Kapitel 5
Ich erinnerte mich an unseren ersten Versuch. Unterbrochen, weil Juna behauptete, von Rivalen belästigt worden zu sein. Matteo nahm den Anruf entgegen und ließ mich am Altar stehen, um mit seinen Männern auszurücken.
Beim elften Mal hatte Juna einen „Autounfall“. Matteo war so außer sich, dass seine Augen rot unterlaufen waren, der Konvoi raste über jede rote Ampel.
Beim einundzwanzigsten Mal war es wieder Juna...
Neunundneunzig Male Selbstbetrug. Jetzt endlich sah ich klar.
Matteo Lombardi hatte mich nie geliebt. Diejenige, die er liebte, war Juna Ricci - das Mädchen, das mit ihm in Blut und Schatten der Familien aufgewachsen war.
Deshalb war ich ihm nicht einmal einen Dollar wert.
Aber wenn er mich nicht liebte, warum hatte er dann um meine Hand angehalten?
Ich kam nicht dahinter, und es spielte auch keine Rolle mehr.
Plötzlich begann ich zu lachen, ein hysterisches, abgehacktes Lachen, während die Tränen nur noch heftiger strömten.
Einer der Entführer trat mir mit voller Wucht in die Lende. Ich hörte ein deutliches, trockenes Knacken - mein Wirbel.
„Wenn dein Verlobter nicht zahlen will, dann übertragen wir das halt live. Vielleicht findet sich im Netz ja ein Samariter.“
Er lachte wahnsinnig, während er das Telefon für den Stream einrichtete. Dann stülpte er mir einen groben Sack aus Jute über den Kopf.
Danach begann die Hölle. Schläge mit einem Metallrohr, ein Holzstuhl, der auf mich niedersauste, eine rostige Eisenstange...
Ich lag am Ende wie ein Stück weggeworfenes Fleisch auf dem Boden, Blut spuckte mir mit jedem Husten aus dem Mund.
„Was ist das? Ein neues Snuff-Video?“
„Das sieht übertrieben echt aus! Die Darstellerin ist ja irre gut.“
„Das kann nicht echt sein. Wer streamt denn echte Folter live? Wär ja lebensmüde.“
„Geil. Streamer, hau noch mal richtig drauf!“
Der Entführer überflog die Kommentare und grinste. Er zog ein Messer und stach es tief in meinen Oberschenkel.
Ich brachte nicht mal mehr einen Laut hervor. Mein Körper zuckte nur noch krampfhaft.
Dann holte er einen kläffenden Rottweiler herein. Die Bestie stürzte sich auf mich und begann, an meinem Arm zu reißen.
Innerhalb von Sekunden war mein Unterarm nur noch eine blutige, zerfetzte Masse.
Der Schmerz riss mich über jede Grenze hinaus. Meine Gedanken wurden weiß...
In diesem Moment riss der Hund den Sack von meinem Kopf. Mit allerletzter Kraft sah ich direkt in die Kamera und hauchte:
„Helft... mir...“
„Heilige Scheiße... Ich glaube, das IST echt!“
Das Gesicht des Entführers versteinerte. Ohne eine Sekunde zu zögern, brach er die Übertragung ab.
Genau in diesem Moment kam eine neue Videobenachrichtigung auf meinem Telefon.
Darauf war Juna zu sehen. Sie trug mein Hochzeitskleid. Sie stand vor dem Priester und sprach Matteo das Jawort.
Sie standen nebeneinander - in Weiß und Schwarz - und sahen aus wie das perfekte Paar.
Unser hundertster Versuch. Und die Braut war nicht ich.
Ich versuchte zu lächeln, aber meine Lippen gehorchten nicht mehr. Meine Lider fielen zu.
Eine letzte Träne rann aus meinem Augenwinkel und versickerte in meinem Haar.
Die Dunkelheit nahm mich ganz und gar auf.
Noch am selben Tag verbreitete sich die Nachricht - „Lombardi-Erbe tauscht am Traualtar die Braut“ - wie ein Lauffeuer.
Und im Dark Web machte ein anderes Video die Runde: die Aufzeichnung meiner Folter.
Während die Hochzeitsgesellschaft feierte, warf Matteo einen Blick auf sein Telefon und dachte kalt, wie ich wohl reagieren würde, wenn ich die News sähe.
In diesem Moment kam sein Untergebener Nico Falcone atemlos auf ihn zugerannt.
Matteo lehnte sich gelangweilt zurück.
„Was gibt's? Hat Karolin die Schlagzeilen gesehen und kommt jetzt reumütig angekrochen?“
Doch Nico stotterte, sein Gesicht war leichenblass.
„Boss... Frau Karolin... sie... sie könnte in Gefahr sein...“
