Wovon reden wir eigentlich?
"Es ist doch gar nichts weiter passiert. Er hat mir was von seiner Sahne abgegeben..."
"Schätzchen, wenn er von seiner 'Sahne' abgibt, sieht das ganze anders aus." unterbricht Flo mich.
Ich hau ihr auf den Unterarm.
"Flo, ich rede von Eis."
Wir lachen. Meine Freundin Florentine ist immer zu Späße und Wortwitz aufgelegt. Ich kenne sie eigentlich schon ewig.
Jeden Mittwoch kommt sie zu mir. Sie holt mich von der Praxis ab, wir gehen ausgiebig spazieren und reden. Danach kochen wir zusammen und machen es uns gemütlich. Bei einem oder zwei Fruchtsecco lassen wir den Tag ausklingen.
Und wir sind im Ablauf beim Secco angekommen. Wir haben es uns auf Kissen am Boden gemütlich gemacht und wir nippen am Granatapfelsecco.
"Wann lässt du das alles hinter dir?" fragt sie plötzlich.
"Was meinst du? " frage ich, nachdem ich das Glas abgestellt habe.
"Die Sache mit Vincent."
Nur Flo kennt diese Geschichte. Sie hat sich nachhaltig in mein Gehirn gebrannt.
Vincent war mein erster und einziger fester Freund. Ich war extrem verliebt in ihn. Er war lieb und humorvoll. Bis er mich mit Hannah betrogen hat. Damals hat er gesagt, dass er mit mir auch nur zusammen ist, weil er wissen wollte, wie es mit einer Dicken im Bett ist. Dabei hat er gelacht. Es war kränkend und demütigend. Seit dem habe ich mich von Männern fern gehalten. Das wird mir nicht noch einmal passieren.
"Flo, du hast ihn doch gesehen, oder?"frage ich jetzt. Sie lächelt.
"Ja, ich habe ihn gesehen. Er sieht verdammt gut aus. Aber das beantwortet meine Frage nicht."
"Flo, es ist doch so...Männer ticken alle gleich. Abgesehen davon.. was sollte einer wie er ausgerechnet von mir wissen wollen? Und die Sache mit Vincent hat sich tief in mir verankert. Hier..." Dabei zeige ich auf meinen Kopf, ".. und hier." Ich zeige auf mein Herz. "
"Aber meinst du nicht, dass es tatsächlich auch Männer gibt, die es ernst meinen mit dir?"
Ich sehe sie an, nippe an meinem Glas und schüttel den Kopf.
"Flo, ganz ehrlich, der Zug ist für mich abgefahren. Ich freue mich, dass du mit deiner Süßen glücklich bist. Aber für mich wird da immer das große ABER im Hinterkopf herumschwirren. Wenn er mich zu einer Kunstaustellung einlädt, sage ich nicht nein. Aber mehr wird da auf keinen Fall passieren."
Wir schweigen einen Moment und jeder hängt seinen Gedanken nach.
"Erzähl, wie läuft es bei euch?"
Flo und Sina sind schon ein paar Jahre zusammen. Sina ist Oberärztin im hiesigen Klinikum. Flo ist Optikermeisterin und führt ein eigenes Geschäft.
"Nun, wir...wir denken über eine Samenspende nach."
"Oohh, ihr wollt eine Familie gründen. Ich freue mich so für euch. Wer von euch beiden übernimmt die Schwangerschaft?"
Flo's Augen leuchten auf.
"Die erste Schwangerschaft übernehme ich. Und ich bin schon gespannt, wie das alles verlaufen wird und ob es so klappt, wie wir uns das vorstellen. Ich werde jemanden einstellen müssen, damit der Laden weiterläuft. Aber da finde ich schon jemanden."
Sie schiebt ihre Brille mit dem Zeigefinger hoch und grinst.
"Ich hoffe, ich werde Patentante." sage ich jetzt nachdrücklich.
" Auf jeden Fall. Wir wären unglücklich, wenn du nicht die Patentante wärst."
Wir unterhalten uns über das Kinder kriegen, Familie und alles Mögliche.
Spät am Abend bringe ich Flo zur Tür.
"Das war wieder eine sehr schöne Zeit mit dir. Ich genieße das immer sehr." sagt sie zum Abschied.
Wir schließen uns in die Arme. Ich bleibe in der Tür stehen und winke ihr nach.
Während ich aufräume, denke ich über unser Gespräch nach.
Sie hat recht, ich muss das hinter mir lassen. Aber noch bin ich nicht so weit.
Die Art und Weise, wie er mich umgarnt und rumgekriegt hat, war so wunderschön. Ich hatte wirklich gedacht, dass er es ernst mit mir meint.
Er hat das Allerheiligste zu sehen bekommen. Er hat mich in meiner Nacktheit und Entblößung zu Gesicht bekommen. Er hat mein größtes Geschenk, meine Jungfräulichkeit, genommen.....und er hat alles, was mir so unglaublich wichtig war, mit Füßen getreten, beschandelt und mit der Untreue besudelt.
Noch immer sehe ich sein Gesicht, wie er mit einem hämischen Grinsen vor mir steht, mit einer anderen im Bett. Und mir Dinge sagt, die mich noch heute aufkeuchen lassen.
Ich kann das nicht so einfach hinter mir lassen. Zu tief hat es mich verletzt. Zu schwer hat es mich getroffen.
Und eine Erkenntnis trifft mich.... wie ein Geistesblitz....wahre Liebe....bedingungslose echte wahre Liebe....die gibt es nicht in der Realität.
Ein Fantasieprodukt der Filmindustrie, die uns das Leben versüßen wollen mit Gefühlsduselei.... und ihre Geldbeutel füllen. Ein Fantasieprodukt von so vielen Autoren, die lila Wolken und bunte Welten erfinden. Alles Lug und Trug.
Ich öffne die Fenster und lasse die Abenddämmerung ins Wohnzimmer. In der Seccoflasche ist ungefähr noch ein halbes Glas der süßen, roten, prickelnden Flüssigkeit. Ich öffne den Verschluss und setze die Flasche an den Mund. In drei Schlucken ist die Flasche leer.
"Sieh den Tatsachen ins Auge, Tabea. Das ist dein Leben... Jetzt und in der Zukunft.... Allein und fett..."
Ich räume noch die Spülmaschine aus und gehe, nachdem ich die Fenster geschlossen und die Haustür abgeschlossen habe, duschen und ins Bett.
