Kapitel 6
Die Schritte und Stimmen verklangen in der Ferne.
Der Raum war nur noch erfüllt vom klagenden Pfeifen des Windes, der durch die Ritzen des Fensters zog – ein Geräusch, das wie ein Spott klang.
Als Maeve hereinstürmte, fand sie Elara bleich wie ein Gespenst, ihre Bettwäsche durchnässt, die zerbrochenen Reste der Schale neben ihr.
Die Magd erstarrte.
„Meine Dame… was ist passiert?“
„Wo ist er? Wo ist Lucien?“
Elaras Blick war leer, als ob sie schon woanders wäre.
„Es ist nichts“, flüsterte sie, die Stimme kaum hörbar. „Ich bin nicht verletzt.“
Maeve nahm ihre leblos wirkende Stille auf und verstand. Derjenige, der ihre Dame in diesen Zustand versetzt hatte, war Lucien selbst.
Sie biss sich auf die Lippe, ihre Hände zitterten vor einer Mischung aus Wut und Mitleid, als sie Elaras verschmutzte Kleidung wechselte. „Er war nicht immer so…“
„Einmal, ein einziger Kratzer von einer Dornrose, und er ließ jede in den Gärten ausreißen.“
„Jetzt schwört er den Eid der jungen Dame… Was hält er dich für?“
Kein Funken von Emotionen zeigte sich auf Elaras blassem Gesicht.
Sie sprach leise, als erzählte sie eine Geschichte über Fremde. „Lass es sein.“
„Es kümmert mich nicht mehr.“
Wenn Liebe existierte, konnte sie dich ins Kerzenlicht heben.
Wenn sie verschwand, konnte sie dich in den Schlamm zermahlen und dennoch fand man dich nicht genug.
Elaras Blick glitt zur leeren Schale.
Der bittere Duft der Kräuter blieb in der Luft.
Das Elixier hatte sie nicht geheilt.
Es hatte das letzte, fransende Band zwischen ihr und Lucien mühelos durchtrennt.
Und mit ihm der letzte Rest ihrer Zuneigung zu ihm.
In den darauffolgenden Nächten wurde Elara wirklich krank.
Ein Fieber, heiß wie geschmolzenes Silber, brannte durch ihre Knochen.
In ihrem Delirium spürte sie eine Präsenz – eine kühle Hand, die ihre Stirn streichelte, Worte, die zu leise waren, um sie zu entschlüsseln.
Sie wurde von Tag zu Tag schwächer. Die Medizin, die Maeve ihr einflößte, wurde bald wieder abgestoßen, bis sogar das Blut, das sie hustete, kalt war.
Ihre Eltern kamen nicht.
Und doch wurde das Anwesen mit jeder Stunde lebendiger – ein Bienenstock der Aktivität, der sich auf die Blut-Eid-Zeremonie zwischen Lucien und Celeste vorbereitete.
Schwarze Rosen, zeremonielle Blutketten, Pergamentrollen für Gelübde, Einladungen zur alten Kathedrale…
Das gesamte Voss-Anwesen schien vor Vorfreude auf eine große Feier zu glühen.
Ihr Turm fühlte sich wie ein vergessenes Grabmal an.
Maeve, die das Blut von Elaras Lippen wischte, bot hohle Trost. „Die Dame ist nur beschäftigt… mit der Zeremonie der jungen Dame.“
„Sobald es vorbei ist, werden sie kommen.“
Elara starrte zum aschgrauen Himmel durch ihr Fenster, ein schwaches, müdes Lächeln berührte ihre Lippen. „Mit dir hier, bin ich nicht einsam.“
Die Worte ließen Maeves Augen erneut erröten.
Die Tage zogen ineinander. Die Hustenanfälle, bei denen Blut floss, wurden häufiger, ihr Atem flacher.
Sie wusste, sie erreichte ihr Limit.
Endlich, in der Nacht des Purpurnen Finsterns, schien das Mondlicht selbst von einem rostigen Schimmer überzogen, kalt und grausam.
Die Tür zu ihrem Zimmer öffnete sich.
Frau Isolde Voss schritt herein, in ein Abendkleid gehüllt, ihr Gesicht mit einer seltenen, dringenden „Sorge“ gezeichnet.
„Elara, Kind, geht es dir besser?“
Elara starrte, erstaunt. Das erste Aufflackern mütterlicher Fürsorge nach so langer Zeit rührte die erbärmliche, unzerstörbare Hoffnung in ihr.
„Mama… mir tut alles weh.“
Frau Voss nahm sie in ihre Arme, strich sanft durch ihr Haar – eine Geste, die so lange abwesend gewesen war, dass sie sich wie ein Traum anfühlte. „Diese letzten Nächte, mit Celestes Zeremonie… ich war abgelenkt. Beschuldige nicht deine Mutter.“
Elara lehnte sich in die zerbrechliche Wärme, verzweifelt daran glaubend.
Sie begann zu nicken—
Dann änderte sich die Stimme ihrer Mutter, der Zweck wurde klar.
„Elara, deine Schwester schwört ihren Eid. Als ihre ältere Schwester solltest du ein Zeichen deiner Segnung geben.“
„Gib ihr den Ashbourne Erbenring.“
Elara erstarrte.
Dieser Ring – Lucien hatte ihn selbst auf ihren Finger gelegt. Er sagte, nur seine zukünftige Gefährtin würde ihn tragen.
Ihre Mutter war nicht gekommen, um ihr zu helfen.
Sie war gekommen, um Celestes „Gebühr“ zu holen.
Die Welle der Enttäuschung war eine kalte, ertränkende Flut.
Elara zog sich aus der Umarmung zurück, ihre Kehle rau. „Ich werde ihn dir geben, Mutter.“
„Aber zuerst, beantworte mir eine Frage.“
Frau Voss blinzelte. „Welche Frage?“
Elara hielt ihren Blick fest, jedes Wort absichtlich. „Wenn ich auch nicht über dieses Purpurne Finsternis hinausleben sollte…“
„Würdest du mir dieselbe Fürsorge zeigen, die du Celeste zeigst?“
Frau Voss erstarrte. Sie antwortete nicht.
Sie würde nicht einmal eine tröstliche Lüge anbieten.
Der letzte Hauch von Hoffnung verließ Elaras Körper.
„Ich verstehe.“
Mit Mühe setzte sie sich auf, holte eine kleine Holzschatulle von ihrem Schminktisch und legte sie in die Hände ihrer Mutter.
Frau Voss nahm sie und drehte sich um, um zu gehen.
An der Tür hielt sie inne und sah zurück.
Ein törichter, flüchtiger Funken Hoffnung stieg in Elaras Brust—
Nur um durch die endgültige, klare Anweisung ihrer Mutter ausgelöscht zu werden:
„Morgen wirst du noch zur alten Kathedrale gehen. Vollziehe die drei knienden Wachen für das Segnen deiner Schwester.“
„Angesichts deines… Zustands bist du vom Besuch der Zeremonie selbst befreit. Es wäre… unheilvoll.“
Die Tür schloss sich sanft.
Eine einzelne Träne zog einen kalten Pfad über Elaras Wange.
In diesem Moment akzeptierte sie es endlich.
Ihre Eltern liebten sie nicht.
Das Letzte ihrer verbleibenden Bindung, ihre vergebliche Sehnsucht nach ihrer Zuneigung, zerstreute sich wie Nebel.
Und in der neu gewonnenen Stille flüsterte der vertraute Ruf aus der Unterwelt wieder, klarer als je zuvor, an den Rändern ihres Bewusstseins:
„Das Schwarze Tor öffnet sich um Mitternacht. Das wahre Kind kehrt zurück.“
