Kapitel 2 - Anthelia
Man kennt solche Momente aus den vielen Erzählungen anderer, wenn sie von ihren wilden Abenteuern in der Wildnis erzählen. Wenn die Panik sie ergreift und sie um ihr Leben rennen, bis sie sich anders entscheiden und die Bestie bezwingen.
Ich habe nie an so etwas geglaubt. Es klang immer wieder viel zu erfunden und unglaubwürdig. Wer würde schon freiwillig einfach sich einer Bestie stellen, die viel erhabener ist? Nie habe ich daran geglaubt - bis jetzt.
Ihre schnellen Schritte höre ich gedämpft hinter mir. Der gesamte Waldboden vibriert unter mir. Es müssen mindestens Fünfzig, wenn nicht sogar Hunderte hinter mir her sein. Nicht ein einziges Mal habe ich es gewagt mich umzudrehen, um herauszufinden, was mich verfolgt.
Ich will es gar nicht wissen. Das Einzige, was jetzt wichtig ist, ist die volle Konzentration auf das Rennen. Noch nie war ich gut in Ausdauer, geschweige denn überhaupt in Rennen. Ein Grund könnte dafür sein, dass ich nicht nur ein Mauerblümchen bin, sondern auch ein Tollpatsch.
Die Dunkelheit nimmt mir die Sicht auf meine Umgebung. Ich kann nur hoffen nicht gegen einen Baum zu laufen, denn dann wäre es vorbei. Keuchend zwinge ich einen Fuß vor den Anderen, um meinen Verfolgern zu entkommen.
Jeder weitere Schritt brennt in meinen Oberschenkeln wie Feuer. Meine Kehle verlangt dringend nach Wasser und Sauerstoff, doch kann ich nicht einfach anhalten.
Ich muss durchhalten, oder ich werde schneller mein Leben verlieren als mir lieb ist. Atemlos renne ich immer tiefer in den dichten Wald hinein. Die Orientierung hat mich schon längst verlassen. Salzige Tränen rennen meine Wangen hinunter und trüben meinen Blick.
Ich kann nicht mehr. Ihre Schritte kommen immer Näher. Als meine letzte Chance fange ich verzweifelt an mich im Zick Zack an den Bäumen vorbeizuschlängeln, was mir einige Schürfwunden an den Armen und Beinen einfängt.
Die Wunden brennen höllisch, doch bringt es mich nicht davon ab weiter um mein Leben zu rennen. Lautes Knurren und Heulen dringt durch den dichten Wald. Erschrocken wende ich mich nach hinten, um zu sehen, ob sie mich noch verfolgen.
Das Vibrieren ist definitiv immer noch zu spüren. Der Boden pulsiert unter ihren schnellen Schritten regelrecht.
Ich verliere mein Gleichgewicht, als mein Fuß sich an einer Wurzel verfängt und mich zu Boden reißt. Mit dem Gesicht liege ich mitten in der matschigen Erde. Mein Kopf dröhnt, ich höre mein Blut in den Ohren rauschen. Ich will nur noch vor Erschöpfung einschlafen.
Die Augen schließen und Zuhause in meinem Bett aufwachen, fernab von diesen Bestien. Ich werde Lilia sagen, dass sie Recht damit hat, dass es keine Wölfe gibt und das ich nie wieder in den Wald gehen werde.
Ich werde andere Wege finden, um meinen Vater zu heilen. Die Kräuter vom Markt sollten gewiss auch etwas taugen. Erschöpft bleibe ich liegen. Meine Muskeln brennen und Kribbeln, als würde eine ganze Armada Waldameisen ihr Gift auf mich sprühen.
Für einen Augenblick vergesse ich meine Umgebung und meine Situation. Ich bin viel zu Erschöpft, um weiter darüber nachzudenken. Alleine das stärker werdende Vibrieren des Bodens reißt mich brutal zurück in die Realität zurück.
Sie kommen näher. Gleich werden sie hier sein. Mein Puls schießt erneut in die Höhe und gibt mir für einen kurzen Moment Willensstärke. Krampfhaft zwinge ich meine Glieder sich zu bewegen. Ich muss mich in Sicherheit bringen. So schnell es geht.
Mein rechtes Bein schmerzt höllisch beim Versuch mich zu erheben. Ich muss mich stärker verletzt haben als angenommen. Beim ersten Schritt falle ich erneut zu Boden. Wimmernd halte ich mein Knie, welches pulsiert und immer mehr anschwillt.
Die Tränen laufen mir wie kleine Bäche über die Wangen. Reiß dich jetzt zusammen Anthelia! Tue es für deinen Vater! Für meinen Vater muss ich überleben. Und für Lilia. Für meine liebsten Menschen muss ich kämpfen! Ich nehme all meine letzte Kraft zusammen und ziehe mich zu dem nächsten Baum in meiner Nähe. Von der Angst durchtrieben presse ich mich an das harte Holz.
Es schmerzt unangenehm im Rücken, doch gibt es mir auch Sicherheit. So werden sie mich nicht sofort sehen. Was auch immer sie sind. Ich presse mir die Hand vor den Mund, als das Vibrieren zuerst stärker wird und dann komplett verstummt.
Das wilde und laute Knurren höre ich direkt hinter mir. Sie sind hier. Vor Angst und Verzweiflung fange ich an zu zittern. Bitte lass sie schnell wieder verschwinden. Ich höre, wie vereinzelt Pfoten über den Waldboden schreiten.
Ich wage es nicht mich zu Bewegen. Jede einzelne Regung könnte mich verraten und in den Tod reißen. Um mich selber zu beruhigen, schließe ich meine Augen. Tief ein und ausatmen. So habe ich vielleicht noch eine geringe Chance zu überleben.
Vater hatte Recht. Ich hätte nicht hierher kommen sollen. Das war eine blöde und leichtsinnige Idee gewesen. Er hatte mich gewarnt und ich wollte nicht hören. Wie verräterisch konnte ich nur sein? Ich bin eine furchtbare Tochter, die vermutlich gleich sterben wird.
Geschockt reiße ich meine Augen auf, als das aggressive Knurren eines Wolfes zu hören ist. Ich erstarre. Der aufkommende Schrei in meinem Hals erstickt, als ich der Bestie direkt in die rotschimmernden Augen sehe. Wie Flammen züngeln sie mir entgegen. Speichel rinnt von seinen gefletschten Zähnen, die im Mondschein wie scharfe Klingen glänzen.
Sein schwarzes Fell ist aufgestellt. Ungläubig starre ich das riesige Ungetüm an. Der Wolf ist so groß wie ein Felsen! Sein riesiger Körper baut sich vor mir auf, knurrt und faucht wie eine wahre Bestie.
Mein lauter Schrei löst sich und hallt durch den Wald; durchdringt die Nacht wie ein spitzer Pfeil. Die pure Angst erfüllt mein innerstes wie schwerer Blei.
"Bitte töte mich nicht. Bitte!", schluchze ich und presse die Augen zusammen. So wollte ich nie enden. Als Futter für einen riesigen schwarzen Wolf, der es kaum erwarten kann mich mit Haut und Haaren zu verspeisen, bis nicht einmal mehr die Knochen übrig sind.
Hinter ihm tauchen noch andere Wölfe auf. Es ist eine ganze Schar. Mein Herz pulsiert wild in meiner Brust. Fast springt es vor Panik heraus und sucht das Weite. Mir wird bei ihrem Anblick bewusst, dass mein letztes Stündchen geschlagen hat.
Sie werden mich zerfleischen. Ich sehe es in ihren Augen. Sie alle starren gierig auf mich nieder.
Flehen und Betteln kann ich mir sparen. Vermutlich verstehen sie nicht einmal was ich von ihren will. Das sind wilde Tiere! Der große Wolf kommt näher auf mich zu und knurrt mich bedrohlich an. Er soll damit aufhören und mich endlich fressen! Ich will nicht weiter leiden.
Ängstlich ziehe ich den Kopf vor seiner unnatürlichen Größe ein. Gleich ist es vorbei. Gleich werde ich sterben, ohne mich von meinen Liebsten verabschiedet zu haben. Vermutlich werden sie sich morgen fragen, wo ich mich rumtreibe, bevor sie Leute losschicken, um mich zu suchen.
Wenn sie mich überhaupt suchen würden. Gewiss wird es nur meinem Vater und Lilia auffallen. Aber dem restlichen Dorf war ich egal. Niemals würden sie mich vermissen. Ich habe mein Schicksal selbst so gewählt. Jetzt muss ich auch damit zurechtkommen.
Ich versuche mich zu entspannen. Wenn ich schon sterben soll, dann wenigstens mit Würde.
"Steh auf!", herrscht eine dunkle, vor Dominanz triefende Stimme durch den Wald. Ruckartig werde ich an meinem Arm gepackt und hochgezogen. Qualvoll verziehe ich mein Gesicht, als sich die Nägel des Fremden in mein Fleisch bohren. Ich will erneut schreien, doch verkneife ich es mir krampfhaft und beiße mir so fest auf die Unterlippe, dass ich Blut schmecke.
Mit geweiteten Augen starre ich direkt vor mich. Da, wo ich den Wolf vermutete habe, steht keiner mehr. An seiner Stelle steht ein junger Mann. Ich lasse meinen Blick an ihm hinuntergleiten und erstarre sofort. Er ist Nackt! Du meine Güte! Ich wende meinen Blick von ihm ab. Ich habe noch nie einen Mann nackt gesehen und dabei soll es auch bleiben.
Ich traue mich gar nicht, ihn mir weiter anzusehen. Das gehört sich nicht und ich will nichts sehen, was ich nicht sehen will. Dennoch kann ich nicht verhindern, dass mir bei dem Gedanken das Blut durch den Körper schießt und mir ganz warm wird.
Ruckartig packt seine große Hand mein Kinn und dreht mein Gesicht zurück zu ihm. Er mag es wohl nicht ignoriert zu werden. Sein hasserfüllter Blick brennt sich in meinen. Fest schlucke ich.
"Was hast du hier zu suchen, Mensch!", knurrt er aggressiv. Mein gesamter Körper erzittert bei seiner düsteren Stimme. Sie klingt so männlich und angsteinflößend, dass ich erschaudere. Seine dunklen braunen Augen starren in meine.
"Ich-" "Du solltest wissen, dass unsere Lande für euch verbotenes Gebiet sind!" "Ich wollte nicht-" Abrupt breche ich ab. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Seine bloße Aura verunsichert mich.
Er macht mir Angst, vermutlich noch mehr Angst als der Wolf vor ihm. verängstigt blicke ich zu ihm auf, während eine einzelne Träne über meine gerötete Wange läuft. Sein Blick folgt ihr für einen Moment, bis sie zu Boden fällt. Vielleicht hat er sich jetzt etwas beruhigt.
Doch da habe ich mich wohl geirrt. Keine Sekunde später packt er mit seiner Hand brutal meinen Hals und drückt mich fester gegen den Baum. Mit vor Schock geweiteten Augen sehe ich zu ihm auf.
Ich bekomme keine Luft mehr. Seine Hand drückt so fest zu, dass meine Luftröhre zerquetscht wird. Verzweifelt versuche ich mich aus seinem Griff zu winden, um an Sauerstoff zu kommen, doch er lässt mich nicht los. Ich röchele, wimmere, flehe, aber er scheint daran gefallen zu finden mich so zu sehen.
Im Augenwinkel sehe ich einen der Wölfe unruhig hin und her laufen, bis er laut aufheult. Sein dunkelgraues Fell stellt sich leicht auf. Weiter kann ich mich darauf aber nicht konzentrieren. Der mangelnde Sauerstoff lässt meinen Kopf schmerzhaft pochen.
Ich will Luft holen, doch das Einzige was ich bekomme ist Leere. Es tut so weh! Mit letzter Kraft versuche ich ihn zu kratzen. "Keine...Lu-Luft! L-uft!"
Mittlerweile habe ich aufgehört gegen diesen Mann anzukommen. Er ist viel zu stark für mich. Betteln ist nun meine einzige Möglichkeit. Lange werde ich ihm nicht mehr stand halten können. Vielleicht werden sie mich aus Gnade erst bewusstlos machen und dann töten.
So wäre es nicht noch schmerzhafter als es so schon ist. Der dunkelgraue Wolf wird immer unruhiger im Hintergrund, als würde er sich am liebsten einmischen wollen. Seine strahlend blauen Augen wechseln immer wieder zwischen mir und dem Mann vor mir.
Was will er damit erreichen? Ich werde so oder so sterben. Vor ihnen hat Vater mich immer gewarnt. Sie sind die Bestien, an die kaum noch einer glaubt. Die keinen am Leben lassen. Warum sollte es bei mir dann anders sein.
Das letzte bisschen Luft wird aus meinen Lungen gequetscht. Ich sehe noch, wie der Mann vor mir seinen Kiefer anspannt und mir kalt entgegenblickt, bevor ich zur Seite kippe und auf Ewig die Augen schließe. Nun soll der Tod mich in seine Arme nehmen und mit sich tragen. Ich bin bereit.
Xavier
Sie ist es. Das Mädchen von letzter Nacht, die mich mit ihrem Blick festgehalten hatte. Niemals hätte ich damit gerechnet, sie so schnell wieder zu sehen. Ich wollte es nicht.
Schon gar nicht, nachdem ich letzte Nacht von ihr geträumt hatte. Den ganzen Tag schon war ich sauer darauf, weil ich von einem Menschen träumte, die ich einmal gesehen habe, und jetzt liegt sie mir zu Füßen - bewusstlos.
Ihr rasender Herzschlag hätte mich noch fast in den Wahnsinn getrieben. Menschen sind so schreckhaft. Selbst in meiner Menschgestalt hatte sie Angst vor mir. Jetzt kann ich einen klaren Gedanken fassen und mir überlegen, was nun mit ihr geschehen wird. In ihrer Panik war das unmöglich.
Sie ist auf unserem Gebiet, also gehört sie uns. Die Menschen haben keinen Anspruch mehr an sie. Wir können sie hier einfach liegen lassen und vergessen, andererseits verspüre ich den Drang sie leiden zu sehen. Ich will meine Wut auf die Menschen an ihr auslassen, sie weinen und bluten sehen.
Ich hebe sie aus dem Dreck und trage sie zu Demetrius. Er versteht sofort was ich will. Irgendwie müssen wir sie zum Schloss bringen. "Alec, unterrichte meine Eltern davon, dass wir mit einem neuen Spielzeug nach Hause kommen."
Währenddessen setze ich das Mädchen auf Demetrius Rücken, bevor ich mich hinter ihr platziere. Ich kann nicht fassen, dass ich tatsächlich einen Menschen vor mir zu sitzen habe. Genervt und angewidert von dieser Tatsache verziehe ich mein Gesicht. Mit einem Arm halte ich sie fest, damit sie nicht runterfällt.
Es wäre schade, wenn sie schon Schaden nehmen würde, ohne, dass ich überhaupt angefangen habe. "Du führst, Demetrius!" Das lässt sich mein Beta nicht zweimal sagen. Er lässt ein lautes Heulen ertönen, bevor er sich in Bewegung setzt und rasant durch den Wald flitzt, während der Rest ihm folgt.
Der Wind peitscht mir dabei in mein Gesicht, was sich angenehm auf meiner erhitzen Haut anfühlt. Ich spüre, wie ich langsam anfange abzukühlen. Es fühlt sich wie Freiheit an, wenn man den Wind spürt. Ein unglaubliches Gefühl, wenn man mich fragt.
Hoffentlich würden wir unser Ziel gleich erreichen. Ich will diesen Menschen so schnell es geht loswerden. Zum Glück ist Demetrius wirklich schnell. Aber ich bin immer noch schneller. Mit meinem Tempo wären wir vermutlich schon da.
Meine Finger kralle ich in sein dichtes Fell, um selber Halt zu finden. Ein Wolf ist eben kein Pferd, das man einfach so reiten kann wie und wann es einem gefällt, wie es die Menschen nun mal tun.
Wenn ich wieder an sie denke, schäumt sich die Wut in mir auf. Und dazu habe ich auch einen guten Grund. Sie trauen sich mehr als ich dachte und eines Tages werden sie dafür bezahlen. Doch jetzt muss dieses kleine Weib erst einmal hinhalten, was mir ein riesen Vergnügen bereiten wird.
Endlich erreichen wir das Schloss. Sie ist weit gekommen für einen Menschen. Doch entkommen konnte sie uns nicht. Das kann niemand. Es war dennoch äußerst belustigend, sie durch den Wald zu hetzen und ihre Angst dabei zu riechen.
Sie roch bitter, hatte aber dennoch einen süßen Beigeschmack. Köstlich. Erst in der riesigen Eingangshalle kommt Demetrius zum stehen. Die Anderen verwandeln sich bereits draußen schon zurück. Zu viele Wölfe in der Eingangshalle sind nicht sehr angenehm.
"Mein Prinz, so schnell haben wir Euch nicht zurückerwartet", ist das Erste, was ich von Mateo höre, als ich von Demetrius runtersteige und dieses Weib von seinem Rücken hebe. Einen kräftigen Rücken hat Demetrius, das muss ich ihm lassen.
"Wir wurden aufgehalten.", sage ich kühl. Menschen haben mich eben schon immer negativ beeinflusst. Demetrius schüttelt sein Fell, lässt seine Knochen knacken und verwandelt sich zurück. Sofort wirft Mateo ihm einen samtgrünen Umhang zu, um seinen Körper zu bedecken.
"Hier." Unverbunden überreiche ich meinem Beta den Menschen, welche er nun im Arm hält. "Bring sie in den Kerker. Ich werde mich später um sie kümmern." "Bist du sicher, dass du sie sofort in den Kerker bringen willst? Du weißt, dass sie verletzt ist."
"Verdammt, Demetrius, tue es einfach!" Verletzung hin oder her, es interessiert mich nicht. Sie wird keine Hilfe von uns erlangen, sie ist einer von ihnen. Soll sie an ihren Verletzungen da unten doch jämmerlich verrecken!
Mich kümmert es nicht im geringsten. Ohne ein weiteres Widerwort wendet Demetrius sich ab und tut das, was ich ihm gesagt habe. Mateo legt mir meinen weinroten Umhang um die Schultern, den ich mir rasch zuknöpfe.
"Xavier, Sohn, was hast du getan? Ein neues Spielzeug? Wirklich?" Aufgebracht läuft meine Mutter die marmorsteinernen Treppen zur Halle hinunter, mein Vater im Schlepptau. Genervt rolle ich mit den Augen.
Natürlich reagiert sie so. Meine Mutter ist die warmherzigste Person die ich kenne. Wie also sollte sie sonst reagieren?
"Alec hat uns alles erzählt. Wo hast du sie hingebracht?", fragt mein Vater wesentlich ruhiger. "Demetrius bringt sie gerade in den Kerker. Dort wird sie bleiben, bis ich Zeit für dieses lästige Ding finde."
"In den Kerker?", kreischt Mutter so laut, dass es in meinen empfindlichen Ohren kurz klingelt. Diese Frau, wirklich! Immer gleich so hysterisch. "Ja, in den Kerker. Ist das etwa ein Problem für dich, Mutter?"
"Xavier, sie ist ein Mensch! Sie wird es da unten keine drei Tage aushalten." "Drei Tage sollten reichen, um sie loszuwerden." "Xavier!"
Kopfschüttelnd sieht Mutter mich fassungslos an. So hat sie mich wirklich lange nicht mehr angesehen. Kurz macht sich ein beklemmendes Gefühl in mir breit, dass ich schnell wieder runterschlucke.
Ich muss standhaft bleiben, um mein Vorhaben umsetzen zu können. Die blauen Augen meiner Mutter werden feucht, bis sich richtige Tränen gebildet haben. Fest beiße ich meine Zähne aufeinander. Ich hasse es, sie so zu sehen, besonders, wenn ich mit involviert bin. Doch kann ich meine Tat nicht rückgängig machen. Der Mensch gehört uns.
"Was ist denn nur los mit dir!" Aufgebracht dreht sie sich um und rauscht davon. Zurück bleiben nur noch mein Vater, Mateo und ich. Erster sind mir stumm in die Augen. Er ist der Einzige, der meinen Zorn verstehen könnte. Zumindest kann ich keine Enttäuschung in seinen Augen erkennen.
"Du willst sie dafür verantwortlich machen, stimmts?" "Sie ist einer von ihnen. Sie hat es nicht anders verdient!", knurre ich mit tiefer Stimme. Wenn ich daran denke, was sie meinen Leuten angetan haben, würde ich am liebsten in ihr Dorf rennen und mit ihnen das Selbe anstellen, ohne dabei Erbarmen zu zeigen.
"Ich will nur, dass du dir das gut überlegst. Als zukünftiger Alpha solltest du gerecht handeln, Xavier."
"Sie ist ein Mensch! Sie ist kein Teil des Rudels, sie ist nichts!" "Ich wünsch dennoch, dass du dir deiner Handlungen im Klaren bist. Einen weiteren Krieg können wir uns gerade nicht erlauben. Schon gar nicht gegen die Menschen. Vergiss nicht: Sie sind auch unsere Verbündeten."
"Verbündete tun sich so etwas nicht an! Du hast sie gesehen. Tun das etwa Verbündete?"
Tief atmet Helios ein. "Mein Sohn, ich verstehe deine Wut sehr. Ich bezweifle dennoch, dass sie etwas damit zu tun hat." "Das ist mir gleichgültig.", schnaufe ich durch geblähte Nasenlöcher. "Nun gut. Dann wünsche ich dir noch eine angenehme Nacht, mein Sohn. Und bitte entschuldige dich noch bei der Mutter."
Und schon war auch Vater verschwunden, ohne mir überhaupt Zeit zu lassen zu antworten. Da ist dieser Mensch nur zwei Minuten hier und schon gibt es Unstimmigkeiten im Rudel. Und dazu auch noch mit meiner eigenen Mutter.
Großartig! Jetzt kann man nur hoffen, dass es nach meiner Entschuldigung besser wird.
Im Augenwinkel sehe ich Alec, wie er sich gerade aus dem Staub machen will. Oh nein, mit ihm habe ich noch ein Huhn zu rupfen. Sein Verhalten vorhin habe ich nicht vergessen. "Alec!", rufe ich durch die Halle. Sofort bleibt er stehen und senkt unterwürfig seinen Kopf.
"Ja?" Mit ernster Miene stelle ich mich vor ihn und starre ihn an. "Was zur Hölle sollte das vorhin? Wieso wolltest du mich aufhalten?"
"Sie sah so hilflos und verängstigt aus. Außerdem ist sie doch noch ein halbes Kind." Und als würde es das besser machen, zuckt er mit den Schultern. Er kann froh sein, dass er mein Omega und bester Freund ist, sonst würde ich ihn zum Teufel schicken!
"Sie ist auch ein Mensch, Alec, hast du daran schon mal gedacht? Sie hat uns rein gar nichts zu bedeuten!" "Sie sah so unschuldig aus." "Ich bitte dich! Lass dich nicht immer von deinen Gefühlen leiten! Spar dir das lieber für deine Bücher auf!"
Sofort bereue ich meine Worte, als er betreten zum Boden starrt und mit hängenden Schultern nickt. Ich weiß, dass ich ihn verletzt habe. Alec ist ein Omega, eine liebende Seele. Er kann nicht einmal einer Fliege etwas antun. Außerdem ist er wie ein Bruder für mich. Ich hätte wissen müssen, dass er so reagieren würde.
Seufzend nehme ich seine Hand in meine und ziehe ihn mit mir mit.
"Komm mit. Wir sollten etwas essen gehen. Und dann kannst du mir vielleicht ja noch etwas über dein neues Buch erzählen. Wie heißt es nochmal?"
"Der Packt der Liebe.", murmelt er leise, als wäre es ihm unangenehm jetzt noch darüber zu reden.
Bei der Mondgöttin, was ein schrecklicher Titel für ein Buch. Nur für ihn tue ich so, als würde ich es tatsächlich spannend finden und bringe ihn dazu, mir mehr über sein Werk zu erzählen. Zwei Wesen, die sich abgrundtief hassen, aber dazu gezwungen werden ihr Leben miteinander zu leben, bis sie sich verlieben.
Was ein Humbug. Ich frage mich jedes Mal, wie er auf solche Ideen kommt.
Meine wahre Meinung sage ich ihm natürlich nicht. Alec zu verletzen fühlt sich genauso an, als würde man mir eine scharfe Klinge in den Körper rammen. Ich halte es nie aus ihn traurig zu sehen, eher würde ich mich selber aufhängen.
Ich weiß nicht woher diese Bindung zu ihm kommt. Ob es an seinem Omega-Wesen liegt? Omegas sind dafür bekannt sehr verträumt, voller Liebe und Hingabe zu sein. Sie sollen ein Gleichgewicht im Rudel erschaffen.
Mein Alpha-Wesen stößt jedes Mal auf einen Beschützerinstinkt, sobald es Alec nicht gut geht. Auch bei meinem Vater ist es so. Den ganzen Weg zur Schlossküche versuche ich Alec wieder aufzumuntern. Schwerer gesagt als getan.
"Alec, es tut mir wirklich leid. Ich wollte dich nicht verletzen.", raune ich, als wir an einem Tisch mit jeweils einem riesigen Haufen an Fleisch vor uns sitzen. Lustlos sieht er es an, während ich schon längst am Essen bin. "Wirst du sie gehen lassen?" "Wen?" Mit vollem Mund sehe ich zu ihm auf.
"Das Mädchen." "Welches Mädchen? Meinst du den Menschen!?" "Xavier, willst du sie wirklich diesem Schicksal ausliefern? Sie ist ein Mensch, wie du schon sagtest. Niemals wird sie das durchstehen." "Das soll sie auch gar nicht.", murmele ich vor mich hin, bevor ich ein weiteres großes Stück Fleisch in meinem Mund verschwinden lasse.
Alec schnaubt und lässt sich in den Stuhl zurückfallen. Ihn aufzumuntern wird wirklich ein großes Stück Arbeit werden. "Wieso muss immer einer sterben?" "Alec, bitte-" "Nein! Wieso soll sie sterben? Sie hat nichts getan, außer unser Gebiet zu betreten." "Und wieso nimmst du sie so in den Schutz?", frage ich geradeheraus.
Ich verstehe nicht, wieso Alec sich ausgerechnet für einen Menschen einsetzen will. Sie haben sich noch nie für uns eingesetzt. Sie wissen ja nicht einmal etwas über uns. Wieso sollten wir sie noch in Schutz nehmen, wenn sie gegen den Vertrag verstoßen haben? "Sie macht auf mich keinen Eindruck, als hätte sie das alles verdient."
"Lass das einfach meine Sorge sein. Ich weiß was ich tue." "Tust du das?" "Ja tue ich!" Dunkel knurre ich ihn an. Ich spüre, wie meine Augen kurzzeitig rot aufleuchten. Schnell schüttele ich den Kopf, um wieder klar denken zu können.
"Tut mir leid, Alec. Können wir darüber ein anderes Mal reden? Dieser Mensch hat mir schon genug den Abend ruiniert. Er soll nicht noch mehr Schaden nehmen." "Natürlich." Langsam fängt Alec nun auch an sein Fleisch zu essen, sonst hätte ich es vermutlich noch getan.
Nicht ein einziges Mal sieht er mich an, und auch danach steht er einfach auf und verlässt die Schlossküche - ohne sich zu verabschieden. Das tut er sonst nicht. Müde reibe ich mir über das Gesicht. Es ist zum Haare raufen. Vielleicht ist es besser auf den morgigen Tag zu warten und das alles solange auf sich beruhen zu lassen.
Alec kriegt sich schon wieder ein und Mutter wird es auch. Der Mensch wird schneller weg sein als er hier war. Dafür werde ich höchst persönlich sorgen.
