Besucher
Eine Woche war vergangen und das Fieber hatte mich wieder eingeholt. In den letzten paar Tagen hatte ich den geeigneten Unterschlupf gefunden und diesen mit Blättern und Ästen getarnt und bequem gemacht. Er war perfekt.
In der Nähe floss ein Bach vorbei und es gab jede Menge Sträucher mit Brombeeren. Pilze hatte ich auch einmal gefunden, welche ich über einem Feuer geröstet hatte. Mit meinen blossen Händen hatte ich einen Fisch gefangen.
Diesen hatte ich ausgeweidet, als hätte ich das schon mein Leben lang getan.
Tatsächlich war es das erste Mal! Über dem Feuer gebraten, schmeckte er köstlich. Mir ging es recht gut und ich war glücklich und sorgenlos.
Bis das Fieber vor zwei Tagen heftig zurückgeschlagen hatte. Seit dem lag ich mal schwitzend, mal frierend in meinem Unterschlupf und wartete, bis es von alleine vorbei ging. Mein Zeitgefühl hatte ich komplett verloren.
Meine Stirn war so heiss, dass ich mich daran fast verbrannt hatte und meine Körperteile brannten und schmerzten wie die Hölle. Ich dachte, dass ich jeden Moment sterben würde. Immer öfters versank ich immer länger in der Dunkelheit. Tja, das wars dann wohl.
Mit diesen Gedanken und schon von meinem Leben verabschiedet, schloss ich meine Augen und liess mich von der Dunkelheit einhüllen.
***
Das flattern zweier Flügel drängte an meine Ohren und ich öffnete schwerfällig die Augen. Ein Rabe hatte sich an den Eingang von meinem Unterschlupf gesetzt. Ich wusste nicht, ob ich mir das nur einbildete, aber er schien mir direkt in die Augen zu sehen.
Er legte seinen Kopf leicht schräg und betrachtete mich eine Weile. „Hey", begrüsste ich ihn mit rauer Stimme.
„Ich weiss nicht, ob da was dran ist, dass ihr das Omen des Todes seid."
Der Rabe sah mich fragend an, als würde dieser mich verstehen. „Aber wenn das stimmt, dann geh. Ich bin noch nicht bereit, zu sterben." Er krächzte ein mal, breitete seine Flügel aus und flog davon. Völlig erschöpft schloss ich wieder meine Augen und sank in die Dunkelheit.
***
„Wird sie wieder?", fragte jemand in der Nähe besorgt. Ich konnte drei Herzschläge hören, welche nicht weit von mir entfernt waren. „Sie hatte extrem hohes Fieber, viel höher, als es normalerweise wäre. Aber sie wird wieder. Gib ihr Zeit.", antwortete eine sanfte Frauenstimme. „Bringst du ihm bitte was zu trinken?", wandte sie sich an wahrscheinlich die dritte Person.
Denn diese entfernte sich darauf. Auch die Frau entfernte sich langsam und zog die Tür hinter sich zu. Wieso ich wusste, dass sie gegangen ist und nicht er? Ich hörte es an ihrer Gangart. Er war zu leichtfüssig im Gegensatz zu ihm, der vorhin den Raum verlassen hatte.
Zögerlich näherte die letzte Person sich mir und setzte sich tief durchatmend neben mich. „Hallo Rhianna.", begann er zu sprechen.
Oh scheisse, ich bin wieder zurück..!
Wer sonst kannte meinen Namen, ausser die Leute im Dorf. „Ich hab lange auf diesen Moment gewartet." Warte. Diese Stimme kenn ich gar nicht. Die Neugierde hatte mich gepackt und ich wollte unbedingt sehen, wer meinen Namen kannte. Doch ich war zu schwach. Ich brachte es nicht mal fertig, meine Augen zu öffnen. „Ich weiss, du kennst mich nicht. Aber wenn du mich sehen könntest, wüsstest du es bestimmt." Der Mann redete die ganze Zeit weiter und ich horchte seiner angenehm tiefen Stimme.
Irgendetwas an seiner Art kam mir seltsam vertraut vor, doch ich konnte nicht sagen, was es war. Die Tür öffnete sich leise und der andere Mann huschte leise zu meinem Besucher und überreichte ihm ein Glas. „Danke.", bedankte mein Besucher sich und der andere huschte wieder aus dem Zimmer.
„Du kannst mich hören stimmts?", stellte er die Frage an mich. „Wenn du kannst, bewege deinen kleinen Finger." Den kleinen Finger bewegen. Verdammt..! Wie geht das noch gleich?
Er wartete eine Weile auf eine Reaktion von mir, doch ich brachte es nicht zustande. Wo verdammt ist mein kleiner Finger?
Ich versuchte meinen Körper zu spüren, doch alles was ich spürte, war meine Lunge, welche sich hob und wieder senkte. Der Mann sprach weiter, doch ich war zu abgelenkt, um ihm richtig zu zuhören.
Dann gelang es mir, wenigstens meinen kleinen Finger ausfindig zu machen.
Mit höchster Konzentration und aller Kraft, die ich im Moment hatte, versuchte ich meine Finger zu bewegen.
„Also, ich muss gehen, aber morgen komme ich wieder.", verabschiedete sich der Mann und ging aus dem Raum.
Verdammt! Zu spät..
Die Tür ging wieder auf und der andere Mann huschte durch das Zimmer. Als er das Glas nehmen wollte, hielt er in seiner Bewegung inne.
Ich spürte, wie er mich lange betrachtete. Kurz darauf setzte er sich an der Stelle hin, an der vorher der andere gesessen hatte. Lange sagte er nichts, sondern sah mich einfach nur an.
„Du bist wunderschön.", sagte er dann endlich mit einer sanften, warmen, tiefen Stimme. An der Stimme erkannte ich, dass er älter als ich war, aber dennoch ziemlich jung sein musste.
Er hob seine Hand und strich mir sanft über die Wange. Es fühlte sich überraschend gut an. Dann stand er auf, beugte sich zu mir und flüsterte in mein Ohr. „Ich besuche dich so oft ich kann. Meine Seelenverwandte."
Mit diesen Worten richtete er sich auf, verschwand aus dem Raum und liess mich mit vielen Fragen alleine. Seelenverwandt? Wie will er das wissen? Wer ist er? Meine Freude verwandelte sich schnell in Sorge.
Er soll sich jemand anderes suchen. Ich kann mich nicht verwandeln.. Ich bin nicht vollblütig. Die Dunkelheit kündigte sich an und zog mich in den Schlaf.
***
Das nächste mal wurde ich von lauten Stimmen geweckt. Draussen vor der Tür stritten sich zwei Menschen. Ich konnte nicht verstehen, worum es ging, aber schlussendlich kam jemand herein. Es war mein erster Besucher von gestern.
Mir ging es schon ein bisschen besser.
„Hallo Rhianna.", begrüsste er mich.
Jetzt sammelte ich all meine Kraft, um ihm zu zeigen, dass ich ihn hören konnte und befahl meinem kleinen Finger, sich zu bewegen. Und allem Anschein klappte es, denn er zog scharf die Luft ein. „Ich wusste, dass du mich hören kannst. Mein Gott, bin ich froh, dass es dir gut geht. Naja, wenigstens besser.."
Ich konnte seine Erleichterung spüren, während er ruhig neben mir sass. „Ich weiss, dass dein Leben für dich bisher nicht leicht gefallen ist. Das tut mir sehr leid. Ich wünschte, ich hätte es dir einfacher gestalten können." Er legte wieder eine Pause ein.
Offenbar wollte er mich nicht voll quatschen, wie es andere getan hätten.
Danach sass er einfach an meiner Seite und leistete mir eine Weile Gesellschaft.
„Ich muss wieder gehen. Bis morgen."
Als er gegangen war, liess ich mir seine Worte durch den Kopf gehen. Woher wusste er, wie mein Leben bisher verlaufen war? Wie hätte er das geändert?
Als ich fast in den Schlaf geglitten war, öffnete sich die Tür und die Frau kam in den Raum. Sie legte ein kaltes, nasses Tuch auf meine Stirn und steckte mir einen Fiebermesser in den Mund.
Während sie den arbeiten liess, machte sie mir mein Bett so gut es ging frisch und flösste mir danach eine Flüssigkeit ein. Sobald ihre Arbeit getan war, verliess sie den Raum wieder.
Kurz darauf öffnete sich die Tür schon wieder. Auf leisen Sohlen huschte jemand an meine Seite. „Hallo Schönheit.", begrüsste er mich. Es war der Typ von gestern. So gern ich meine Augen auch öffnen wollte, es gelang mir leider nicht. Ich war noch ein bisschen zu schwach.
Als er sanft meine Hand in seine nahm, genoss ich die Berührung. Um ihm zu zeigen, dass ich anwesend war, drückte ich leicht seine Hand. Ich hörte, wie sein Herzschlag zu stolpern begann. „Ich wusste nicht, dass du mich hören kannst." Die Verlegenheit in seiner Stimme war zu hören. „Tut mir leid, ich wollte mich dir nicht aufdrängen."
Darauf wollte er meine Hand loslassen, doch ich schloss meine um seine. Nicht so stark, dass er sich nicht lösen konnte, sondern nur um zu zeigen, dass er sich mir nicht aufdrängte. Eine Weile sass er einfach nur da und sah mich an.
Mit seiner freien Hand strich er mir über mein Haar. Viel zu schnell musste er sich wieder verabschieden. „Ich muss leider wieder gehen. Meine Arbeit löst sich nicht in Luft auf.." Er stand auf und hatte schon den ersten Schritt getan, als er sich wieder zu mir drehte. „Wahrscheinlich werde ich es nicht mehr schaffen, dich zu besuchen, bevor du aufwachst."
In seinem Ton lag einen Hauch von Traurigkeit. Ich hörte, wie er wieder näher zu mir kam. Er beugte sich über mich und gab mir mitten auf meinen Mund einen Kuss.
Jetzt war es mein Herz, welches ins stolpern geriet. Mit einem Lächeln löste er sich von mir und strich mir über die Wange. „Ich hole mir wieder einen, wenn ich dich wieder sehe." Mit diesen Worten verschwand er dann auch aus dem Raum und liess mich allein. Alleine mit meine Gedanken und Gefühlen.
