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Kapitel 1.3

Imran

Ich saß im Arbeitszimmer von Kamilas Vater, nickte zerstreut und versuchte, mich auf seine Worte zu konzentrieren, doch meine Gedanken kehrten hartnäckig zu dem absurden Vorfall auf der Treppe zurück. Immer wieder erschien vor meinem inneren Auge Aischat — ihr offenes, leuchtend rotes Haar, ihr aufgewühltes Gesicht, ihre verwirrten Augen. Noch immer spürte ich die Wärme ihres zarten Körpers in meinen Armen und empfand erneut diese unangenehme Verlegenheit, als hätte ich etwas völlig Unanständiges und Unzulässiges getan.

Natürlich hätte ich nicht anders handeln können. Ich konnte sie doch nicht einfach fallen lassen und riskieren, dass sie sich ernsthaft verletzt. Aber sie aufzufangen, sie an mich zu ziehen… das war zu viel. Für den Bräutigam war es ohnehin unangebracht, der Schwester der Braut so nahe zu kommen. Ich wusste das — und doch hatte mein Verstand in diesem Moment einfach ausgesetzt. Es war nur ein Reflex gewesen — sie um jeden Preis vor dem Sturz zu bewahren.

— Imran, hörst du mir zu? — die Stimme von Kamilas Vater holte mich zurück in die Realität. Ich nickte schuldbewusst und richtete mich im Sessel auf.

— Ja, natürlich. Entschuldige, ich war nur kurz in Gedanken… bei der Arbeit, — log ich hastig.

— Verstehe. Die Hochzeit steht bevor, da ist man gedanklich schnell woanders, — lächelte er gutmütig, als hätte er mir diese kleine Unaufmerksamkeit längst verziehen.

Ich nickte erneut, spürte jedoch, wie sich in mir ein unangenehmes Gefühl von Scham ausbreitete. Nein, meine Gedanken waren ganz und gar nicht bei der Hochzeit. Sie waren bei der Schwester meiner zukünftigen Frau — und das war falsch.

Unauffällig ballte ich die Fäuste und zwang mich, nicht mehr an Aischat zu denken. Sie war nur Kamilas Schwester. Ein stilles, seltsames, schüchternes Mädchen, das sich stets hinter dicken Brillengläsern und Büchern versteckte, als würde sie dem echten Leben ausweichen. So hatte ich sie immer gesehen — unauffällig, ein Schatten ihrer strahlenden Schwester. Kamila hatte oft mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis über sie gesprochen.

— Aischat interessiert sich überhaupt nicht für Männer, — hatte sie einmal gesagt, als ich vorsichtig gefragt hatte, warum ihre Schwester immer allein war. — Sie ist sehr verschlossen. Manchmal wissen selbst unsere Eltern nicht, was in ihr vorgeht.

Damals hatte mich das kurz überrascht, doch ich hatte es schnell wieder vergessen. Und heute… Heute hatte ich sie plötzlich ganz anders gesehen — lebendig, echt. Ohne diese großen Brillen, mit offenem Haar, in einem einfachen Hausmantel, verlegen und verloren.

Seltsam, dass ich nie zuvor bemerkt hatte, wie attraktiv sie war. Vielleicht lag es an der Brille, die ihr Gesicht immer verdeckte, oder an ihrer Angewohnheit, jedem Blick auszuweichen. Doch heute, als ich sie in meinen Armen hielt, hatte sie sich mir zum ersten Mal geöffnet — wie ein Buch, dessen Seiten niemand je zu lesen versucht hatte.

— Ich denke, — begann Kamilas Vater erneut, — wir sollten das Hochzeitsbankett im Restaurant meines Freundes veranstalten. Du kennst ihn, Schamil-Hadschi. Ein guter, verlässlicher Mann. Was meinst du?

Ich zwang mich zurück in die Gegenwart und antwortete so klar wie möglich:

— Natürlich, ich bin einverstanden. Ich vertraue deiner Entscheidung vollkommen.

Er lächelte zufrieden und sprach weiter über die Details, während ich wieder in meine Gedanken abglitt und unwillkürlich die beiden Schwestern miteinander verglich.

Kamila war die Frau, von der jeder Mann träumt — strahlend, offen, lebensfroh. Sie gefiel allen, gewann mühelos jedes Herz. Aischat war ihr genaues Gegenteil. Schüchtern, still, verschlossen und beinahe unsichtbar. Plötzlich dachte ich daran, wie schwer es für sie gewesen sein musste, all die Jahre im Schatten ihrer Schwester zu leben. Und obwohl ich nichts Schlechtes über sie dachte, verspürte ich dennoch dieses seltsame Mitleid — ein Gefühl, das sie wahrscheinlich tief verletzt hätte.

Zum ersten Mal wurde mir klar, dass Aischat dieses Mitleid nicht verdiente. Sie war auf ihre Weise schön, besonders. Andere Männer hätten das, was ich heute zufällig gesehen hatte, sicherlich bemerkt. Und wenn sie sich nur ein wenig öffnen, sich nicht hinter Brille und Büchern verstecken würde, wäre sie längst verheiratet.

Unwillkürlich stellte ich sie mir an der Seite eines anderen Mannes vor — und runzelte sofort die Stirn, als mir bewusst wurde, dass mir dieser Gedanke missfiel. Seltsam. Es sollte mich nicht kümmern, wer an Aischats Seite stand. Die einzige Frau, die mich interessieren durfte, war Kamila. Nur sie. Ich hatte sie zu meiner Frau gewählt, und damit sollte es keine andere mehr geben.

— Imran, ist wirklich alles in Ordnung mit dir? Du wirkst heute so abwesend, — fragte Kamilas Vater erneut, diesmal mit einem Hauch von Sorge.

Ich lächelte und beeilte mich, ihn zu beruhigen:

— Alles gut, wirklich. Es hat sich nur viel Arbeit vor der Hochzeit angesammelt, das lenkt ab.

Er nickte verständnisvoll und sprach weiter über die Vorbereitungen, während ich mich zwang, nicht mehr an die Schwester meiner Verlobten zu denken. Doch kaum schloss ich für einen Moment die Augen, tauchte ihr Bild wieder vor mir auf — die leuchtenden roten Locken, die verlegenen Augen und ihr leises: „Ich bin nur ungeschickt…“

Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass Aischat nicht einfach nur Kamilas Schwester war. Sie war eine Frau — schön, sanft, jemand, den man respektieren und schätzen sollte, nicht bemitleiden. Und doch löste genau diese Erkenntnis in mir ein unangenehmes Gefühl von Schuld und einer seltsamen, kaum greifbaren Traurigkeit aus.

Denn heute hatte ich sie zum ersten Mal nicht als die Schwester meiner Verlobten gesehen, sondern als Frau. Und genau das machte mir Angst.

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