Kapitel 5
Der kleine Junge schrie schon seit einer knappen Viertelstunde. Sein Gesicht hatte sich schon längst rot verfärbt. Und seine Mutter? Die interessierte das ganze nicht mal ein kleines bisschen. Sie ging einfach mit einer Zigarette im Mund und ihrem Sohn auf dem Arm durch die Straßen. Die Blicke der Passanten ignorierte sie gekonnt.
Irgendwann verfärbte sich das Gesicht des kleinen Jungen von einem Rotton zu einem leichten blau, als sie gerade zusammen durch einen Park gingen.
"Halt doch endlich deine verdammte Schnauze!", schrie sie dem Jungen ins Ohr, woraufhin dieser verstummte und in eine Art Ohnmacht fiel. Seine Mutter atmete erleichtert aus und sah sich schnell um. Sie schob das Shirt ihres Sohnes etwas nach oben, nahm einen letzten Zug von ihrer Zigarette und drückte diese dann gewaltsam auf dem Rücken ihres Sohnes aus, bevor sie diese dann einfach achtlos auf den Boden warf und sich hinkniete.
"Bitte verreck hier doch einfach!", flüsterte sie noch, bevor sie sich erneut umsah, dann ihren Sohn auf dem kalten Schnee ablegte und dann einfach ihren Weg weiterführte.
***
Schnell schüttelte Jacob seinen Kopf und ging einige Schritte nach hinten. Dünne Tränen verließen direkt seine Augen und ihm wurde kalt, kälter als damals im Schnee.
"Hey, nicht doch weinen!", sagte Tim leise zu ihm und blieb stehen. "Komm her", fügte er hinzu, als er sah, wie heftig sein kleiner Bruder zitterte.
Jacob ging langsam und wackelig von der kälte auf seinen Bruder zu und ließ sich fest von ihm in die Arme nehmen. Daraufhin fing er laut und stark an zu weinen. Tim versuchte ihm beruhigende Worte zu zu flüstern, jedoch half es nur ein kleines bisschen, somit wurde Jacob also nur kaum bemerkbar leiser.
Jacob würde es seinem Bruder ja erzählen, jedoch hatte er bis jetzt noch niemandem erzählt, wieso er damals im Schnee gefunden werden musste. Abgesehen davon wusste er davon fast nur aus Erzählungen, aber kleine Teile dessen sah er manchmal vor seinem inneren Auge, und er hatte eine zu große Angst vor den Reaktionen von den Leuten die es erfahren würden.
"Möchtest du mir erzählen was los ist?", fragte Tim seinen Bruder nach einer kurzen Stille. Schnell schüttelte der schwarzhaarige seinen Kopf : "Ich kann nicht!"
Der braunhaarige strich ihm sanft über den Rücken : "Ist okay."
Die beiden Geschwister verweilten noch einige Minuten so, bis der braunhaarige dann bemerkte, dass der schwarzhaarige wieder in seinen Armen eingeschlafen war. Vorsichtig versuchte Tim ihn wieder irgendwie auf den Arm zu nehmen, was ihm gerade noch so gelang, also trug er den kleinen Körper in sein Bett, deckte ihn zu und verließ dann selbst leise sein eigenes Zimmer.
"Mama? Kann ich mal mit dir reden?", fragte er seine Mutter, nachdem er sie kurz darauf im Flur antraf.
"Natürlich", antwortete sie und wollte in das Zimmer ihres leiblichen Sohnes gehen, welcher sie jedoch davon abhielt, indem er sich zwischen seine Mutter und die Tür stellte : "Jacob schläft da drinnen."
Die Mutter des Jungen nickte. Sie nahm die Hand ihres Sohnes und ging mit ihm in ihr Büro.
"Was ist denn los mein Schatz?", fragte sie ihn dann und ließ seine Hand los. Sie kniete sich vor ihm hin, nachdem sie die Tür geschlossen hatte, und sah ihm gespannt in die Augen.
"Was ist mit Jacob los?", fragte der kleine achtjährige dann.
"Wie meinst du das?", stellte sie ihm eine Gegenfrage.
"Manchmal, wenn ich auf ihn zugehe oder ihn einfach nur berühren oder nach ihm greifen möchte, hat er angst und fängt an zu weinen. Gerade hat er auch angefangen zu zittern, wo ich auf ihn zugegangen bin und ihm meine Hand geben wollte", erklärte der braunhaarige und sah daraufhin traurig zur Seite. Eine einzelne, dünne Träne rollte ihm daraufhin die linke Wange herunter, welche ihm seine Mutter direkt wegwischte und sein Gesicht vorsichtig wieder zu ihr hindrehte.
"Jacob hatte es schwer, sagen wir es so", gab sie knapp von sich.
"Hat er Angst vor mir Mama?", fragte Tim traurig weiter.
"Nein, er hat keine Angst vor dir, sondern von dem was du machst", erklärte sie.
"W-was mache ich denn?!", fragte der kleine Junge weiter und fing an zu schluchzen.
"Nichts...Jacob weiß nur nicht immer was du machen möchtest und schreckt deswegen zurück. Er hat einfach nur Angst vor den Dingen die mit ihm gemacht werden, weil er nicht weiß was als nächstes passiert", erklärte sie genauer.
"Wieso hat er denn Angst davor?", fragte er noch weiter.
"Das weiß ich nicht, dafür müssen wir ihn länger kennen...immerhin kennen wir ihn erst zwei Tage", stellte sie fest. "Zwei Tage erst?! Es kommt mir schon so lange vor!", sagte der Junge und machte große Augen.
"Mir auch. Nun gut, bitte frag Jacob nicht so aus, okay? Ich glaube nicht, dass es dadurch besser für ihn wird", lächelte sie, woraufhin ihr Sohn ebenfalls lächelte, kurz nickte, seiner Mutter einen Kuss auf die Wange gab und dann das Büro verließ, um runter zu seinem Vater zu gehen, da die Beiden fast jeden Donnerstag etwas zusammen unternahmen.
"Papa? Was machen wir heute?", fragte Tim seinen Vater freudig, nachdem er ihn in der Küche gefunden hatte.
"Ich wollte heute mit euch backen. Wo ist Jacob?", fragte der Vater und nippte kurz darauf an seinem Kaffee. "Er schläft", antwortete Tim daraufhin knapp.
"Schläft er denn nur ?", fragte der Mann leicht lachend, woraufhin ihn sein Sohn jedoch nur mit einem leicht traurigen Blick ansah.
"Sollen wir warten bis Jacob wach ist?", fragte der Vater dann vorsichtig weiter und stoppte zuvor sein Lachen.
"Nein, ich möchte ihn überraschen! Was backen wir überhaupt?", fragte der braunhaarige und sah sich etwas mit den Blicken im Raum um.
"Ich hatte mir gedacht wir machen einen Regenbogenkuchen!", sagte er und fing an so einiges zusammen zu stellen und zu legen.
"Machen wir auch alle Farben rein?!", fragte der kleine Junge mit leuchtenden Augen.
"Ja, aber die müssen wir dann selbst machen", lächelte ihm sein Vater zu und kurz darauf fing der Spaß auch schon an.
