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Kein Blatt vor dem Mund

Jannes

Ich habe den Nachmittag sehr genossen. Nicht zuletzt durch meine bezaubernde Begleitung.

Ich finde sie unfassbar schön. Ihre Augen haben eine Tiefgründigkeit, sowas habe ich noch nie gesehen. Ich habe sie immer wieder ansehen müssen und bin in ihren Augen regelrecht versunken. Dieses Funkeln. Wow. Als ich auf dem Weg nach Hause bin, kommt mir in den Sinn, was Annika gesagt hat. Ob ich mich jetzt plötzlich 'mit sowas' abgebe. Sie meint damit wahrscheinlich die Tatsache, dass Tabea ein paar Kilo mehr auf den Rippen hat. Aber wo ist denn eigentlich das Problem? Das Problem ist doch gar nicht das Gewicht. Sie ist wunderschön und es macht sie einzigartig. Das Problem liegt doch wohl eher darin, dass Medien uns einreden, dass nur XS zum Schönheitsideal gehört. Aber wenn wir mal ehrlich, wir Männer wollen doch was zum Anfassen haben. Wir wollen unsere Frauen doch fühlen und spüren. Wir legen doch gar nicht so viel Wert darauf, auf Knochengerippe rumzurutschen. Ich sehe hoch zum Himmel. Möge der Herrgott mir dabei behilflich sein, dass ich Tabea überzeugen kann, dass sie zu mir gehört und dass sie meine Frau ist und dass sie gut so ist, wie sie ist. Denn sie ist wunderschön.

Ich schiebe mein Fahrrad in die Garage und gehe ins Haus. Ferdinand sitzt bei einer Flasche Bier an dem kleinen Küchentresen und blickt vor sich hin.

"Hey, ist alles in Ordnung?" frage ich, während ich mich neben ihn setze und ebenfalls ein Bier in die Hand gedrückt bekomme.

"Ja, es ist alles in Ordnung. Denke ich."

"Kann ich dir bei irgendwas helfen?" Irgendetwas ist anders. Er ist doch sonst nicht so ruhig.

Eine Weile blicken wir schweigend vor uns hin.

"Ich habe darüber nachgedacht, was du gesagt hast," meint er dann. Ich sehe ihn von der Seite an. "Und zu welcher Erkenntnis bist du gekommen?"

"Ich habe mich immer darauf verlassen, dass andere mich irgendwie aus der Scheiße raus holen. Wenn ich kein Geld hatte, dann war entweder Mutti oder du da und haben mir was gegeben und schon war der Tag gerettet."

"Ja, wir waren wirklich im Zwiespalt. Denn auf der einen Seite wollten wir dir nicht suggerieren, dass wir dir immer aus der Patsche helfen und auf der anderen Seite wollten wir dich auch nicht hängen lassen. Verstehst du, was ich meine?"

Ich sehe ihn jetzt direkt an.

Er nickt und nimmt noch einen Schluck aus der Flasche.

"Es ist Zeit, dass ich Verantwortung übernehme. Ich will euch nicht mehr auf der Tasche liegen. Ich will für mich selbst aufkommen und.... ich werde wegziehen."

Das ist jetzt überraschend für mich.

"Wo ziehst du hin?" Hoffentlich hat er jetzt nicht den nächsten Mist an den Hacken.

Er atmet tief durch.

"Ich habe ein langes Beratungsgespräch hinter mir und.... ich habe mich für 12 Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Ich ziehe nach Kiel. Dort ist der Marinestützpunkt und naja... wir werden sehen. Erstmal kommt die Grundausbildung. Und dann sehen wir weiter. Aber der Ausbilder sieht mich auf der Gorch-Fock. Was sagst du dazu?"

Ich bin jetzt ziemlich perplex. Mit allem habe ich gerechnet. Aber nicht damit.

"Ferdinand, ich bin wirklich stolz auf dich. Und lass dir nicht einreden, ob das gut oder schlecht ist. Es ist deine Entscheidung und ich bin heilfroh, dass du dein Leben in die Hand nimmst. Glückwunsch, Bruder." Ich lege meine Hand auf seine Schulter und drücke sie bestätigend.

"Weiß Mutti schon darüber Bescheid?"

Doch er schüttelt den Kopf. "Ich wollte es zuerst dir sagen. Aber ich fahre morgen zu ihr und rede mit ihr."

Wir schweigen einen Moment lang, aber es idt kein unangenehmes Schweigen. Jeder hängt so seinen Gedanken nach.

"Wie war deine Verabredung? Hattest du einen schönen Nachmittag?" fragt er in die Stille.

"Es war sehr schön, sehr kunstvoll und naja, es gab auch ein oder zwei Momente, die nicht so toll waren."

Er sieht mich fragend an und ich erzähle ihm von Markus Huhn. Er fängt an zu grinsen.

"Ich verstehe. Du hast Gefühle für sie und bist eifersüchtig auf den Typen. Aber davon abgesehen, meinst du, dass so eine hübsche junge Frau was von einem alten Sack wie Markus Huhn will?"

"Naja, man hat schon Pferde kotzen sehen."

"Du magst sie mehr, als du dir eingestehst, richtig?" Er sieht mich jetzt grinsend an.

"Ja, Mann. Aber sie hat eine unsichtbare Mauer um sich aufgebaut."

"Tja, Bruder, du hast nur eine Möglichkeit. Bring die Mauer zum Einsturz. Was war denn noch blöd?"

"Annika."

"Du wirst die Dumpfbacke einfach nicht los."

"Sie ... boah... war sie schon immer so menschenverachtend?" frage ich ihn.

Er trinkt seine Flasche leer, steht auf und holt zwei neue aus dem Kühlschrank.

"Ja, war sie. Ich habe mich immer gefragt, was du in ihr siehst. Und ob du ihre Ansichten teilst."

"Mir war nie so bewusst, wie garstig sie war. Ich habe mit ihr Schluss gemacht, weil sie fremdgefickt hat. Aber wie sie heute über Tabea geredet hat....die Frau ist schrecklich."

"Was ist mit Tabea?" will er jetzt wissen, während er die Flaschen öffnet. Ich trinke den Rest aus der ersten leer und greife zur zweiten.

"Tabea ist eine atemberaubend schöne und attraktive Frau."

"Verstehe. Wo ist das Problem?" Er sieht mich von der Seite an.

"Ich habe kein Problem. Es ist das Problem, dass Annika daraus macht. Tabea ist curvy, aber sexy und schön...." Ferdinand kichert.

"Sie verstößt also gegen das Schönheitsideal von Annika. Ich verstehe. Weisst du, Annika war schon immer so. Ich bin froh, dass du die nicht geheiratet hast."

"Du nimmst kein Blatt vor den Mund."

"Was soll ich sagen. Ich bin dein Bruder."

Wir lachen.

"Ich hoffe, ich lerne deine Traumfrau bald kennen."

"Sie weiß noch gar nicht, dass sie meine Traumfrau ist."

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