Kapitel 1 - Anthelia
Mit meinen Körben voll Eier, die ich am frühen Morgen aus unserem Hühnerstall ohne Verletzungen gesammelt habe, betrete ich den kleinen Marktplatz in unserem Dorf. Viele Leute haben ihre Stände schon aufgebaut und Verkaufen lautstark ihre Ware.
"Frischer Fisch, liebe Leute! Bei mir gibt es den besten Fisch, den ihr bekommen könnt, frisch gefangen und mit guter Qualität! Da werden sogar alle sechs Kinder satt werden! Kauft, Leute, Kauft! Ein schöner großer Dorsch für drei Taler!"
"Bei mir gibt es die saftigsten Äpfel des Landes! Nirgendwo werdet ihr bessere Äpfel finden, als bei mir! Sie sind knackig und sehr gesund!"
"Pelze und Felle in allen Formen und Größen! Bärenfelle, Schafsfelle und sogar hochwertige Wolfsfelle, frisch abgezogen und verarbeitet! Kauft sie zu einem fairen Preis! Man kann sich nicht gut genug auf den Winter vorbereiten!"
Trauben an Menschen versammeln sich an den verschiedenen Ständen und lassen sich von den Worten der Verkäufer verzaubern. Wie gerne ich mir einen einfachen Apfel kaufen würde, doch dafür müsste ich erst einmal genügend Geld verdienen.
Und das brauche ich für Anderes dringender. Auch, wenn mein Magen knurrt und ich sehnsüchtig mir die saftigen, knackigen roten Äpfel ansehe, wende ich meinen Blick ab.
"Aber wenn ich es dir doch sage, Lilia! Groß, schwarz und majestätisch wie ein richtiger König stand er da und hat mir direkt in die Augen gesehen." "Ein Wolf? Ich bitte dich, Anthelia. Vermutlich hast du das nur geträumt."
Meine Körbe stelle ich an meinem Stand ab, währenddessen Lilia sich an diesen anlehnt und die Arme vor ihren Brüsten verschränkt.
Die Kerle die an uns verbeilaufen lächeln sie charmant an und grüßen sie. Lilia wird von vielen im Dorf begehrt. Die Männer stehen Schlange bei ihr und warten nur darauf, dass sie einen von ihnen erwählt. Mich würde nie jemand so ansehen. Nicht nur, weil ich in ihren Augen verrückt bin.
Es liegt eher an der Tatsache, dass ich ein Mauerblümchen bin. Ich bin viel zu schüchtern und zurückhaltend um wirklich einen Mann anzusprechen.
Auf den Dorffesten hat mich noch nie ein Mann zum Tanzen aufgefordert oder gar angesprochen. Ich bin für die Männer unsichtbar, was gelegentlich Vorteile aber auch Nachteile mit sich bringt.
Keine Frau will den Rest ihres Lebens alleine sein. Der Traum, sich endlich zu verlieben und mit dem Mann seiner Träume alt zu werden, ist immer noch in meinem Kopf verankert und an diesem Traum werde ich festhalten.
Ich schüttele meinen Kopf, um diese Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben. Ich muss Eier verkaufen. Die Zeit zum Nachdenken habe ich nicht. Die Körbe stelle ich Sichtbar für meine Kunden auf den Verkaufsstand.
"Ich habe nicht geträumt. Er stand dort und wir haben uns angesehen. Es war so magisch. Ich konnte meinen Blick einfach nicht von ihm nehmen."
"Du solltest aufhören so oft in den Wald zu gehen. Anthelia, kein Wolf traut sich so nah an dieses Dorf heran. Leandros der Pelzverkäufer ist da das beste Bespiel. Sie haben Angst, dass wir ihr das Fell abziehen, also halten sie sich fern. Was auch gut so ist."
Ihre Vorwurfsvolle Stimme erhebt sich fast über den gesamten Marktplatz. Ein paar Bewohner sehen sogar schon zu uns.
"Pscht! Rede doch nicht so laut! Wenn das einer mitbekommt, werden sie mich für noch verrückter halten, als sie es so schon tun." Seitdem ich angefangen habe Salben und Kräutermischungen für die Kranken zu machen, werde ich von vielen komisch angesehen.
Als Hexe hat mich bis jetzt noch niemand bezeichnet, was ein wahres Wunder ist. Wenn die Bewohner jetzt noch hören, dass ich einen riesigen Wolf gesehen habe, werden sie mich gewiss auf dem Scheiterhaufen verbrennen.
Lilia sieht sich um, doch keiner sieht mehr zu uns. Glück gehabt, würde ich sagen. "Und du bist dir wirklich sicher, dass du einen" Lilia dreht sich noch einmal um, um zu sehen, dass uns keiner weiter belauscht. "Du weißt schon gesehen hast?"
Flüsternd beugt sie sich über meinen Stand und erwidert meinen todernsten Blick.
"Ganz sicher." "Also gibt es hier wirklich Wölfe?" "Anscheinend. Aber denkst du, sie würden wirklich in unser Dorf kommen?" "Nein. Niemals. Wir haben Waffen und kampffähige Männer. Kein Wolf würde sich hierher wagen."
Hoffentlich irrt sie sich da mal nicht. Laut den Erzählungen sind Wölfe äußerst gefährliche und brutale Tiere, die niemanden am Leben lassen. Sie töten und zerstören und lassen nur Chaos hinter sich.
Man sagt sogar, es sind verfluchte Menschen, die sich in Wölfe verwandeln und vergessen wer sie sind, sodass sie alles zerstören. Diese Sage wird seit Generationen weitergegeben. Aber es ist nur eine Sage. Niemand hat sie je zu Gesicht bekommen, also wieso sollten sie wirklich existieren?
Es war nur ein normaler Wolf gewesen, der bestimmt auf der Durchreise auf der Suche nach Beute war. Er ist sehr schnell im Wald verschwunden, also wieso wollte er noch hier sein? Ich sollte aufhören so viel darüber nachzudenken. Es war nur ein Wolf und mehr nicht.
Um mich endlich von diesen Gedanken zu lösen, fange ich nun auch an meine Ware zu verkaufen. Über die Hälfte schaffe ich sogar zu verkaufen. Eier sind oft gefragt. Man kann sie zum backen und kochen verwenden. Dennoch bleiben wenige Eier übrig.
Lilia war so nett und hat mir noch welche abgekauft. So konnte ich dann endlich nach Hause gehen, als die Sonne schon langsam unterging.
Zuhause verstaue ich die Körbe in unserer Besenkammer, sodass ich morgen schnell rankommen würde. Das laute Husten meines Vaters lässt mich tief seufzen. Mitfühlend sehe ich in die Richtung aus der das Husten kam.
Mein Vater ist seit längerem sehr krank. Er hat nur noch mich, die sich um ihn kümmert und ihn pflegt. Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Ich habe sie nie kennengelernt und mein Vater redet nie über sie.
Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ihr Name Persephona war. Sie soll bildhübsch und freundlich gewesen sein, aber mehr wurde mir nicht gesagt. Ich hätte sie gerne kennengelernt. Ohne Mutter aufzuwachsen ist nicht leicht für ein Kind.
Zum Glück habe ich aber noch meinen Vater. Er ist immer für mich da und versucht mir alle meine Träume zu ermöglichen. Zumindest, als er es noch konnte. Seine Krankheit kettet ihn über die meiste Zeit an sein Bett.
So übernehme ich nun seine Aufgaben und versuche ihn wieder zu heilen. Ich wüsste nicht was ich ohne ihn machen soll. Er ist mein letzter Verwandter.
Ein weiteres Husten reißt mich gewaltvoll aus meinen qualvollen Gedanken. Rasch fange ich an für ihn Tee zu kochen. Meine Kräutervorräte sind durch den ständigen Gebrauch fast leer. Für Nachher nehme ich mir fest vor neue Kräuter zu holen.
Mit dem heißen Tee in der Hand, betrete ich das kleine schäbige Zimmer meines Vaters, Darius. Blass und mit Schweiß bedeckt liegt er in seinem Bett und hustet vor sich hin. Der Anblick zerdrückt mir mein pochendes Herz.
Langsam schreite ich an sein Bett, um ihn nicht zu erschrecken. "Hallo, Vater."
Aus trüben grünen Augen sieht er mich an. Ein leichtes, schweres Lächeln ziert seine schmalen Lippen. "Anthelia, mein Kind. Du bist zurück.", röchelt er rau. Ich zwinge mich zu einem kleinen Lächeln, um meine Sorge um ihn zu verbergen., was aber schnell verrutscht. "Ja, Vater. Ich habe ein paar Taler bekommen können. Ich habe uns davon etwas zu essen geholt.
Für mehr als ein Brot und zwei Äpfel hat es leider nicht gereicht." Gekränkt senke ich meinen Blick und zupfe an meinem laubgrünen Leinenkleid herum, bis mein Vater meine nervösen Hände in seine Zittrigen nimmt.
Ich hebe meinen Kopf und sehe in sein Gesicht, was mich beruhigend anstrahlt. "Das reicht, Anthelia." Um schnell vom Thema abzulenken, hebe ich den Becher mit seinem Tee und halte ihm den hin.
"Hier, Vater. Ich habe dir Tee gemacht. Der sollte das Husten für eine gewisse Zeit lindern. Später werde ich im Wald neue Kräuter holen gehen. Der Vorrat ist fast leer."
"Nein!" "Was?" Irritiert sehe ich ihn an. Noch nie hat mein Vater es mir verwehrt in den Wald zu gehen. Wieso heute? Sonst macht er sich nie so Sorgen, wenn ich in den Wald gehe.
"Stimmt etwas nicht, Vater?" Ich nehme seine freie Hand wieder in meine und drücke sie sanft. Ihm ist der Schreck und die Sorge deutlich ins Gesicht gemalt worden. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er mich an.
Ich habe schon bedenken, dass die Augen gleich aus den Hüllen herauskullern.
"Bitte gehe nicht in den Wald. Du weißt nicht, was dort alles für schreckliche Kreaturen lauern!" "Aber Vater, sonst lässt du mich doch auch in den Wald. Wieso heute nicht?"
"Es ist gefährlich. Bitte bleib hier. Tue mir diesen Gefallen." Sein flehender Blick brennt sich in meinen Kopf ein. Wie soll man da sich widersetzen können? Genau, nämlich gar nicht. Schon gar nicht in seinem Zustand.
Ihn jetzt noch weiter zu beunruhigen könnte seiner weiteren Gesundheit schaden, und das will ich auf keinen Fall riskieren.
"Na schön. Ich bleibe", seufze ich. Die Gesichtszüge meines Vaters entspannen sich mehr und mehr, bis er sich erleichtert in sein Kissen zurücklegt und die Augen schließt. Gerade noch so kann ich den Becher Tee aus seiner Hand reißen, ehe der Inhalt sich verschütten würde.
Der riesige Steinklotz auf meinem Herzen wird immer schwerer, als ich die langsame Atmung meines Vater bemerke. Sein Körper scheint viel zu ausgelaugt zu sein, um noch weiter bei Bewusstsein zu bleiben, geschweige denn weiter mit mir zu reden.
Der Schlaf wird ihm definitiv guttun. Er wird sich erholen und morgen könnten wir weiterreden.
Einige Minuten sitze ich noch an seinem Bett und halte seine Hand. Ab und zu streiche ich ihm ein paar seiner verirrten blonden Haare aus seinem Gesicht oder male Kreise auf seinem Handrücken.
Tief versunken in meinen Gedanken erinnere ich mich daran, wie wir früher zusammen über die Felder gelaufen sind, wie wir unseren Vorgarten angepflanzt haben, wie glücklich wir waren, bevor diese Krankheit alles zerstört hat.
Es macht mich traurig. Jeden Tag habe ich Sorge, wie viel Zeit mir noch mit ihm bleiben wird. Werde ich ihn morgen noch so vorfinden, wie ich es heute tat? Es frisst mich auf, Tag und Nacht.
Erst nachdem ich mir sicher bin, dass er schläft, erhebe ich mich leise vom Bett und verlasse das Zimmer. Geräuschlos schließe ich hinter mir seine Tür und atme tief durch.
Ich weiß, ich sollte es nicht tun, doch nur so kann ich für seine Gesundheit sorgen. Ich habe es ihm versprochen. Aber ich habe ihm auch versprochen, dass ich ihn heilen werde und dieses Versprechen halte ich ein, mit allem was ich tun kann.
Entschlossen renne ich die Treppe runter, schnappe mir im Lauf meine kleine Umhängetasche aus rotbraunem Leder und verlasse das Haus.
Die Sonne ist schon fast hinter dem Horizont verschwunden und tränkt den Himmel in einen wunderschönen Farbverlauf aus Gelb, Orange und Rot. Ein wunderschöner Anblick, für den ich gerade nur keine Zeit aufbringen kann.
Irgendwann würde ich mir einen Sonnenuntergang ansehen; Zusammen mit meinem Vater, wenn er wieder geheilt ist. Das schwor ich mir in diesem Moment. Ein letztes Mal drehte ich mich zum Haus um sehe es wehmütig an.
"Es tut mir leid, Vater. Ich weiß, ich habe es versprochen. Aber nur so kann ich für deine Gesundheit sorgen." Auch wenn er mich nicht hören kann, kann ich nun mit einem reinen Gewissen meinen Weg fortsetzen.
Zu meinem Glück kann ich sagen, dass kaum noch Dorfbewohner unterwegs sind, die mich dabei sehen könnten, wie ich im Wald verschwinde. Die dichten Bäume verschlingen mich in ihrer Dunkelheit und lassen mich ihre tiefsten Geheimnisse erfahren.
Schnell muss ich an meine Unterhaltung mit Lilia zurückdenken, als ich ihr von dem großen Wolf erzählt habe.
"Du solltest aufhören so oft in den Wald zu gehen. Anthelia, kein Wolf traut sich so nah an dieses Dorf heran. Leandros der Pelzverkäufer ist da das beste Bespiel. Sie haben Angst, dass wir ihr das Fell abziehen, also halten sie sich fern. Was auch gut so ist."
Sie kommen nicht an unser Dorf heran. Wieso sollte ich dann nicht hier sein, wenn sich diese Tiere sowieso nicht hierherwagen? Vaters Angst ist vollkommen unbegründet und Lilias auch.
Ich mag zwar einen riesigen schwarzen Wolf gesehen haben, doch der stand dennoch weit entfernt von unserem Dorf auf einer Klippe eines Berges. Das ich ihn überhaupt gesehen habe, ist ein Wunder.
Gemütlich laufe ich tiefer in den Wald, mit der großen Hoffnung in meinem Inneren, zu finden was ich ich so dringend suche. Mit der zunehmenden Dunkelheit wird es immer schwieriger etwas zu sehen, doch lande ich trotzdem einen sicheren Treffer.
Gute Fünf Meter vor mir erstreckt sich eine riesige Fläche an Wildkräutern, die sich um die Baumstämme schmiegen und einen breiten Fluss ergeben. Es wird ein leichtes sein die Kräuter einzusammeln.
So werde ich viel schneller wieder Zuhause bei meinem Vater sein. Er wird nie mitbekommen, dass ich im Wald war. Vor Freude würde ich am liebsten in die Luft springen. Mit Euphorie erfüllt, renne ich die letzten Meter auf den Kräuterfluss zu, schmeiße mich auf die Knie und fange an zu rupfen.
Das brechen der Wurzeln ist ein angenehmes Geräusch in meinen Ohren. Es bestätigt mir immer mehr wie viele Kräuter ich hier finde. Kraut für Kraut reiße ich samt Wurzel aus dem Erdreich und stecke sie in meine Umhängetasche.
Bei dem Leben meines Vaters, hier gibt es so viele Kräuter, dass ich gar nicht aufhören kann zu pflücken. Hier habe ich die Chance mir einen riesigen Vorrat an Kräutern zu holen. Unglaublich. Damit werde ich Vater endlich heilen können.
Das laute knacken eines Astes lässt mich aufhorchen. Trotz der Dunkelheit versuche ich meine Umgebung zu erfassen. Ich habe die Zeit vollkommen aus den Augen verloren. Die Sonne ist komplett verschwunden und der Mond regiert.
Langsam und unangenehm wie Schlangen kriecht die Angst meine Knochen hinauf. "Ha-Hallo?" Nichts.
"Ist da jemand?" Wieder nichts. Habe ich mir das vielleicht nur eingebildet? Vielleicht war es auch nur ich gewesen, die mit ihrem Knie einen Ast zerbrochen hat. Dieser Gedanke beruhigt mich zumindest und lässt meinen rasenden Puls sinken.
Ein letztes Mal sehe ich mich um, doch kann ich nichts erkennen. Ohne weitere Bedenken pflücke und rupfe ich weiter die Kräuter aus der Erde. Die krabbelnden Ameisen und Käfer ignoriere ich auf meiner Haut.
Meine Tasche ist bis zum obersten Rand mit Grünzeug gefüllt. Das sollte erst einmal reichen. Man soll nicht zu gierig werden, sonst endet das irgendwann nicht gut. Ich stehe auf und klopfe mir den Dreck von meinen Knien und meinem Kleid.
Wie soll ich das nur Vater morgen erklären? Das war vorhin noch nicht so. Ich werde ihm sagen, dass ich noch einmal bei den Hühnern war. Auch wenn man andere nicht anlügt, so will ich ihm nicht die Wahrheit sagen.
Das würde ihn nur weiter beunruhigen.
Ein tiefes bedrohliches Knurren dringt aus den Tiefen des Waldes. Und das kam definitiv nicht von mir. Sofort verdoppelt sich mein Puls, wenn nicht sogar verdreifacht er sich. Wie vom Blitz getroffen bleibe ich abrupt stehen.
Das Knacken mehrerer Äste ist zu hören. Mehrerer. Vorhin war es nur einer gewesen. Ich traue mich nicht mich umzudrehen. Ich will nicht wissen, was sich hinter mir befindet. Oder wer. Der kalte Schweiß bricht mir aus.
Die Panik schießt mir durch die Venen. Fest schließe ich meine Augen, in der betenden Hoffnung es mir wieder nur eingebildet zu haben. Doch da erklang das Knurren erneut. Dieses Mal war es näher dran.
Jetzt gab es nur noch eines. Rennen.
