Pflaumenkuchen mit Sahne
Als ich am Eingang stehe und überlege, ob ich einfach verschwinden sollte, steht plötzlich Markus Huhn neben mir.
"Sie wollen sich doch nicht einfach davon stehlen, schöne Frau." Er sieht mich mit einem offenen, warmen Lächeln an.
"Tut mir leid. Aber meine Begleitung....."
".... ist schon hier," werde ich von meinem Chef unterbrochen. Er greift meinen Ellenbogen und zieht mich sachte ein Stück von Markus weg. Allein diese Geste finde ich irgendwie ziemlich süß. Welcher Mann macht das denn heute noch?
"Da vorne gibt es Kaffee und Kuchen. Wollen wir uns einen Platz suchen? "
Ich sehe ihn verwirrt an.
"Ich dachte, Sie wollen sich mit Ihrer Bekannten...."
Er winkt mit einer eindeutigen Geste ab.
"Ich bin mit Ihnen hier. Richtig?"
"Ja, aber wenn Sie lieber.... "
"Ich habe mich doch klar ausgedrückt, oder?" Er bleibt stehen und sieht mich ernst an. Das Paar, dass hinter uns läuft, prallt gegen mich und sieht mich vorwurfsvoll an. Na klar, wieder einmal typisch. Er bleibt stehen und ich kriege den Unmut zu spüren.
Warum stört es mich eigentlich noch? So war es doch schon immer. Und so wird es immer bleiben.
"Also... Kaffee?" Er zieht mich am Ellenbogen weiter und schon kurz darauf sitzen wir in einer Ecke bei einem riesigen Stück Pflaumenkuchen. Er hat natürlich einen ordentlichen Klecks Sprühsahne oben drauf, die er jetzt teilt und eine Hälfte auf meinen Kuchen balanciert.
"Warum tun Sie das?" frage ich kopfschüttelnd.
"Weil ich es kann und will und weil ich weiß, dass wir beide Sahne mögen," grinst er, teilt mit seiner Gabel ein Stück ab und schiebt es sich in den Mund, mich dabei fest im Blick.
"Also, erzählen Sie mal... lebt Ihre Familie auch hier im Ort?" fragt er.
"Nein, meine Familie lebt nicht hier." Ich bin sicher, sie würden sich über jeden Schritt, den ich auf diese Straßen setze, in Grund und Boden schämen. Nicht, dass ich etwas getan hätte, dass dieses Verhalten voraussetzt. Es ist einfach, weil ich ich bin. Denn mich darf es eigentlich nicht geben. Ich bin ein Kuckuckskind, dass meinem Vater sozusagen vor die Tür gelegt wurde. Ein Zeugnis dafür, dass er es mit der Treue nicht besonders ernst genommen hat. Und das habe ich mein Leben lang zu spüren bekommen.
"Ein Königreich für Ihre Gedanken." höre ich ihn sagen.
"Nein, ich garantiere Ihnen, dass Sie meine Gedanken nicht wissen wollen."
"Oh, so schlimm?" will er wissen.
"Nein, schlimmer."
"Gut, da Sie anscheinend nicht so recht raus wollen mit der Sprache, erzähle ich was von mir. Also, ich und mein Bruder sind bei meiner alleinerziehenden Mutter in der Nähe von Hamburg aufgewachsen. Meine Mutter wohnt in jetzt in der Kreisstadt. Sie arbeitet in Teilzeit als Intensivschwester. Ich habe bisher nur im Krankenhaus gearbeitet, aber als sich mir die Möglichkeit bot, die Praxis zu übernehmen, habe ich zugegriffen."
"Was macht Ihr Bruder beruflich?" frage ich.
"Er hat Agrartechnologie studiert. Aber im Moment hängt er in der Luft."
Ich sehe ihn erstaunt an.
"Ich dachte immer, dass Studierende erfolgsorientierte Menschen sind, die ihren Weg klar vor Augen haben." Ich hoffe, ich mache mich mit dieser Aussage nicht so unbeliebt. Aber scheinbar nimmt er es mir nicht übel. Denn er grinst mich an.
"Es gibt halt auch Ausnahmen."
"Und wie gefällt Ihnen nun die Selbstständigkeit? Das ist ja ein ganz anderes Arbeiten als im Krankenhaus, nicht wahr? Vermissen Sie Ihre Arbeit im Krankenhaus?"
"Sie haben Recht, es ist anders. Aber es gefällt mir, mein eigener Herr zu sein. Und ich habe ein tolles Team an meiner Seite. Wir werden das schon gut machen. Und bis jetzt scheinen die Patienten zufrieden zu sein. Nächste Woche kommen Zwei, die sich vorstellen wollen. Schauen wir mal, ob sie zum bestehenden Team passen."
"Wie schön, dass wir Verstärkung bekommen."
"Wie kommen Sie denn jetzt zurecht, dass keiner mehr einen festen Bereich hat? Ich hatte den Eindruck, dass es nicht gut ankam." Oh, nein, aber wenn er jetzt denkt, dass ich meine Kollegen ins offene Messer laufen lasse, hat er sich geirrt.
"Ich habe schon gemerkt, dass ich ein paar Defizite aufzuholen hatte. Aber ich bin offen für alles. Wobei ich jedoch denke, dass es nicht schlecht ist, sein Können durch Beständigkeit zu perfektionieren."
Er lächelt wohl wollend. Offenbar hat er die richtige Antwort bekommen.
Der Pflaumenkuchen ist verzehrt und wir gehen wieder in die Halle. Denn noch haben wir ja nicht alle Kunstwerke gesehen.
"Mögen Sie eigentlich Markus Huhn?" fragt er plötzlich.
"Was? Wieso?" Ich sehe mich um. Aber Markus Huhn ist nirgends zu sehen.
"Er scheint Sie sehr zu mögen. Kann das sein?"
Mir ist der Mann zuwider. Aber ich will das nicht so deutlich sagen.
"Ich denke nicht, dass ich gesteigerten Wert auf seine Gesellschaft lege," sage ich jetzt.
Sein Gesicht erhellt sich. Was auch immer er jetzt denkt.
Wir sehen uns den Rest der Ausstellung an.
"So, was machen wir denn mit dem abgebrochenen Tag? Worauf haben Sie Lust?" fragt er, als wir die Halle verlassen.
"Oh, ich will Ihre Zeit nicht noch mehr in Anspruch nehmen. Sie haben doch sicher noch Pläne?"
"Ja," lächelt er unbekümmert. " Ich möchte meine Zeit mit Ihnen verbringen. Also, haben Sie Lust, mich zu einem Spaziergang am Strand zu begleiten? "
Lächelnd hält er mir seinen Ellenbogen hin.
"Wie kann ich da Nein sagen? " grinse ich und hänge mich bei ihm ein.
Es ist nur ein Spaziergang. Er strahlt mich an und wir gehen zusammen den Strandaufgang hoch.
