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Der neue Doktor

"Du hast ihn ja schon gesehen. Sieht er wirklich so heiß aus, wie alle sagen?"

Mira kaut mir eine Frikadelle ans Ohr, seit wir die Praxis betreten haben.

Ich seufze und sehe sie an.

"Mira, es ist ganz einfach. Er hat dunkle Haare und trägt einen Bart. Mehr weiß ich auch nicht."

"Im Ernst? Das ist alles?" Mira ist fassungslos.

Mira ist eine sehr liebe Kollegin. Aber sie gehört zu den Personen, die bei hübschen Männern dahin schmelzen und halb über dem Tresen hängen, um hinterher gucken zu können und einen Blick auf den Knackarsch zu werfen.

Mir ist das alles nix. Ich halte mich zurück.

Warum soll ich auch? Ich gehöre nicht in die Sparte Frau, denen auf den sexy Arsch geguckt wird.

Ich bin 1,60m groß und wiege....mehr, als die Waage anzeigen sollte. Ich habe kurvige Hüften und meine Tittelatur ist jenseits von 75B.

Wer mich nicht mag, der soll mich nicht ansprechen. Ich bin nett und freundlich zu jedem. Aber mehr kommt von meiner Seite aus nicht. Ich bin einmal reingefallen. Das tu ich mir nicht noch einmal an. Und auch, wenn manche Menschen denken, man kann mit Dicken ja umspringen, wie man will. Denn Dicke haben ja ein breites Kreuz und ein dickes Fell....wir haben auch ein Herz, dass zerbrechen kann und Gefühle, die verletzlich sind. Aber das will keiner wissen. Egal. Vielleicht gewöhne ich mich noch daran.

Mira und ich bereiten die Praxis vor. Im Warteraum muss die Heizung angestellt werden und die PCs werden hoch gefahren. Ich räume noch die Untersuchungsräume auf, fülle Tücher und Tupfer im Labor auf, während Mira Kaffee kocht. So nach und nach trudeln auch die anderen beiden Mädels ein. Zusanna sitzt meist am Empfang und koordiniert, wann welcher Patient in welches Sprechzimmer geht. Editha schreibt Arztbriefe und alles, was so anfällt. Ich bin für Blutentnahme, EKG und den ganzen Kram zuständig. Mira unterstützt den Arzt. Jedenfalls war es bisher so.

Die Tür geht auf und ein gutgelaunt vor sich hin pfeifender Mann kommt rein.

"Guten Morgen, Mädels. Ich bin der Neue und komme jetzt öfter. Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit und bin sicher, dass wir uns gut verstehen werden. Es gelten die selben Bedingungen wie bei Ihrem alten Chef. Also, an die Arbeit."

Natürlich konnte ich beobachten, dass Mira ihn während der Ansprache die ganze Zeit schmachtende Blicke zugeworfen hat. Ich muss mir ein Grinsen verkneifen. Ihm entgeht es nicht und er wirft mir ein kleines Lächeln zu.

Er hat ein umwerfendes Lächeln. Er ist groß und breit gebaut. Seine muskulösen Arme versteckt er unter einem bunten Hawaii-Hemd. Er ist braun gebrannt, haselnussbraune Augen und dunkelbraunen Haar, dass er nach hinten kämmt. Sein Vollbart kräuselt sich um sein Kinn.

Das Lächeln wiederum ist den anderen nicht entgangen und als er in die Teeküche geht, um sich einen Becher Kaffee zu holen, sehen mich alle erwartungsvoll an.

"Was denn?" frage ich.

"Haben wir etwa etwas nicht mitbekommen? " fragt Zusanna kichernd.

"Läuft da schon was zwischen euch?" grinst nun auch Editha.

"Ja, na klar. Als wenn so ein Typ was von mir wollte... Habt ihr eure Augen verloren?" maule ich.

"Stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Du bist verdammt süß und heiß."

"Ja. Und fett."

Damit lasse ich sie stehen.

Ich gehe ins Labor. Dort bereite ich alles vor für die Patienten, die gleich eintrudeln werden.

Mira steht plötzlich neben mir.

"Du, das war nicht böse gemeint." versucht sie sich zu entschuldigen.

"Ich weiß. Tut mir leid. Meine Reaktion war unangebracht."

Sie legt ihre Hand auf meine Schulter und drückt sie kurz.

Dann gehen wir unserer Arbeit nach. Der Vormittag vergeht und es steht Mittagspause an.

Da die anderen alle hier im Ort wohnen, fahren sie nach Hause, um dort Mittag zu essen. Ich bleibe in der Praxis. Da ich davon ausgehe, dass alle erst in einer Stunde wieder kommen, stopfe ich mir meine Inear-Kopfhörer ins Ohr und höre Musik, trinke eine Tomatensuppe und wippe mit dem Kopf im Takt mit. Die Augen geschlossen summe ich die Musik eines Filmes mit, den ich vor kurzem gesehen habe. ...Die Reise der Pinguine...

Irgendwann öffne ich die Augen und in der Tür steht breit grinsend der Chef. Er hat sich an den Türrahmen gelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt. Offenbar hat er mich die ganze Zeit beobachtet.

Ich merke, wie mir die Hitze in die Wangen schießt. Wahrscheinlich bin ich rot wie der Hintern eines Pavian.

"Tut mir leid." murmel ich und nehme einen Kopfhörer raus.

"Lassen Sie sich nicht stören. Von mir aus summen Sie weiter."

"Ich dachte, dass ich allein bin. Ich habe eine Stimme fürs Ballett."

"Aber dort wird doch gar nicht gesungen." meint er grinsend.

"Sehen Sie!" antworte ich und verlasse die Küche, bevor es noch peinlicher wird.

Okay, das ist jetzt eine merkwürdige Situation gewesen. Erinnerte mich an die Szene von Pretty women, wo sie 'Kiss' quietschend in der Wanne liegt. Man stelle sich vor, ich wäre nackt gewesen wie Julia Roberts. Nein! Man stelle sich das lieber nicht vor. Ich merke, dass er sich umdreht und mir hinterher sieht. Warum macht der Kerl keine Pause wie alle normalen Menschen?

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