Kapitel 4
Ich blieb vier Tage in der Klinik. Ricardo kam nicht.
In ein paar Tagen kann ich gehen, sagte ich mir. Dann siehst du mich nie wieder.
Da trat er ein, Sofia am Arm. Der Blaudiamant blitzte protzig an ihrer Hand.
„Ella.“ Sofia löste sich, trat ans Bett. Ihr Gesicht zeigte einstudierte Sorge. „Wie geht es dir?“
„Besser“, sagte ich. Mein Blick wanderte zu ihm.
Er stand hinter ihr, die Hand auf ihrer Schulter. Genau so hatte er einst an meinem Bett gestanden. Nur damals hielt er meine Hand.
Sofia setzte sich, kreuzte die Beine. Ihr Blick blieb an mir haften, aber ihre Gedanken waren woanders.
„Deine Narbe...“, sagte sie leise und sah auf das Tattoo unter meinem Schlüsselbein. „Wird es bleiben?“
„Wahrscheinlich.“
„Schade.“ Falsches Bedauern. Sie sah zu Ricardo. „Schatz, erinnerst du dich, als wir Ellas Tattoo zum ersten Mal sahen? Du sagtest, es sei etwas Besonderes.“
Ricardo schwieg. Sein Gesicht war eine Maske.
Sofia stand auf, ging zu ihm. Ihre Hand glitt zu seinem Nacken, ihre Finger streichelten unter dem Hemdkragen. Eine vertraute, intime Geste.
„Dieses Tattoo auf deinem Nacken“, ihr Ton wurde weich und bekümmert, „jedes Mal denke ich daran, dass du und Ella es zusammen entworfen habt. Eine Schlange um ein Herz, mit Schwertlilien... schön, aber es beunruhigt mich.“
Sie sah zu ihm auf, mit den Augen eines verängstigten Rehs.
„Es ist ein Teil eurer Vergangenheit, von dem ich ausgeschlossen bin. Es macht mich unsicher.“
Die Klinik war still. Ich wartete.
Vor sieben Jahren hatte ich hinter ihm gekniet und das Muster auf seine Haut gezeichnet. Die Schlange für ihn, die Lilie für mich, das Herz für uns. Er hatte gelächelt und gesagt, es sei unser Geheimnis.
Jetzt berührte ihre Hand dieses Geheimnis.
Ricardo zögerte Sekunden. Dann griff er zum Telefon.
„Marco. Schick den Tätowierer her. Sofort.“
Er legte auf und sah Sofia an. „Dann wirst du dich sicher fühlen.“
Diese Worte trafen mich wie Messer. Ich suchte in seinem Gesicht nach Zögern, nach Widerstand.
Nichts. Nur kalte Entschlossenheit.
Der Tätowierer kam, jung, sichtlich verunsichert.
„Patenonkel, hier... wirklich?“
„Ja.“ Ricardo knöpfte sein Hemd auf.
Sofia half ihm, routiniert. Sein Rücken war frei. Ich sah das Tattoo - jede Linie kannte ich.
„Nimm das Doppelbären-Wappen“, sagte Sofia, kaum ihre Genugtuung verbergend. „Das Rostov-Zeichen. Deck das Alte vollständig ab.“
Der Mann sah Ricardo an. Ricardo nickte und setzte sich.
Das Surren der Maschine war grell in der Stille. Beim ersten Nadelstich zuckten seine Muskeln. Er stöhnte nicht, hielt nur Sofias Hand.
„Tut es weh?“
„Nein.“ Er sah sie an. „Nichts tut weh, wenn es für dich ist.“
Ich sah zu, wie das Tattoo auf seinem Nacken verschwand. Schwarze Tinte fraß das Lila der Lilien, Bärenklauen überwucherten die Schlange. Das Zeichen unserer sieben Jahre wurde vor meinen Augen ausradiert.
Und auf seinem Gesicht? Kein Schmerz. Kein Kampf. Nur die stumpfe Ergebung eines Mannes, der einen lästigen Vertrag kündigt.
Weil er sie liebte. Die Erkenntnis überflutete mich wie eisiges Wasser.
Es dauerte keine Stunde. Das alte Tattoo war weg. Nur noch gerötete Haut und das neue, fremde Bärenwappen.
Sofia beugte sich vor, musterte es, ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen.
„Perfekt“, sagte sie und küsste seine Wange. „Jetzt gehört es nur mir.“
Ricardo stand auf, zog das Hemd über. Er legte den Arm um sie, erwiderte den Kuss.
Sieben Jahre unserer Geschichte. Ausgelöscht. Für sie. Vor meinen Augen.
