Kapitel 2
— Alim, schau bitte mal, hier ist schon wieder etwas stecken geblieben, — seufzte Zumrat, wischte sich die Hände an der Schürze ab und schüttelte den Kopf. — Ich weiß nicht, wie ich früher ohne diese Technik gelebt habe, und jetzt raubt sie mir jeden Tag die Nerven.
Ich stand am Küchenfenster und blätterte in einem alten, zerlesenen Notizbuch, als ich die Stimme meiner Schwägerin hörte. Das Sonnenlicht fiel sanft auf ihr Gesicht und ließ ihr müdes, aber zufriedenes Lächeln aufleuchten. An ihren Händen klebte Mehl, die Haare waren unter einem Tuch zusammengebunden, auf der Stirn hatten sich ein paar Strähnen gelöst. Ich lächelte leise und legte das Notizbuch beiseite.
— Schauen wir mal.
Zumrat schob mir die große, schwere Küchenmaschine heran. Ich nahm ein Werkzeug aus der Schublade und begann vorsichtig, das Gehäuse auseinanderzunehmen. Ich mochte solche kleinen, stillen Tätigkeiten, die die Hände beschäftigten und mir erlaubten, in Ruhe nachzudenken. Ohne Hektik, ohne überflüssige Worte.
— Was meinst du, wie lange hält dieser „Oldtimer“ noch durch? — fragte sie und lehnte sich an den Tisch, während sie aufmerksam meine Bewegungen verfolgte.
— Wenn du ihn weiter so strapazierst, nicht mehr lange, — schmunzelte ich. — Eine Maschine muss auch mal ruhen.
Sie schnaubte und schüttelte den Kopf:
— Sag bloß, du ruhst dich oft aus.
— Das ist etwas anderes. Ein Mensch hat eine gewisse Belastbarkeit, Technik hat ihre Grenzen, — erklärte ich ruhig, während ich ein kleines Teil herauszog, um das sich ein dünner Teigfaden gewickelt hatte. — Schau, schon wieder hier festgesetzt.
— Danke dir, — seufzte sie und stützte sich auf den Tisch, während sie mich nachdenklich ansah. Ich entfernte vorsichtig den Teigrest und begann, die Teile wieder zusammenzusetzen.
— Alim, weißt du, ich habe da nachgedacht …
Ich hob fragend eine Augenbraue und ahnte, worauf das Gespräch hinauslief.
— Es wäre auch für dich langsam an der Zeit, ein Mädchen ins Haus zu bringen. Eine gute, tüchtige Frau.
Meine Finger verharrten für einen Moment, dann setzten sie ihre Arbeit fort. Ich mochte solche Gespräche nicht. Normalerweise wich ich ihnen aus, doch Zumrat war anders. Sie war wie eine Schwester, die einzige Frau, der ich erlaubte, mit mir über so etwas zu sprechen.
— Hast du ernsthaft beschlossen, gerade jetzt damit anzufangen? — fragte ich ruhig, ohne aufzusehen.
— Und warum nicht? Wann denn sonst? — wunderte sie sich ehrlich. — Wenn du schon ganz alt bist?
Ich arbeitete schweigend weiter und spürte ihren Blick auf mir.
— Schau mich nicht so an, — lachte sie. — Ich habe recht, Alim. Sogar Beka hat geheiratet, bei dem ich längst alle Hoffnungen aufgegeben hatte.
— Du weißt genau, dass seine Hochzeit erzwungen war, — erinnerte ich leise. — Eine Scheinehe.
— Eine Scheinehe? — Zumrat lächelte so verschmitzt, dass ich unwillkürlich innehielt und sie ansah. — Ach was, sag das nicht. Sehr bald wirst du sehen, dass ihre Ehe mehr als echt ist. Da sprühen schon Funken, wenn die beiden nur nebeneinander stehen.
Ich schüttelte nur den Kopf und widmete mich wieder der Arbeit. Innerlich wusste ich, dass sie recht hatte. Zwischen Beka und Safija war wirklich etwas Echtes. Etwas Starkes, Lebendiges, das sie beide veränderte.
Aber das hatte nichts mit mir zu tun.
— Ich brauche das nicht, Zumrat. Mir geht es auch so gut, — sagte ich leise.
— Gut? — Sie riss die Augen auf. — Du bist doch noch kein alter Mann, du bist neunundzwanzig! Du bist jung, dein ganzes Leben liegt noch vor dir. Willst du ewig so leben — still, allein, mit deinem Notizbuch und deinen Angelegenheiten?
— Mein Lebensrhythmus gefällt mir, — antwortete ich ruhig. — Ich bin es gewohnt, allein zu sein, so ist es ruhiger. Ich mag keine Hektik und keine überflüssigen Emotionen.
— Du liebst es, alles zu kontrollieren, — lächelte sie sanft. — Aber das Leben ist keine To-do-Liste, Alim. Das Leben sind Gefühle, Nähe, Familie. Ich sehe doch, wie du uns manchmal ansiehst — mich und Rashid, Beka und Safija. Sag mir nicht, dass du dir das nicht auch wünschst.
Ich stellte die Maschine vorsichtig auf den Tisch und sah Zumrat an.
— Ihr hattet Glück, — sagte ich leise. — Bei euch hat es geklappt. Aber ich … für mich ist es zu spät, Gewohnheiten zu ändern.
— Willst du mir etwa sagen, dass du allein alt werden willst? — Sie schüttelte gespielt verärgert den Kopf. — Wer kümmert sich um dich, wenn du krank bist? Wer bringt dir Suppe?
— Eure Kinder, — antwortete ich mit einem leichten Lächeln. — Sie werden sich um den alten Onkel Alim kümmern, ihm Tee bringen und sein Gemurre ertragen.
Zumrat lachte leise:
— Nein, so läuft das nicht. Das lasse ich nicht zu. Ich suche dir selbst eine Frau aus, wenn du so stur bist.
— Danke, nicht nötig, — schmunzelte ich. — Ich kenne deinen Geschmack noch, als du für Beka vor Safija eine Braut ausgesucht hast.
Sie runzelte die Stirn und tat so, als wolle sie mich mit dem Handtuch schlagen:
— Ach, immer nur deine Witze. Aber ich meine es ernst! Du weißt doch, ich lasse dich nicht in Ruhe, bis ich einen Ring an deiner Hand und eine Braut in diesem Haus sehe.
— Ich weiß, — antwortete ich ruhig und setzte die Maschine endgültig zusammen. — Alles zu seiner Zeit.
— Ach, Alim, — seufzte sie und tätschelte mir die Schulter, als sie die Küche verließ. — Wenigstens reparierst du die Technik ohne Widerrede.
Als sich die Tür schloss, blickte ich aus dem Fenster. Draußen war es still und friedlich. Die Luft roch nach Sonne und Kräutern. Ich seufzte und wischte mir die Hände am Handtuch ab.
In einem hatte Zumrat recht: Ich liebte Ordnung, Kontrolle, den gewohnten Rhythmus des Lebens. Ich mochte es, wenn alles klar war, wenn jede Handlung zum gewünschten Ergebnis führte. Ich liebte die Stille und den Frieden, wenn niemand meine Grenzen überschritt.
Aber tief in mir, in jenen Winkeln der Seele, über die ich nicht einmal mit mir selbst sprach, tauchte manchmal der Gedanke auf, dass auch ich eines Tages das wollen würde, was meine Brüder hatten. Familie, Wärme, einen Blick, der nur mir gehörte.
Eines Tages. Aber noch nicht jetzt.
Im Moment reichte mir meine Einsamkeit. Mir reichten die Stille und der Frieden.
Doch wer weiß, wie lange noch?
