Kapitel 5
Die Meisterprüfungen des Artisanenrates fanden in der Zelin-Kuppel statt - einem gewaltigen Bau aus Glas und golddurchzogenem Marmor, erleuchtet von ewigen Mondfeuer-Kugeln, die von der Decke herabhingen.
Ich behielt meine Kapuze tief im Gesicht. Sie konnte den Glanz haben.
Lyra kam natürlich zu spät. In ein silberperlenbesetztes Kleid gehüllt, das bei jeder Bewegung wie gefrorene Tränen funkelte, gefolgt von einem Schwarm bewundernder Adliger, deren Parfümwolke die Luft zum Ersticken dick machte.
Sie schritt durch den Raum, als gehöre er ihr seit Anbeginn der Zeit. Sollte sie das ruhig denken.
Die Meisteranwärter platzierten ihre Werke auf schwarzen Obsidian-Sockeln, während die Richter von halbmondförmigen Tribünen aus beobachteten. Ich wartete, bis mein Name aufgerufen wurde, trat dann vor und legte mein Stück nieder.
Eine Kette aus geschmeidigem, mattgrauem Metall, in deren Mitte ein einziger, tropfenförmiger Edelstein saß, der das Farbe eines frischen Blutstropfen trug. Er schimmerte kaum merklich, als atme er im Takt des Raumes.
Keine Rede. Keine erklärenden Gesten. Nur ein einziger Satz:
„Sternheuler. Aus der Echo-Serie.“
Die Richter beugten sich vor.
„Reagiert er auf Wärme?“, fragte einer.
„Auf Wärme und auf den Lebenspuls“, antwortete ich. „Je näher am Herzen getragen, desto tiefer und lebendiger wird sein Rot.“
Jemand aus der ersten Reihe murmelte: „Pulsreaktive Edelsteinbindung ... Das ist hohe Kunst.“
Ein zweiter Richter, eine ältere Frau mit scharfen Augen, fragte: „Wo hast du deine Ausbildung erhalten?“
„Ich habe keine formale Ausbildung“, sagte ich, meine Stimme blieb klar und ohne Bedauern. „Ich schuf dies, nachdem ich mein Kind verloren hatte.“
Stille. Dann nachdenkliches Nicken. Kratzende Federn auf Pergament. Blicke, die nun nicht nur interessiert, sondern von einer neuen, respektvollen Tiefe waren.
Doch bevor ein Urteil gefällt werden konnte, trat Lyra vor.
„Ich präsentiere ... die Mondgesegnete Wiege.“
Sie zog das Samttuch von ihrem Sockel. Eine weitere Halskette.
Beinahe identisch. Gleiche Grundform. Ähnliche Platzierung der Verstärkungsrunen. Der gleiche Edelstein - doch wirkte er schwerer, plump, an den falschen Stellen poliert, als habe die Hand des Künstlers gezittert.
Das kollektive Einatmen des Saales war fast zu hören. Darauf folgte eine gespannte, glühende Stille.
Einer der Richter, ein Mann mit eisgrauem Bart, erhob sich. „Fräulein Whitlock, diese Arbeit weist ... eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit der vorherigen auf.“
Lyra lächelte, die Ruhe selbst. „Inspiration ist ein flüchtiger Geist. Manchmal landet derselbe Gedanke in mehr als einem Kopf.“
„Kannst du Entwurfsskizzen vorlegen? Einen Beweis für die eigene Urheberschaft?“
Sie blinzelte, ein Hauch von Irritation glitt über ihr Gesicht. „Nun, nein. Die endgültige Fassung entstand in meinem Atelier in Meridian vor Wochen. Ich pflege keine rohen Entwürfe zu öffentlichen Veranstaltungen mitzubringen.“
„Und Zeugen?“, hakte eine andere Richterin nach. „Jemand, der deine Arbeit gesehen hat?“
Lyra zögerte, zum ersten Mal wirkte sie unsicher. „Ich ... arbeite meist allein. In der Stille der Nacht.“
Eine Stimme, kühl und klar wie Bergwasser, schnitt durch die Stille von der obersten Tribüne herab.
„Äußerst bequem.“
Alle Köpfe wandten sich um.
Ein Mann in einem Umhang aus tiefstem Mitternachtsblau stieg die Marmorstufen herab. Das königliche Wappen - der springende Silberhirsch - glänzte diskret auf seiner Schulter. Prinz Theron von Haus Sylverhart.
Er blieb zwischen den beiden Sockeln stehen und musterte die Stücke. Zuerst Lyras. Dann meines. Seine Betrachtung war intensiv, als wiege er mehr als nur Metall und Stein.
„Sie sagt, Inspiration sei flüchtig“, sprach er ruhig, seine Worte trugen mühelos durch den riesigen Raum. „Doch wahrer Schmerz findet immer seinen eigenen, unverkennbaren Ausdruck.“
Er zeigte auf meine Kette.
„Dies hier trägt die Spur von etwas Wirklichem in sich.“
Lyra rang nach Worten. „Das ... das ist nicht fair! Das ist eine subjektive ...“
Er hob leicht die Hand. Sie verstummte, als hätte man ihr die Luft abgeschnürt.
„Ich erhebe im Namen der Krone Anspruch auf dieses Werk“, sagte er zu den Richtern. „Es ist von königlichem Interesse.“
Das war kein Beifall, sondern ein kollektives Keuchen. Einer nach dem anderen neigten die Richter ihre Häupter.
Die Gildenmeisterin, die mich zuvor befragt hatte, wandte sich direkt an mich. „Würdest du, Aria von Ascheford, eine Ernennung in die Königliche Artisanenkammer annehmen? Volle Förderung durch die Krone. Ohne weitere Prüfung.“
„Ja“, sagte ich. Meine Stimme verriet nichts.
Ich lächelte nicht.
Lyra sah aus, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Ihre Haut war aschfahl.
Sie versuchte es noch einmal, ihre Stimme überschlug sich leicht. „Das ist absurd! Jeder könnte hier den anderen kopiert haben ...“
„Du sagtest doch selbst, du hättest allein gearbeitet“, erinnerte sie der Richter mit dem grauen Bart.
„Und keine Skizzen mitgeführt“, ergänzte die Richterin.
Die gesamte Richterbank erhob sich - und wandte sich nicht Lyra, sondern mir zu.
Und die Menge? Ihr Blick folgte. Nicht der funkelnden Silberperlen. Sondern dem schlichten, grauen Metall und dem pulsierenden roten Stein.
Denn jetzt sahen sie es. Nicht nur handwerkliches Geschick. Sondern Authentizität. Wahrheit.
Und Lyra? Sie war als strahlende Prinzessin eingezogen.
Aber ich verließ den Saal mit einer unsichtbaren, doch viel mächtigeren Krone.
