Kapitel 5
Der Anblick des Blutes auf dem Leinen war wie ein erloschener Lichtschein. Elara taumelte, ihre Knie gaben nach.
„Elara!“ Luciens Fassade brach endlich. Er stürmte vor, packte ihre Schultern und zog sie an sich. „Ruft den Blutarzt, sofort!“
Seine Hand drückte fest gegen ihren Rücken, als wollte er ihre Knochen zusammenhalten. Der Flur brach in Chaos aus, als die Diener sich zerstreuten.
Maeve sprang vor, das Gesicht aschfahl. „Ich hole den Arzt, ich werde—“
Ohne ein weiteres Wort hob Lucien Elara in seine Arme und trug sie schnell zurück in ihren Turm, legte sie auf das Bett.
Er beugte sich über sie, sein Blick hielt eine neue, unbekannte Panik – nicht geboren aus Liebe, sondern aus dem Verlust der Kontrolle.
„Warum hustest du Blut?“, verlangte er mit tiefer, angespannter Stimme. „Sind die Geißelwunden von letzter Nacht wieder aufgerissen? Hast du die Salben wieder vernachlässigt?“
Elara klammerte sich an das befleckte Taschentuch, ihre Knöchel wurden blass. Sie erinnerte sich an die Stimme aus ihren Träumen: Als die Purpurne Finsternis näher rückte, würde ihr sterbliches Gefäß schwächer werden. Bis das Schwarze Tor sich öffnete und sie zurückkehrte.
Sie hatte es unzählige Male gesagt.
Niemand hörte hin.
Also schüttelte sie nur den Kopf, ihre Stimme ein leises Flüstern. „Es ist nichts.“
Der ältere Blutarzt traf schnell ein. Seine kalten Finger drückten gegen ihr Handgelenk, seine Stirn legte sich tiefer, je länger er den Puls fühlte.
„Die Silbergeißelwunden eitern, verschärft durch eine Störung der vitalen Säfte“, murmelte er, seine Stimme ernst. „Ihr Blutgesang… er franst aus, als würde er bis zum Ende hin gespannt. Sie muss keine weiteren Bußen ertragen. Kein weiteres kniendes Wachen.“
Maeves Augen füllten sich mit Tränen. „Aber die Dame bestand darauf – drei Knien in der alten Kathedrale heute Nacht, für die Segnungen der jungen Herrin…“
Der Arzt gab keine Antwort, sondern drückte Maeve ein gefaltetes Pergament in die Hand. „Bereitet dies zu. Sorgt dafür, dass sie es trinkt. Haltet sie vom nächtlichen Luftraum fern.“ Am Schwellenbogen sah er Lucien an, schien Worte abzuwägen, dann verließ er mit einem Seufzen.
Stille senkte sich herab, dick und schwer, nur unterbrochen vom Knistern des Kaminfeuers, das Luciens Profil im flackernden Licht malte – eine grausame Nachahmung des Mannes, der er einmal gewesen war.
Lucien setzte sich ans Bett. Die Stille dehnte sich aus, eine Aufführung von verspäteter Schuld.
Endlich sprach er, seine Stimme glättete sich zu der süßen Melodie, die er einst benutzte, um gebrochene Versprechen zu kaschieren.
„Meine Worte vorhin… waren zu hart.“
Er hielt inne, wählte seine Entschuldigungen mit Bedacht. „Wenn du einfach… aufhören würdest, Celeste weiterhin herauszufordern.“
„Nachdem sie… fort ist, wird alles wieder so sein wie früher.“
Wie früher.
Das letzte Glimmen von Wärme in Elaras Brust erlosch.
Sie sah ihn an, ihre Frage langsam, jedes Wort aus einem Schmerzbrunnen gezogen.
„Und nachdem sie fort ist… wann hast du vor, den Eid mit mir zu schwören?“
Luciens Kehle bewegte sich.
Er schwieg für mehrere Herzschläge, als würde er endlich die ungeschönte Wahrheit sagen.
„Ich habe ihr mein Wort gegeben“, sagte er. „Wenn sie geht, werde ich zehn Jahre der Trauer für sie halten.“
Zehn Jahre.
Elaras Lippen verzogen sich zu einem schwachen Lächeln, brüchig wie zerbrechendes Eis.
Ihre „Ewigkeit“ war elf Nächte lang.
Und er sprach von einem Jahrzehnt, als würde er ihr eine Zukunft schenken, die sie nie erleben würde.
Sie fragte nicht weiter.
Die Antwort war genug.
Sie schloss die Augen, suchte nach Ruhe, doch der Schlaf wollte nicht kommen. Früher war Stille zwischen ihnen nie so gewesen – eine kalte, öde Weite. Früher hatten sie von allem gesprochen: Mondphasen und nebelverhangene Wälder, Ratsangelegenheiten und gemeinsame Zukunftspläne, Verträge mit den Jägern, sogar welche Gedenkkerze einmal ihren beiden Namen tragen würde.
Jetzt gingen sie von „jedem Gedanken teilen“ zu „nichts mehr zu sagen haben“.
Die Tür knarrte.
Ein Duft kam ihr zuvor – süß, schwer, absichtlich.
Celeste schwebte herein, hielt eine dampfende Schale Medizin. Ihr weißes Kleid war makellos, ein scharfer Kontrast. Ein dünnes Bandage schmückte den Rücken ihrer Hand – eine kleine Brandwunde, getragen wie ein Ehrenabzeichen.
Sie setzte sich auf die Bettkante, hob einen Löffel mit der dunklen Flüssigkeit an Elaras Lippen.
„Elara, ich habe das selbst zubereitet. Du musst es trinken, um dich zu erholen.“
Der Dampf war brennend heiß. Noch bevor die Flüssigkeit sie berührte, zuckte Elara zurück.
Ein kaltes Flimmern ging durch Celestes Augen, verschwand im nächsten Moment. Dann, mit einer schnellen Bewegung, kippte sie den Löffel und zwang die Flüssigkeit in Elaras Mund.
Der brennende Schmerz ließ Elara ihren Kopf wegziehen, ihre Hand stieß die Schale zur Seite.
Klimpern.
Die Medizin spritzte.
Celeste erstarrte dramatisch. „Ah—es brennt!“ Ein kleiner, wütender roter Fleck erschien auf ihrer makellosen Hand – eine kleine Verletzung, die zu einer Tragödie aufgebauscht wurde.
Lucien war sofort an ihrer Seite, schnappte sich die Schale und packte Celestes Handgelenk.
„Celeste! Bist du verletzt?“
Sofort füllten sich Celestes Augen mit Tränen. „Es ist nichts… nur mein Herz schmerzt.“
„Ich habe gehört, du bist krank und habe eilig ihre Tinktur vorbereitet.“
„Ich wusste nicht… dass Elara mich noch so sehr hasst, dass sie nicht einmal das Medikament annimmt, das ich bringe.“
Eine einzelne Träne bahnte sich ihren Weg über ihre Wange.
Scharf wie ein Dolch.
Lucien wischte sie mit einer Zärtlichkeit ab, die wie ein körperlicher Schlag war. „Weine nicht“, murmelte er. „Sie wird es trinken.“
Dann—
Er nahm die noch dampfende Schale und hielt sie Elaras Lippen entgegen.
Sein Blick war so kalt.
„Trink.“
„Verweigere Celestes Güte nicht.“
Elaras Kehle schnürte sich zusammen. „Ich werde nicht. Es ist zu heiß.“
Bevor das letzte Wort verklungen war—
Ein eisiger Griff ergriff ihren Kiefer. Lucien zwang ihr den Mund zu öffnen und goss die brennende Flüssigkeit in ihren Hals.
Feuer durchzuckte sie. Sie hustete, würgte heftig, Tränen stiegen unaufgefordert auf.
Seine Stimme, dick von unterdrücktem Zorn, schaberte in ihrem Ohr. „Dachtest du an sie, als du die Schale wegschobst?“
Er schlug die leere Schale mit einem Knall auf den Nachttisch.
Er nahm Celeste in seine Arme, drehte sich um und stürmte aus dem Raum, seine Schritte sicher und schnell, sein Schatz in seinen Armen wie ein zerbrechliches Gut.
Aus dem Schutz seiner Umarmung warf Celeste einen Blick zurück.
Der Blick trug keine Entschuldigung. Nur Sieg.
Ihre Stimmen hallten deutlich den Gang entlang.
„Lucien, wir sollen bald den Eid schwören… doch beim Gedanken daran, wie du und Schwester früher… schmerzt es mich.“
Luciens Antwort war leise, ein Gelübde. „Früher war meine Zuneigung zu ihr wahr.“
„Aber für alle kommenden Nächte—mein Herz gehört nur dir.“
Die Tür schloss sich.
Elara lag im nassen Bettzeug, ihr Hals ein verwundeter Kanal des Schmerzes.
Sie starrte an die Decke, und eine tiefe Stille senkte sich über sie.
Die Stille von etwas, das endlich, unwiderruflich, stirbt.
