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Die neue Praxis

Jannes

"Ferdinand, meinst du, dass du heute noch fertig wirst? Sonst fahre ich jetzt mit dem Rad los. Ich will nicht zu spät kommen."

Mein Bruder, mit dem ich mir im Augenblick meine Wohnung teile, sieht mich verzweifelt an. Er bekommt seine knallenge Jeans nicht hoch und das bringt jetzt meine Zeitplanung völlig durcheinander.

"Hast du die heute Nacht enger genäht?"fragt er.

"Nein, das waren die Kalorien, die sind gerade zur Tür raus." brumme ich nur.

Wenn ich bedenke, was der Typ alles in sich rein schaufelt. Kein Wunder, dass er zulegt.

"Dann fahr schon los. Wir sehen uns dann." zischt er durch die Zähne und macht dabei ein verkniffenes Gesicht.

"Pass auf, dass die Hose unterwegs nicht platzt. Könnte peinlich werden!" rufe ich auf dem Weg zur Wohnungstür, schnappe meine Tasche und die Schlüssel und ziehe im Rausgehen die Tür ins Schloss.

Die Praxis ist nicht weit von der Wohnung entfernt. Es war ein Zufall gewesen, als ein Bekannter von meiner Mutter bei einer Feier erzählte, dass dort ein Nachfolger gesucht wird.

Ich nahm Kontakt auf und habe mir die Praxis angesehen. Die Räume brauchen eine Generalüberholung. Aber ansonsten ist es eine schöne Praxis.

Ein paar Wochen später bekomme ich die Schlüssel.

Per Email informiere ich die Mitarbeiter, die ich bis auf eine komplett übernommen habe, wann wir wieder starten. Die Mitarbeiterin, die nicht für mich arbeitet, ist in Rente gegangen. Ich hoffe, dass ich den verbliebenen Kräften ein guter Chef bin und sie mich nicht im Stich lassen.

Genauso die Patienten. In der Zeitung kam ein großer Artikel von der Praxisübergabe. Sicherlich werden ein paar Patienten abspringen. Nicht jeder kann sich vorstellen, dass ein junger Arzt ein guter Arzt ist.

Aber was heißt jung? Ich bin 36 Jahre alt. Na gut. Im Gegensatz zu meinem 68jährigen Vorgänger bin ich jung. Und ich habe bisher nur im Krankenhaus gearbeitet. Es ist für mich also eine neue Herausforderung.

Als ich mich heute vorgestellt habe, hatte ich den Eindruck, dass die Vier ein eingespieltes Team sind.

Ich habe beschlossen, erstmal alles auf mich zukommen zu lassen.

Und ich hatte schnell raus, was mich stört. Alle vier Frauen sind wunderschön. Sie sind stresserprobt und hilfsbereit. Aber drei von ihnen picken sich die Rosinen raus. Das muss ich ändern. Und ich weiß auch schon wie.

In der Mittagspause hole ich mir vom Bäcker schnell was zu essen. Als ich in die Praxis zurück komme, höre komische Geräusche. Ich folge ihnen und finde Tabea mit geschlossenen Augen in der Küche summen. Eigentlich ein schönes Lied, wenn sie die Töne treffen würde. Aber ich mag es, dass sie so summt. Nicht jeder traut sich. Und singen und summen ist doch schön.

Ich beobachte sie und als sie mich entdeckt, läuft sie an wie ein gekochter Hummer. Sie ist wirklich sehr bezaubernd und ich mag ihre Art, sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Sie hat ein wunderschönes Gesicht, moosgrüne Augen und ihre blonden Haare fallen in sanften Wellen über ihre Schultern. Was für eine Schönheit. Wow...

Als am Nachmittag die anderen Mitarbeiter wieder eintreffen, geselle ich mich zu den Vieren und stelle mich neben Tabea in eine freie Ecke.

"Hört mal, ich weiß dass ihr hier sehr eingespielt seid. Und ich werde noch 2 Kräfte einstellen. Aber mir ist aufgefallen, dass Zusanna nur vorne sitzt, während Tabea nach hinten ins Labor und in die Funktionsdiagnostik abgeschoben wird. Wird das schon immer so gemacht?"

Ich blicke in betretene Gesichter.

"Naja," meint Zusanna dann und sieht die anderen hilfesuchend an.

"Jeder macht das, was er am besten kann." stimmt Mira mit ein.

Ich nicke verstehend. Okay.

"In meinen Augen ist das nicht sehr schlau. Denn wenn mal einer krank wird oder Urlaub hat, müssen die anderen das mit auffangen. Und wenn ihr dann alles verlernt habt, weil ihr es schlicht einfach nicht mehr gemacht habt, dann bricht Chaos aus. Ich möchte bitte, dass dieses System vergessen wird. Ihr könnt euch tageweise abwechseln. Aber ich brauche Mitarbeiter, die immer und überall einsetzbar sind. Ist das in Ordnung?"

Die vier sehen mich an und nicken.

"Also gut. Dann an die Arbeit."

Tabea geht wie automatisch wieder nach hinten.

"Tabea!"

Sie dreht sich verwirrt um und sieht mich an.

"Ich möchte, dass Sie mir heute nachmittag assistieren."

Mira wirft ihr einen bösen Blick zu.

"Das geht nicht gegen Sie, Mira. Also hören Sie auf, Tabea mit Ihren Blicken zu töten."

Mira geht nach hinten und Tabea folgt mir.

Ich habe die Vermutung, dass mein Vorgänger darauf vertraut hat, dass sich alles zurecht läuft.

Tabea sieht mich fragend an bleibt mitten im Raum stehen.

"Sehen Sie? Sie haben keine Ahnung, was Sie machen sollen. Genau das habe ich gemeint."

Ich gebe ihr Anweisungen und teile ihr ihre Aufgaben zu. Wenn sie immer nur im hinteren Teil der Praxis war, dann ist ja wohl logisch, dass sie keinen blassen Schimmer von dem hat, was sich vorne tut.

Also zeige ich ihr, wie sie Rezepte, Krankmeldungen und Überweisungen ausdrucken kann. Während ich mich um die Patienten kümmern kann, erweitert sie die Karteikarte und sie macht es wirklich gut.

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