Muttersöhne
Jannes
"Du hast ihm ein Ultimatum gesetzt?" Meine Mutter sitzt im Café an der Wand und dreht den Zuckerwürfel, der eigentlich in ihren Espresso gehörte, zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her.
"Irgendetwas musste ich doch tun?"
Sie sieht mich ernst an.
"Meinst du, dass ich bei ihm zu weich war, zu schnell nachgegeben habe und zu viel habe durch gehen lassen?"
Ich sehe sie verwirrt an. Das sind ganz neue Töne.
"Mutti, was ist los? So kenne ich dich nicht."
Meine Mutter nimmt schweigend den letzten Schluck ihres bitteren Gebräu und bestellt beim Kellner einen Cappuccino.
Dann sieht sie mich wieder an und seufzt.
"Weisst du, Jannes. Eigentlich war Ferdinand ein Versehen und ich habe einige Zeit damit verbracht, zu überlegen, ob ich ich das Baby wirklich will und ob ich ihm und dir gerecht werden kann. Du warst schon 9 Jahre alt und ich wollte dir so ein schreiendes Bündel nicht antun. Aber dann habe ich gedacht, was kann das Kind dafür. Und ich.... alles was mir wichtig war, worum es mir im Leben ging, war dass ihr versorgt seid. Ich wollte euch und der Welt da draußen zeigen, dass man alles schaffen kann, wenn man nur will. Meine Eltern haben es nie verstanden, warum ich, ledig, mir zwei Kinder von zwei Vätern machen lasse. Aber ihr seid mein ein und alles."
"Wir konnten immer auf dich zählen. Du bist immer für uns da. Wo kommen denn jetzt solche Zweifel wegen Ferdinand her, Mutti?"
"Ich habe keine Zweifel. Nicht im eigentlichen Sinne. Ich mache mir nur Gedanken, ob ich hätte manches anders machen müssen...für euch. Verstehst du?"
"Wir haben in dir immer eine Frau gesehen, die uns liebt und ein schönes Leben bietet. Eine Frau die Stärke zeigt, sich durchboxt im Leben und ihrem Job nachgeht, damit wir alles bekommen, was wir brauchen. Du hast hart gearbeitet und wir konnten beide studieren und du hast uns immer unterstützt. Ferdinand und ich wissen, wie oft du zurück gesteckt hast, damit wir alles bekommen. Also mach dir keine Sorgen. Wir lieben dich und wissen alles zu schätzen. Und auch, wenn du manchmal streng warst, wir haben deine Erziehung nie angezweifelt."
Mutti lächelt, löffelt den Milchschaum von ihrem Kaffee und wirft den Zuckerwürfel, den sie immer noch in der Hand hat, in die Tasse.
"Du bist so ein gewissenhafter, zielstrebiger und empathischer junger Mann geworden. Du hast die Praxis und ein Ziel vor Augen. Aber was ist mit Ferdinand? Wann ist er von dem Weg abgekommen? Was habe ich falsch gemacht? "
"Du hast gar nichts falsch gemacht." Ich trinke meinen Kaffee aus und bestelle mir Eistee.
"Ferdinand ist eine ganz andere Persönlichkeit als ich. Er hat den Sinn des Lebens noch nicht gefunden. Aber hab Vertrauen. Das wird schon." Ich nicke ihr zuversichtlich zu.
"Und wie sieht es bei dir aus? Hast du den Sinn des Lebens gefunden?"
"Mutti."
"Hast du denn noch nicht die Eine gefunden, die nur für dich bestimmt ist?"
setzt sie nach. Mütter können so neugierig sein.
"Nein, Mutti. Aber wenn es soweit ist, dann sage ich dir Bescheid."
Wir verbringen den Nachmittag im Café. Es ist Mittwoch. Da hat die Praxis nachmittags geschlossen. Also bringe ich meine Mutter zu ihrem Auto und verabschiede mich von ihr. Sie hupt noch mal und braust davon. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und fahre zum Strand. Doch heute sehe ich Tabea nicht.
Da ich sie neulich zuhause abgesetzt habe, weiß ich, wo sie wohnt.
Ein Auto steht vor der Tür.
Ob sie einen Freund hat? Aber hätte sie dann zugestimmt, mit mir auf diese Ausstellung zu gehen?
Ich bin verwirrt.
