Kapitel 2
Jemand hatte dafür bezahlt, mich töten zu lassen.
Ich saß auf dem Rücksitz von Roccos Wagen, während dieser Satz in meinem Schädel widerhallte und Manhattan am Fenster vorbeiverschwamm. Jemand wollte die Frau von Dante Moretti tot sehen. Und Dante war zu sehr damit beschäftigt gewesen, eine andere zu retten, um zu bemerken, dass auf der Kugel mein Name stand.
„Bringen Sie mich zum Haus“, sagte ich zu Rocco. „Ich brauche zwanzig Minuten.“
Er sah mich im Rückspiegel an. Fünf Jahre lang war er mein Leibwächter gewesen. Er hatte alles gesehen. „Verlassen Sie ihn?“
„Ja.“
Drei Blocks lang sagte er nichts. Dann: „Gut.“
Die Moretti-Villa lag im Dunkeln, bis auf ein einziges erleuchtetes Fenster im Obergeschoss. Mein Schlafzimmerfenster.
Ich stieg langsam die Treppe hinauf, die Fäden zogen an meinem Arm, und stieß die Tür auf.
Sienna Russo saß auf meinem Bett. In meinem Seidenmorgenmantel. Und bürstete sich mit meiner Bürste die Haare.
Sie sah auf und lächelte. „Oh. Du bist zurück. Dante dachte, du bleibst heute Nacht im Krankenhaus. Er meinte, ich könne hier schlafen, weil die Fenster im Gästezimmer zur Straße gehen, und nach heute Abend habe ich einfach solche Angst.“
„Wo ist er?“
„Unten. Am Telefon, er sucht die Leute, die das getan haben.“ Sie legte den Kopf schief und musterte meinen verbundenen Arm. „Du hast so ein Glück gehabt, Ana. Ein paar Zentimeter weiter und …“ Sie ließ den Satz in der Luft hängen. Dann wurde ihr Lächeln breiter, nur ein kleines bisschen. „Na ja. Du lebst. Wie schön für dich.“
Irgendetwas daran, wie sie es sagte, ließ mir die Nackenhaare zu Berge stehen.
Sechs Monate. So lange war sie schon zurück. Sechs Monate, seit Dantes Jugendliebe als trauernde Witwe nach New York zurückgekehrt war und meine Ehe Stück für Stück zu verschwinden begann.
Zuerst war es mein Platz beim Sonntagsessen, weil Sienna „Familie um sich brauchte“. Dann meine Leibwächter, die ihr zugeteilt wurden, weil „sie diejenige ist, die in Gefahr ist, Ana“. Dann mein Geburtstag, den Dante verpasste, weil Sienna eine Panikattacke hatte. Dann die Wohltätigkeitsgala, auf der sie dasselbe Kleid trug wie ich und Dante mich aufforderte, mich umzuziehen, weil „die Leute sonst reden“.
Jedes Mal, wenn ich etwas sagte, bekam ich dieselbe Antwort.
„Sie hat alles verloren. Du hast alles. Sei nicht so kleinlich.“
Bei dreißig hatte ich aufgehört zu zählen.
Ich ging an Sienna vorbei in meinen begehbaren Kleiderschrank und zog eine einzige Ledertasche heraus. Fünf Jahre Ehe, und alles, was wirklich mir gehörte, passte da hinein. Denn alles andere, die Autos, der Schmuck, das Haus, gehörte der Familie Moretti. Daran hatte Dante mich oft genug erinnert.
„Du bist mit nichts zu mir gekommen, Ana. Alles, was du bist, habe ich aus dir gemacht.“
Er hielt mich für eine Waise aus Queens. Eine Kellnerin, die er gerettet hatte. Ein Niemand, den er großzügigerweise geheiratet hatte.
Er hatte keine Ahnung.
Ich zog meinen Ehering ab. Ich legte ihn auf das Kopfkissen, neben die Scheidungspapiere, die ich vor zwei Monaten selbst aufgesetzt und versteckt hatte, in Erwartung einer Nacht, die mir den Mut geben würde, sie zu benutzen. Dann legte ich das Samtkästchen daneben. Das Blut auf der Schleife war braun getrocknet.
Sienna beobachtete mich mit hellen, neugierigen Augen. „Was ist in dem Kästchen?“
„Nichts, was dich etwas angeht.“
Ich ging die hintere Treppe hinunter. Aus seinem Arbeitszimmer hörte ich Dantes Stimme, leise und wütend am Telefon. „Findet heraus, wer das war. Niemand rührt Sienna an. Niemand.“
Niemand rührt Sienna an.
Ich klopfte nicht. Ich sagte nicht Lebewohl.
Vor dem Tor fluteten Scheinwerfer die Auffahrt. Vier schwarze SUVs rollten mit brummenden Motoren heran und hielten. Gepanzert. Getönte Scheiben. Auf jeder Fahrertür war ein silberner Wolfskopf in den Lack eingraviert.
Die Moretti-Wachen am Tor erstarrten. Zwei von ihnen griffen nach ihren Waffen, dann ließen sie die Hände langsam wieder sinken. Jeder an der Ostküste kannte diesen Wolf. Niemand, der ihn bedrohte, überlebte es.
Ein großer Mann stieg aus dem vordersten Wagen. Blond. Vernarbt. In einem schwarzen Mantel und mit denselben grauen Augen, die mich jeden Morgen aus dem Spiegel ansahen.
Mein Bruder. Alexej Wolkow.
Er sah die Naht an meinem Arm, und sein Kiefer verhärtete sich. „Wer war das?“
„Später“, sagte ich. „Bring mich einfach nach Hause.“
Rocco stand neben mir und starrte vom Wolfswappen in mein Gesicht. Seine Stimme brach. „Mrs. Moretti … wer sind Sie?“
Ich drückte ihm meine Tasche in die Hand, um einsteigen zu können. Dann blickte ich ein letztes Mal zurück auf die Villa, in der ich mich fünf Jahre lang kleingemacht hatte.
„Mein Name ist Anja Wolkowa“, sagte ich. „Und ich war nie Mrs. Moretti.“