Kapitel 3 - Anthelia
Ich spüre nichts, bis auf die unendliche Leere in meinem Inneren. Sie fühlt sich ruhig und entspannt an. Gerade eben bin ich noch durch den dunklen Wald gehetzt, auf der Flucht vor blutrünstigen Monstern.
Und jetzt sinke ich immer tiefer in den Ozean, der mich umgibt. So fühlt es sich zumindest an. Mit einer ungeheuren Kraft zieht er mich immer weiter in den Abgrund. Ich bin ganz alleine, niemand ist bei mir.
Fühlt sich so der Tod an? Ist das der Übergang in das Reich der Unterwelt? So habe ich es mir nie wirklich vorgestellt. So ruhig und ungestört. Niemand weiß wie der Tod sich anfühlt. Es ist etwas, was man nicht erklären kann. Vielleicht ist das auch nur meine eigene Vorstellung vom Tod. Wieso hatte ich die ganze Zeit
Er fühlt sich friedlich und wohl an, so entspannt. Immer tiefer nimmt mich der unendliche Ozean der Ruhe in sich auf, lässt mich ein Teil von ihm werden, als würde ich schon längst ihm gehören. Und ich nehme es so hin.
Eine angenehme Nässe breitet sich auf meiner Stirn aus, was mich angenehm seufzen lässt. Sie verläuft weiter bis zu meinen Armen, bis sie wieder auf meine Stirn kommt. Verwirrt ziehe ich die Augenbrauen zusammen.
Sollte ich im Tod eigentlich gar nichts spüren? Woher kommt diese Nässe auf einmal? Und wieso spüre ich sie auf meinem Körper, als würde sie mich wirklich berühren? Bin ich vielleicht doch nicht tot?
Wieder kommt die Nässe in Berührung mit meiner Stirn. Das Wasser läuft mir über mein Gesicht. Mit einem Mal habe ich das Gefühl in diesem riesigen Ozean zu ersticken. Ich will mich hektisch dagegen wehren, dem bedrängenden Gefühl entkommen, aber die Fluten sind zu stark.
Es fühlt sich an wie ein schrecklicher Albtraum und doch ist er so realistisch. Panisch reiße ich meine Augen auf.
Mit einem Ruck sitze ich aufrecht. Der Ozean ist verschwunden, ebenso die Ruhe. Nun umgibt mich Kälte und Dunkelheit. Nur durch das fahle Licht der Fackeln kann ich schemenhaft meine Umgebung ausmachen.
Ich bin...in einem Kerker? Ja, das hier ist definitiv ein Kerker. Kalte, feuchte Wände aus kantigem Stein umgeben mich. Verriegelt wird diese durch eine Kerkertür aus Eisenstangen, die senkrecht und waagerecht verlaufen.
Sofort fängt mein Herz an wild zu pochen. Das Blut schießt durch meine Venen. Also bin ich doch nicht tot, sondern eine Gefangene. Sie müssen mich wohl mitgenommen haben.
Unsicher sehe ich mich weiter um. Zumindest hatte ich das vor. Laut kreische ich auf und schrecke zurück, als ich den jungen Mann vor mir bemerke, der mich still beobachtet haben muss.
Bis eben habe ich ihn gar nicht wahrgenommen. Ängstlich weiche ich zurück, doch mein Rücken wird dabei nur an kalten Stein gepresst. "Ganz ruhig! Ganz ruhig! Ich tue Euch nichts.", flüstert der junge Mann mit erhobenen Finger an seinen Lippen.
Mit rasendem Herzen und einer hektischen Atmung beäuge ich ihn. Seine blauen Augen sehen mich beruhigend an, zumindest versuchen sie es. Sein dunkelbraunes Haar ist kurz und steht nach oben ab.
Seine gebräunte Haut schimmert im Licht der Flammen. Jetzt wo ich ihn mir genauer ansehe, kommt er mir noch ziemlich jung vor. Auf zwanzig Jahre würde ich ihn schätzen, aber älter auf keinen Fall.
Unsicher sehe ich ihn an. In seiner Hand hält er einen weißen nassen Stofffetzen, den er langsam anhebt, als wolle er mir versichern, dass er einer von den Guten ist. "Ich tue Euch nichts. Aber wenn Ihr nicht leise seid, werden sie uns erwischen und das wollt Ihr nicht."
Seine Stimme klingt beruhigend und hell, nicht so wie die von dem Mann gestern...oder...
"Wie lange bin ich schon hier?", frage ich leise mit zittriger Stimme nach. Behutsam nimmt der Fremde meinen linken Arm in seinen und fährt mit dem nassen stück Stoff darüber. Er macht es so vorsichtig, als könnte er mir jeden Augenblick wehtun.
"Noch nicht sehr lange. Ein paar Stunden. Der neue Tag ist schon angebrochen, wenn Ihr etwas mit dieser Information anfangen könnt." "Warum lebe ich noch? Wieso habt ihr mich nicht getötet?"
Ohne eine Miene zu verziehen, wendet der Fremde sich an meinen anderen Arm und kümmert sich dort um die Verletzungen. Aufmerksam sehe ich ihn dabei zu. "Dass Ihr noch lebt ist kein Zufall, glaubt mir. Es wird noch weitaus schlimmeres auf Euch zukommen, als das, was letzte Nacht passiert ist.
Ihr hättet unsere Gebiete niemals betreten dürfen." "Wieso? Was habt ihr noch mit mir vor?" Der Fremde atmet tief ein und aus. "Glaubt mir. Auch das wollt Ihr nicht wissen. Ihr könnt froh sein, wenn er es schnell macht. Ich konnte ihn gestern noch einigermaßen beruhigen.
Ein weiteres Mal wird er das nicht so einfach hinnehmen." Verwirrt runzele ich die Stirn. Er konnte wen einigermaßen beruhigen? Was hat das alles zu bedeuten? Fragen über Fragen stellen sich mir, auf die ich keine Antworten finde.
Der Fremde rutscht auf seinen Knien zu meinem rechten Bein. Er hebt den Stoff meines Kleides an und begutachtet die Wunde an meinem Knie. Sie ist nicht tief, doch ist einiges an Blut ausgetreten. Angeekelt verziehe ich mein Gesicht. Ein unbehagliches Gefühl breitet sich in meinem Inneren aus, als ich ihm weiter zusehe.
Noch nie hat mich ein männliches Geschöpf so angefasst. Das Blut schießt mir in den Kopf und fängt unter meinen Wangen an zu kochen. Seine blauen Augen blicken mit einer unausgesprochenen Frage zu mir auf.
"Diese Wunde muss dringend versorgt werden. Erlaubt Ihr?", fragt er - zu meiner Überraschung - äußerst höflich. Stumm starre ich ihn an, nicht genau wissend, was sich hier gerade abspielt. Erst nach kurzer Zeit regt sich wieder etwas in mir und zurückhaltend nicke ich.
Der fremde Mann will mir augenscheinlich wirklich nur helfen. Wäre es anders, hätte er mich schon längst aus eigener Hand getötet, oder? Ich bin überfordert.
Ein Schauer überkommt mich mit einem Mal. Mit großen Augen sehe ich dem Mann dabei zu wie er mein verletztes Bein auf seinen Schoß legt und mit seinen großen Fingern zart über die Haut fährt. Tief ein und ausatmen. "Zum Glück hat es sich noch nicht entzündet. Das alles hätte wesentlich schlimmer enden können."
Ich erwidere darauf nichts, sondern beobachte weiter aufmerksam seine Handlungen. Ich habe oft bei meinem Vater oder Lilia kleinere Wunden versorgt, doch noch nie musste man es bei mir machen. Zumindest nicht in diesem Ausmaß.
Langsam und mit Bedacht fährt er mit dem nassen Tuch über meine Verletzung und säubert sie. "Wie ist Euer Name?", fragt er in die Stille hinein. "Anthelia.", flüstere ich äußerst leise.
"Anthelia. Ein äußerst schöner Name." "Da-danke." Mit roten Wangen wende ich meinen Blick von ihm ab. Was tue ich hier nur? Ich lasse mich von einem Fremden anfassen und unterhalte mich mit ihm.
Leise fängt der Mann an zu lachen. "Keine Sorge, Anthelia. Vor mir braucht Ihr keine Angst zu haben. Ich denke, ich bin hier der Letzte, der Euch etwas antun würde. Ich verbinde Euch immerhin die Wunden." "Wieso tut Ihr es überhaupt? Ich sollte Euch doch völlig egal sein."
"Seid Ihr aber nicht. Ihr seid zwar ein Mensch, aber ein unschuldiger, möchte ich meinen. Ihr müsst wissen, dass Menschen hier sehr unerwünscht sind, besonders in dieser Zeit."
Er wickelt ein weiteres Stück Stoff um mein Knie und schnürt sie mit einer Schleife fest. Seufzend setzt er sich hin und stützt die Arme rechts und links von sich ab. Neugierig mustert er mich mit seinem aufmerksamen Blick. Er macht mich nervös.
"Was habt Ihr in unserem Gebiet überhaupt gemacht? Eure Tasche ist voll mit Kräutern gewesen, was wolltet Ihr damit?" Es klang nicht nach einem Befehl, doch fühlt es sich so an, als wäre es meine Pflicht ihm die Wahrheit zu sagen. Es ihm überhaupt zu sagen.
Kurz räuspere ich mich und lege meine Arme um meine nun angezogenen Beine. Traurig blicke ich zu Boden. Der Gedanke an mein eigentliches Vorhaben zieht mir die Brust schmerzhaft zusammen. Wieso war ich nur so dumm?
"Mein Vater ist sehr krank. Ich bin die Einzige gewesen, die er noch hatte. Mit der Zeit habe ich angefangen Heilsalben und Kräutermischungen für Tee zu machen, doch in unserem Wald gibt es nicht so viele Kräuter. Und dann traf ich auf diese große Lichtung, und es war wie ein Rausch. Ich konnte nicht anders, als sie alle zu pflücken.
Mein Vater hat mich noch davor gewarnt in den Wald zu gehen. Doch ich war so achtlos und habe mich ihm widersetzt. Ich konnte nur noch daran denken ihn zu heilen. Etwas anderes wünsche ich mir gar nicht.
Aber wie es aussieht, werde ich ihn nie wiedersehen." "Das tut mir wirklich leid, Anthelia." Betreten blickt Alec zu Boden, als würde es ihm tatsächlich leid tun. Auf mich macht er keinen Eindruck, als wäre er einer von den Bösen. Eher das Gegenteil.
Nun bin ich diejenige, die ihn neugierig mustert. "Wieso seid Ihr so nett zu mir? Ihr kennst mich doch gar nicht." Friedlich lächelnd sieht er wieder zu mir auf. "Man muss einen nicht gleich sofort kennen, um nett zu sein.
Wisst Ihr, im Wald habe ich Eure Angst gesehen und gewusst, dass Ihr dieses grausame Schicksal nicht verdient habt. Deswegen habe ich Xavier auch aufgehalten. Der Tod wäre der falsche Weg gewesen. Ihr wolltet nur deinen Vater retten."
Was ich jetzt nicht mehr kann. Ich bin jetzt eine Gefangene von Wölfen, die auch Menschen sein können. Ich dachte immer, dass es sie nicht gibt und jetzt rede ich mit einem von ihnen. Das kommt mir so surreal vor.
Wie in einem Traum. Eine Weile sehen wir uns noch stumm an, bis er mit einem Mal aufsteht und sich den Dreck von seiner braunen Lederhose abklopft. Erst jetzt sehe ich wie groß er ist. Locker würde er mich überragen.
Er ist zwar nicht ganz so groß wie der Mann von letzter Nacht - Xavier, wie er wohl heißen soll - doch kommt er da schon sehr nah dran.
"Es tut mir leid, Anthelia, aber ich werde jetzt gehen müssen, sonst fällt mein Verschwinden noch auf. Oh, und hier." Aus seiner Tasche holt er einen grünen, saftigen Apfel hervor, den er mir zuwirft. Sofort läuft mir das Wasser im Mund zusammen, als ich ihn fange und begutachte.
"Guten Hunger. Mehr konnte ich leider nicht abgreifen, aber mal sehen, vielleicht lässt sich da etwas machen." Gerade will er aus der Tür gehen und sie abschließen, als ich aufspringe und ihn aufhalte.
"Wartet!" Kurz mustert der Blauäugige mich und leicht mit einer Wärme, die mich mitreißt. Die gleiche Wärme breitet sich in seinem Inneren aus. Sie gibt mir einen kleinen Funken Hoffnung. Wie auch immer dieser Mann es macht, er schafft es ein kleines heimisches Gefühl in mir zu erzeugen.
Kurz blinzele ich, um mich aus meinen Gedanken zu lösen. Fast hätte ich vergessen, weswegen ich ihn aufgehalten habe. "Ich...Ich weiß noch gar nicht Euren Namen." Erwartungsvoll blicke ich ihn an. Für einen kurzen Moment habe ich die Befürchtung, dass er ihn mir nicht sagen wird. Immerhin bin ich die Gefangene.
Er hat keinen Grund ihn mir zu nennen. Und doch hat er mir geholfen und sich über mich informiert. Also wieso sollte er ihn mir nicht verraten? Mit eleganten Schritten - solche Eleganz habe ich noch nie bei einem Mann so gesehen - kommt er auf mich zu und bleibt direkt vor mir stehen.
"Alec. Mein Name ist Alec." "Alec.", spreche ich leise nach, probiere seinen Namen auf meiner Zunge aus, und er klingt wirklich gut. Er erzeugt diese heimische Wärme in mir, die ich mir nicht erklären kann.
Er hat jetzt schon so eine beruhigende Aura auf mich. Ich frage mich wirklich woran das liegen kann, wo ich diesen Mann doch kaum kenne. Stumm sehen wir uns an.
Freundlich lächelt er und nickt mir zu. "Bis morgen, Anthelia." Und schon ist er verschwunden. Irritiert blinzele ich über sein plötzliches verschwinden. Bis morgen.
Er wird wiederkommen. Schon jetzt freue ich mich auf unser Wiedersehen. Vielleicht wird das meine Gefangenschaft etwas angenehmer gestalten. Ach, was rede ich mir da ein?
Selbst er wird mich nicht befreien oder retten können. So wie es klang, werden sie mich töten. ich werde meine Familie nie wieder sehen. Langsam sinke ich an den Eisenstäben herunter und starre vor mich hin. Wäre ich doch nie aus dem Haus gegangen.
Dann würde ich nicht hier unten in der eisigen Kälte sitzen und hoffen, dass ich einen Ausweg finde. Was habe ich nur getan?
