Ich will lieber Schokolade
"Du hattest ein Date mit ihm?" fragt Mira neugierig. Wieder einmal sind es Mira und ich, die die Praxis morgens öffnen und bereit machen für den Patientenansturm. Montags ist immer ein hektischer Tag. Aber heute bin ich am Empfang und Mira ist im Untersuchungszimmer.
Ich verdrehe die Augen.
"Nein, wir waren bei einer Ausstellung. Nicht mehr, nicht weniger."
"Ach, komm schon. Du magst ihn doch. Und er ist heiß. Ziemlich heiß."
Ich drehe ihr den Rücken zu, als ich das Faxgerät starte und den PC hochfahre.
" Er sieht gut aus. Ja, aber das war es auch schon."
Sie sieht mich ernst an.
"Weisst du, ich glaube nicht, dass er dich von der Bettkante stoßen würde."
"Mira, ich werde nicht mal in die Nähe seiner Bettkante kommen. Also, bevor ich mich hier um Kopf und Kragen rede, weil du alles verdrehst, ich bevorzuge die Schokolade."
"Die Schokolade?" Sie scheint jetzt wirklich verwirrt zu sein.
"Ja, wenn ich die Wahl zwischen Mann und Schokolade habe, dann nehme ich die Schokolade. Denn die ist süß und tut hier..." ich zeige auf mein Herz..." nicht so weh."
"Dann hast du nichts dagegen, wenn ich ihm schöne Augen mache?" fragt sie keck.
"Mach doch. Tu dir keinen Zwang an." Mira grinst und bereitet die PCs in den Untersungszimmern vor.
"Tabea!" die Tür fliegt auf und Zusanna stürmt rein.
Ich sehe sie verwirrt an.
"Ich habe heute Labordienst. Weisst du, wie lange es her ist, dass ich Blut abgenommen habe? Gott... ich hab Schiß, was falsch zu machen...."
Jetzt muss ich lachen und verstehe wieder einmal, warum der Doc das System umgestellt hat.
Also bin ich schon ein paar Minuten später das Übungsopfer im Labor. Damit sich Zusanna nicht ganz so blamiert.
"Gibt es hier was umsonst?" hören wir die Stimme von Dr. Herzfeld hinter uns. Natürlich haben sich Mira und Editha zu uns gesellt und wir haben eine Menge zu kichern und zu lachen. Er sieht zu, wie Zusanna sich abmüht. Und grinst.
"Dr. Herzfeld, ich habe schon Kaffee gekocht. Ich kann Ihnen sofort eine Tasse bringen." begrüßt Mira den Chef. Ich weiß genau, worauf sie hinaus will und drücke die Einstichstelle in meiner Ellenbeuge ab.
"Sie brauchen mich nicht bedienen, Mira. Ich kann mir den Kaffee selbst holen," meint er trocken. Sie springt auf von der Liege, wo sie zuletzt gesessen und uns zugesehen hat.
"Aber nicht doch. Sie haben einen langen Tag. Ich hole Ihnen den Kaffee." Damit stürmt Sie aus dem Labor. Er versucht, einen Blick von mir zu erhaschen. Aber ich weiche seinem Blick aus. Ich will nicht, dass er denkt, ich wäre genauso aufdringlich wie Mira, die sich ihm jetzt fast an den Hals wirft.
"Also, Mädels. An die Arbeit." Er dreht sich um und geht in das erste Sprechzimmer. Und damit beginnt der Vormittag. Mira gibt sich extrem viel Mühe, dem Chef jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Und auch Editha springt irgendwie auf diesen Zug mit auf. Von mir aus. Sollen sie doch.
In der Mittagspause verschwinden alle wieder nach Hause. Ich bin allein in der Praxis, mach mir wieder meine Tassensuppe und lese im Kindle.
"Alles in Ordnung? "
Erschrocken fahre ich zusammen und verschütte dabei meine Suppe.
"Mein Gott. Müssen Sie mich so erschrecken? " Mir ist fast das Herz stehen geblieben. Doch er lächelt mich an.
"Tut mir leid. Lassen Sie mich das wieder gut machen? " fragt er und sieht mich nun direkt an.
Ich drehe mich um zum Spülbecken und mache den Lappen nass.
"Sie können die Suppe gern wegwischen, wenn Sie unbedingt möchten."
Er nimmt mir den Lappen aus der Hand. Dabei berühren sich unsere Finger und er sieht mich an. Für einen Bruchteil einer Sekunde sehe ich in seinen Augen ein Aufleuchten. Er beugt sich jedoch über den Tisch und macht alles sauber.
"Ich dachte eigentlich eher an ein Abendessen," sagt er, während er den Lappen ausspült.
"Nein, tut mir leid. Das geht nicht," sage ich schnell. Bloß nicht! Ein Abendessen kommt doch einem Date gleich. Vor allem, wenn er so fragt.
Er sieht mich an.
"Warum denn nicht? Sie haben mit mir doch auch Pflaumenkuchen gegessen."
"Das war was anderes." Er grinst jetzt.
"Sie werden doch einen Abend mal Zeit haben, mit Ihrem Chef zu Abend zu essen."
" Nein, leider nicht. Ich habe schon was vor." sage ich schnell.
"Jeden Abend? " Er legt den Kopf schief und grinst mich an.
Ich drehe mich schnell weg, damit er nicht sieht, dass ich knallrot werde.
"Ja, jeden Abend."
"Komm schon, Tabea. Nur ein Abendessen. Bitte." Er setzt jetzt seinen Welpenblick auf.
Ich atme tief durch.
"Am Freitag, na gut. Aber nur ein Abendessen!"
Er nimmt jetzt meine Hände in seine und drückt sie sich ans Herz.
"Danke." Er haucht einen kleinen Kuss auf meine Hände, sieht mich dabei lächelnd an und verlässt die Küche.
"Ein Fehler. Das war ein Fehler!" murmel ich.
