sagen.

Die Tränen liefen inzwischen, vermischten sich mit kaltem Schweiß und tränkten meinen Kragen.

Ich durfte nicht gestehen.

Wenn ich gestand, wäre jede Tür verschlossen.

„Du glaubst, ich drücke nicht ab?“

Sein Finger lag am Abzug.

Ein trockenes, leises Klick.

Das Geräusch des Todes.

In diesem Moment klingelte oben das Festnetztelefon.

Kurz darauf rief die Stimme des Butlers die Treppe hinunter:

„Junger Herr, Signor Antonio ist hier. Er sagt, es sei dringend.“

Dantes Stirn zog sich zusammen.

Sein Blick blieb auf mir.

Kalt.

Unbeweglich.

Die Pistole lag noch immer auf meinem Bauch.

Das Telefon klingelte erneut.

Schrill.

Drängend.

Endlich senkte er die Waffe.

Doch bevor ich aufatmen konnte, traf mich sein Handrücken im Gesicht.

Der Schlag hallte durch den ganzen Keller.

Meine Ohren rauschten.

„Dieses Mal hattest du Glück.“

Er ging in die Hocke, packte mein Kinn und zwang mich, ihn anzusehen.

„Wenn du noch einmal meine Sachen anrührst, bleibt es nicht bei einer Warnung. Hast du mich verstanden?“

Ich zitterte.

Die Tränen hörten nicht auf.

Doch ich machte keinen Laut.

Ich hatte Angst vor ihm.

Echte, tiefe Angst.

Aber noch größer war meine Angst um das Kind in mir.

„Ich habe verstanden.“

Drei Worte.

Zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgepresst.

Er ließ mich los, stand auf und ging mit langen Schritten die Treppe hinauf.

Die Kellertür schlug zu

und schnitt jedes Licht ab.

Ich sackte auf den Boden.

Mein Magen krampfte sich zusammen.

Ich kroch zum Mülleimer in der Ecke und übergab mich.

Galle und Tränen kamen zusammen hoch.

Ich kauerte mich zusammen.

Bis in die Knochen kalt.

Für einen Moment hatte ich wirklich geglaubt,

ich würde hier unten sterben.

Dante war kein Mensch.

Er war ein Monster.

Ich wischte mir das Gesicht ab und zog mich mit Hilfe der Wand hoch.

Die Frau im schwachen Spiegelbild war ein Wrack.

Am Mundwinkel lief noch Blut.

Doch die Angst in ihren Augen verschwand langsam.

Und machte etwas anderem Platz.

Etwas Scharfem.

Entschlossenem.

Ich konnte nicht länger warten.

Ich musste gehen.

Jetzt.

Zurück in meinem Zimmer zwang ich mich zur Ruhe.

Ich begann, die Haushaltsliste durchzugehen, als würde ich die Einkäufe für nächste Woche prüfen.

Währenddessen beobachtete ich genau Dantes Gewohnheiten—

wo er Dinge versteckte,

wie er sich im Haus bewegte.

Sein Ersatzschlüssel musste irgendwo im Arbeitszimmer sein.

Vielleicht in einem Geheimfach.

Hinter dem Safe.

Ich nahm mein Handy heraus und suchte die Nummer des Dokumentenfälschers.

„Hallo. Hier ist Clara.“

Meine Stimme war noch etwas rau.

Doch meine Entschlossenheit war unerschütterlich.

„Ich akzeptiere dein Angebot. Und ich brauche außerdem einen Notausgang. So schnell wie möglich.“

Ich legte auf und schob das Handy wieder unter die Matratze.

Meine Hand ruhte auf meinem Bauch.

Noch empfindlich von der Stelle, an der die Waffe gelegen hatte.

„Hab keine Angst“, flüsterte ich.

Zu mir selbst.

Und zu dem Kind, das ich trug.

„Mama bringt uns hier raus.“

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