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Kapitel 1.1

***

Am Abend kamen Bashir und seine Brüder zurück.

Ich hörte, wie das Tor quietschte, und sofort schlug mein Herz bis zum Hals. Ich warf das Handtuch auf den Tisch, wischte mir die nassen Hände an meinem Kleid ab und ging, ohne zu atmen, in den Flur.

Sie kamen nacheinander herein, und mein Herz setzte einen Schlag aus. Ihre Gesichter waren düster wie Wolken, ihre Kleidung zerrissen, blutverschmiert und schmutzig. Bashir ging voran – in einem Hemd mit abgerissenem Kragen, auf seinem Gesicht war eine tiefe Schürfwunde zu sehen, die mit getrocknetem Blut bedeckt war. Hinter ihm folgten seine Brüder – ebenso geschlagen, düster und schweigsam. Einer von ihnen humpelte, ein anderer hielt sich die Hand an die Seite, das Gesicht des dritten war voller Blutergüsse und hatte eine aufgeplatzte Lippe.

Niemand sagte ein Wort. Niemand schaute auch nur in meine Richtung. Die Luft im Haus wurde augenblicklich schwer, als hätte jemand den gesamten Sauerstoff herausgepumpt.

Ich trat mit wattierten Beinen vor.

„Bashir ...“, meine Stimme zitterte, ich brachte die Worte kaum heraus. „Was ist passiert? Habt ihr sie gefunden?“

Er blieb stehen. Langsam drehte er seinen Kopf zu mir und sah mich so an, dass ich bereute, überhaupt den Mund aufgemacht zu haben. In seinen Augen war so viel Wut und Verachtung, dass ich unwillkürlich einen Schritt zurücktrat und mit dem Rücken gegen die kalte Wand stieß.

„Das geht dich nichts an“, sagte er mit leiser, dumpfer Stimme, die dadurch noch furchterregender klang. „Halt den Mund und verschwinde aus meinen Augen.“

Ich erstarrte und drückte mich mit dem Rücken gegen die Wand. Mein Herz schlug so laut, dass er es bestimmt hören musste.

— Ich wollte nur wissen … ob sie lebt …

Er fuhr so plötzlich auf mich zu, dass ich aufschrie und das Gesicht mit den Händen schützte. Doch er packte lediglich mein Handgelenk so fest, dass die Knochen knackten, und zischte mir direkt in die Augen:

— Du wirst schweigen und ihren Namen in diesem Haus nie wieder aussprechen. Hast du mich verstanden?

Ich nickte stumm, wagte kaum zu atmen. Er stieß mich zur Seite, ging an mir vorbei und schlug die Tür zu seinem Zimmer so heftig zu, dass das Haus erbebte.

Seine Brüder gingen wortlos in ihre Zimmer auseinander, ohne auch nur ein einziges Wort zu verlieren. Ich blieb allein im leeren, von Stille widerhallenden Flur zurück und presste mein schmerzendes Handgelenk an die Brust.

Aus der Küche trat mein Schwiegervater, warf mir einen schweren, finsteren Blick zu und schüttelte den Kopf.

— Ich habe dir doch gesagt, misch dich nicht ein. Eine Frau stellt keine Fragen.

Dann ging er seinen Söhnen hinterher und ließ mich allein zurück — mit dem Kloß im Hals und mit der Angst, die mich langsam von innen heraus erstickte.

Langsam sank ich auf den Boden und spürte, wie meine Beine zitterten. Das Haus, das am Morgen noch voller Leben, Lachen und Hoffnung gewesen war, hatte sich in einen Ort verwandelt, in dem Schweigen und Furcht herrschten. Niemanden kümmerte es, wie ich mich fühlte, wie sehr ich mich fürchtete und wie einsam ich war.

An diesem Abend begriff ich endgültig, dass ich für Bashir und seine Brüder kein Mensch mehr war. Ich war nur ein Schatten, an den man sich erinnerte, wenn man seine Wut abladen wollte. Ich war niemand.

Doch das Schlimmste war etwas anderes — ich selbst hatte diesen Weg gewählt. Und nun musste ich ihn allein gehen, ohne Recht auf Klagen oder Tränen.

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