SECHS
Madrid schien an diesem Tag viel zu früh wach zu sein. Der Himmel schwankte noch zwischen Dunst und Licht, als eine elegante schwarze Limousine vor dem Standesamt hielt. Zwei Leibwächter stiegen als Erste aus und öffneten wortlos und präzise die Hintertür. Daraus stieg Naven Fort.
Er trug einen dunkelgrauen Anzug, perfekt geschnitten, ohne eine einzige Falte, als wäre dieser Tag nur einer von vielen unter seinen unzähligen geschäftlichen Erfolgen. Sein Gang war aufrecht, entschlossen, und sein Blick wanderte keine Sekunde lang ab. Um ihn herum verbargen einige Frauen, die dort warteten – Sekretärinnen, Anwältinnen, Assistentinnen – ihre Reaktionen nicht. Mehr als eine drehte sich um, um ihn vorbeigehen zu sehen, andere drängelten sich flüsternd, fasziniert von seiner Präsenz. Einige lächelten sogar offen, ohne die geringste Scheu.
Aber Naven ließ sich nicht beirren. Er ging, als gäbe es niemanden sonst auf der Welt. Kein einziger Blick, kein Ausdruck. Nur sein Schatten, der sich langgestreckt auf den Marmorboden warf.
Sofía stieg hinter ihm aus dem Auto und hielt ihren Mantel vor die Brust. Ihr Schritt war schnell, wenn auch sichtlich unsicher. Sie musste mit ihm Schritt halten, und das war keine leichte Aufgabe. Die Entschlossenheit in Navens jedem Schritt, die Art, wie sich die Türen vor ihm öffneten, ohne dass er darum bat, ließ sie sich noch kleiner fühlen. Noch fehl am Platz. Sie spürte die Blicke aller auf sich, nicht weil sie erkannt wurde, sondern weil sie an seiner Seite war.
Der Gang durch die Flure des Standesamtes war wie eine endlose Tunnelwanderung. Niemand sprach. Niemand lachte. Alles war Protokoll und Stille. Bis sie endlich den Saal erreichten.
Der Richter wartete bereits auf sie, zusammen mit ein paar Verwaltungszeugen. Es gab keine Blumen. Es gab keine Musik. Nur einen Tisch, einen Ordner mit Dokumenten und ein paar schwarze Kugelschreiber.
Naven setzte sich, ohne ein Wort zu sagen. Er knöpfte seinen Mantel auf, legte ihn über die Stuhllehne und blätterte die Papiere durch, als wären es nur weitere Verträge. Sofía nahm den Platz neben ihm ein. Die Stille war so intensiv, dass sie ihren Herzschlag in den Ohren hören konnte. Im Saal war es eiskalt.
—Fangen wir an —sagte der Richter, ohne zu zögern.
Naven unterschrieb als Erster. Ohne Pause, ohne zu zögern. Seine Unterschrift prangte wie ein gezielter Schlag auf dem Dokument. Er sah Sofía nicht einmal an. Er reichte ihr nur den Stift.
Sie nahm ihn mit zitternden Händen entgegen. Der Stift schien eine Tonne zu wiegen. Sie schluckte. Sie betrachtete ihren Namen, der bereits auf dem Blatt stand: „Sofía Elisabetta Morgan“.
Sie wusste, dass diese Unterschrift ihr Leben für immer verändern würde.
Sie dachte an ihre Eltern, an Catalina, an die Entscheidung, die sie getroffen hatte. Sie spürte, wie die Kälte des Raumes ihr in die Knochen kroch.
Und sie unterschrieb.
„Damit ist die rechtmäßige Ehe zwischen Naven Fort und Sofia Morgan registriert“, sagte der Richter und blickte formell auf die Dokumente. „Von diesem Moment an seid ihr nach den Gesetzen des Staates offiziell Mann und Frau.“
Sofia hob leicht den Blick, als würde sie auf eine Geste warten. Naven stand völlig gelassen auf, nahm seinen Mantel und ging zum Ausgang, ohne sie anzusehen.
Es gab keinen Kuss.
Es gab keine Glückwünsche.
Es gab keine Worte.
Nur das Geräusch seiner sich entfernenden Schritte und der Schatten seiner Gestalt, der sich erneut auf den glänzenden Marmor warf.
Sofía blieb noch einen Moment sitzen. Dann stand sie langsam auf und folgte ihm. Draußen hatte das Tageslicht endlich den Nebel durchbrochen.
Aber für sie war alles weiterhin von Schatten bedeckt.
Das geschäftige Treiben vor dem Standesamt blieb zurück, als sich die Autotür mit einem leisen, aber imposanten Klicken schloss. Im Inneren des luxuriösen Autos mit den getönten Scheiben herrschte eine angespannte Stille, so dicht wie der Nebel eines Wintermorgens. Sofía wagte nicht zu sprechen; in ihrem Kopf spielte sich die Szene der Unterschrift immer wieder ab wie ein Albtraum in Zeitlupe. Ihre Finger zitterten noch immer.
Naven saß ihr gegenüber. Seine elegante, zurückhaltende Haltung, sein gerader Rücken, das Gesicht, als wäre es aus Eis selbst gemeißelt. Plötzlich ruhten seine grauen Augen, hart wie geschmolzener Stahl, auf ihr. Die Intensität seines Blicks durchbohrte sie wie ein Blitz; er blinzelte nicht, er zögerte nicht, er beobachtete sie, als würde er jede Faser ihrer Gedanken lesen. Da war noch etwas anderes in seinen Augen als Kälte. Etwas Wildes, Unbezähmbares. Etwas, das keinen Widerspruch duldete.
Dann, ohne Vorwarnung, streckte Naven die Hand aus und fasste ihr Gesicht an. Nicht gewaltsam, sondern mit präziser, dosierter Festigkeit. Seine langen, marmor kalten Finger streiften die Wärme ihrer Wangen. Es tat nicht weh, aber ihr ganzer Körper reagierte mit einem elektrischen Schauer. Ihre Haut sträubte sich. Ihr Herz schlug wie ein gefangener Vogel.
Er hielt sie so fest, regungslos, und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen.
„Wir sind verheiratet“, sagte er mit leiser Stimme, die jedoch scharf wie eine Stahlklinge klang. „Vergiss das nicht. Und in einem Monat werden wir kirchlich heiraten.“
Sofía stockte der Atem, als sie diese Worte hörte.
Eine kirchliche Trauung?
Allein der Gedanke verwirrte sie. Warum sollte jemand wie er, so unbewegt, so kalt, sich auf so … endgültige Weise mit ihr verbinden wollen? Ihre Gedanken schweiften zu tausend Zweifeln ab, aber sie wagte es nicht, ihn zu hinterfragen. Das Einzige, was sie zustande brachte, war ein fast unhörbares „Warum?“.
Naven kniff die Augen zusammen, sein Gesichtsausdruck wurde noch undurchschaubarer.
—Weil ich die Dinge klarstellen will. Keine Spielchen. Du respektierst mich, Sofia. Spiel nicht mit mir. Ich bin kein Mann, der Verrat oder unnötige Sentimentalitäten duldet. Wir haben eine Abmachung, vergiss nicht, dass deine Freundin dank mir nicht mit Harry Meyer verheiratet ist.
Sie nickte ganz langsam, ohne es zu wagen, etwas zu sagen. Da war etwas in seiner Stimme, in der Art, wie er jedes Wort aussprach, das keinen Raum für Widerrede ließ. Es war keine Warnung. Es war ein Urteil.
Er ließ ihr Gesicht mit derselben Gelassenheit los, mit der er es festgehalten hatte, und in diesem Moment befahl er dem Fahrer:
—Fahren wir los. Nach Hause.
Das Auto fuhr sanft los, aber Sofía nahm es kaum wahr. Ihre Beine zitterten. Die Wärme von Navens Hand war noch immer auf ihrer Haut zu spüren, als hätte er eine unsichtbare Spur hinterlassen. Sie wollte ihre Knie umarmen, sich zusammenkauern, in sich selbst verschwinden, aber sie zwang sich, aufrecht zu bleiben.
Wieder kehrte Stille zwischen ihnen ein, während das Auto durch die Straßen von Madrid glitt. Draußen schien die Stadt nichts von der neuen Verbindung zu bemerken, die gerade besiegelt worden war. Die Menschen eilten vorbei, Autos hupten, das Leben nahm seinen Lauf. Doch in diesem Auto schien die Zeit stillzustehen, als ob Naven Fort in der Lage wäre, sein eigenes Universum in einem geschlossenen Raum zu erschaffen.
Sofía starrte auf ihre eigenen Hände, die immer noch verkrampft auf ihren Knien lagen. Sie wollte glauben, dass sie das Richtige getan hatte. Sie dachte an Catalina, an das stille Versprechen, das sie sich selbst gegeben hatte, sie zu beschützen. Doch jetzt, wo sie neben einem Mann saß, den sie kaum kannte und dessen Blick ihr mit jeder Sekunde die Seele zu entreißen schien, schlich sich der Zweifel wie Gift ein.
„Gehe ich in meine Wohnung, um meine Sachen zu holen?“, wagte sie mit leiser Stimme zu fragen.
Naven drehte kaum den Kopf zu ihr.
„Nein. Von nun an wirst du in meiner Residenz in Madrid wohnen, wie ich dir gesagt habe. Ich schicke morgen jemanden vorbei, der deine Sachen holt. Die Wohnung, die du nutzen wirst, ist mit allem ausgestattet, was du brauchst, Essen und Kleidung. Sobald du deine Verteidigung abgeschlossen hast, ziehen wir nach Barcelona. Dort steht das Haupthaus.“
Sofía spürte einen Knoten im Magen. Alles ging viel zu schnell. Es blieb keine Zeit, irgendetwas zu verarbeiten. Aber sie wagte es nicht, Einwände zu äußern. Sie nickte nur schweigend, während sie innerlich darum kämpfte, dass ihr die Tränen nicht in die Augen stiegen.
Der Rest der Fahrt verlief schweigend. Naven schaute aus dem Fenster, als ob sie gar nicht da wäre, als ob die Szene im Standesamt nur eine weitere Unterschrift an einem ganz normalen Tag gewesen wäre. Seine Gleichgültigkeit wog schwerer als jedes Wort.
Schließlich bog das Fahrzeug in eine abgelegenere Straße ein. Große Bäume und Steinmauern umrahmten ein imposantes Anwesen. Auf den ersten Blick war es nicht protzig, doch jedes Detail sprach von Macht und Exklusivität. Das Auto hielt vor einem Tor, das sich automatisch öffnete. Im Hintergrund erwartete sie ungerührt eine moderne Villa mit geraden Linien und dunklen Fenstern.
Der Fahrer stieg aus und öffnete Sofías Tür. Sie stieg aus, ihre Beine zitterten noch, während Naven ohne zu warten vorausging. Er ging entschlossen, ohne zurückzuschauen.
Sofía holte tief Luft und folgte ihm, erneut versuchend, mit seinen langen, festen Schritten mitzuhalten, als ob das Gehen an seiner Seite bedeutete, ohne Regenschirm durch einen Sturm zu gehen.
Ihr neues Leben hatte gerade erst begonnen.
Und die Kälte, mit der Naven Fort sie umgab, war nicht nur Teil seines Charakters, sie war eine ständige Warnung: Sie hatte eine Schwelle überschritten, von der es kein Zurück mehr gab.
