Mein Bruder die Nervensäge
Jannes
Als ich nach Hause komme, riecht es verbrannt.
Ich gehe in die Küche, drehe den Herd aus und öffne weit das Fenster. In der Pfanne auf dem Herd sind ein paar rabenschwarze undefinierbare Klumpen.
"FERDINAND!" brülle ich und er kommt von oben runter gerannt.
"Du bist schon da?" fragt er verwirrt.
"Was soll das hier werden? Holzkohle? Kriegst du günstig im Baumarkt!"
"Die habe ich total vergessen. Tut mir leid."
Ich hole zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und drücke ihm eine in die Hand.
"Wohnzimmer. Jetzt."
Er folgt mit geknickt.
Während die Küche lüftet, setzen wir uns schon in die Sessel.
"Hör zu, du bist mein Bruder und du bist mir wichtig. Aber so geht es nicht weiter. Mutter hat dich zuhause raus geworfen, weil du nicht für dich selber sorgst. Und ich bin jetzt auch bald so weit, dich vor die Tür zu setzen."
"Nein, bitte. Tu mir das nicht an"
"Es geht so nicht weiter. Du kannst nicht erwarten, dass immer andere dich versorgen und durch füttern. Du bist ein erwachsener Mann. Nichts ist umsonst auf dieser Welt. Es herrscht ein Geben und Nehmen. Das gilt auch für dich.
Du hast 4 Wochen Zeit um dir eine Arbeit und eine eigene Wohnung zu suchen. Die Zeiten des Schmarotzerlebens sind vorbei. Hast du verstanden?"
Er wirkt wirklich geknickt. Aber ich muss hart bleiben, so gerne ich ihn habe.
Da wir ohne Vater aufgewachsen sind, muss ich, da ich 10 Jahre älter bin, wohl zum Teil die Vaterrolle übernehmen.
"Und vielleicht suchst du dir einen Job, der weit entfernt von einer Küche liegt. Was wolltest du eigentlich machen? "
"Frikadellen." meint er kleinlaut.
"Naja, damit kannst du jedenfalls jetzt Scheiben einschmeißen."
Wir lachen los. Mein Bruder und ich können nie lange ernst bleiben.
"Wie war dein erster Praxistag?"
"Es war viel los. Es sind mehr Patienten geblieben, als ich dachte. Und ich musste alte Strukturen brechen und neue Wege gehen. Aber hey, für den ersten Tag okay.Mal sehen, was die Zeit bringt."
"Und warum bist du jetzt erst zuhause?"
fragt er neugierig.
"Ich war noch am Strand und traf eine Mitarbeiterin. Wir haben Eis gegessen und gequatscht."
""Aha!" Er setzt sich jetzt auf und sieht mich direkt an.
"Was denn? Sie ist nett. Wir haben die gleichen Interessen. Mehr nicht."
"So fängt meistens alles an, Bruderherz." philosophiert er theatralisch.
"Ich habe mich nur mit ihr unterhalten." sage ich jetzt bestimmt.
"Hm, du magst sie. So ist es doch."
"Würde ich mich sonst mit ihr unterhalten?"
"Verstehe."
"Ferdinand, sie ist hübsch und ziemlich süß.Ja. Aber ich glaube, sie ist nicht auf mehr aus. Denn sie ist wahnsinnig zurückhaltend."
"Ja, das bist du nur nicht gewohnt. Normalerweise rennen die Frauen dir scharenweise hinterher. Nun wirst du dich wohl mal bemühen müssen."
Er grinst breit. "Hab ich recht?" fügt er hinzu.
"Du nervst!"
Ferdinand kichert.
Er hat recht. Ich bin es wirklich nicht gewohnt. Eigentlich habe ich es immer ziemlich leicht, Frauen 'rumzukriegen'.
Der eine oder andere ONS beweist es. Aber das ist nicht mehr meins.
Ich will was festes. Was für lange. Was für ewig.
Ist sie die EINE, die ich suche? Vielleicht hat er Recht. Bisher habe ich immer leichte Hand gehabt bei Frauen.
Ich bin gewiss nicht eitel, aber ich glaube, dass ich durchaus behaupten kann, nicht unbedingt ein hässliches Spiegelbild zu betrachten.
In meiner Sturm-und Drangzeit habe ich mich, gelindegesagt, ausgetobt. Es verging kaum ein Wochenende, an dem ich kein Mädel im Bett hatte. Beziehungen waren von kurzer Dauer. Mehr als drei Monate konnte ich nie aushalten.
Mutti hat immer wieder Gespräche mit mir geführt. Am Ende bat die mich, niemals ohne Kondom zu poppen. Das musste ich ihr versprechen. Sie hatte sich wahrscheinlich alle möglichen Geschlechtskrankheiten für mich ausgemalt.
Jedoch bin ich jetzt in einem Alter, indem ich mir mehr vom Leben erhoffe.
Ich wünsche mir Beständigkeit, die Liebe meines Lebens zu finden und eine Familie zu gründen.
Das wollen doch die meisten Menschen. Oder etwa nicht?
Ich sehe meinen Bruder, der sich die Haare aus dem Gesicht wischt, an.
"Kann ich mich darauf verlassen, dass du langsam Verantwortung für dich übernehmen kannst und dein Leben selbst in die Hand nimmst?"
Er reicht mir die Hand.
"Versprochen."
Ich sehe ihn mehr als skeptisch an.
Sein Wort in Gottes Gehörgang!
