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Kapitel 4

Ein weiterer Tag verging. Nur noch zwölf Nächte blieben bis zur Purpurnen Finsternis.

Elara kehrte in ihren kleinen Turm zurück. Kaum war sie eingetreten, gab sie ihren ersten Befehl:

„Maeve, entzünde den Kamin.“

Als das Feuer aufflammte, sprang das orange Licht an den Wänden empor und beleuchtete jene Dinge, an die sie sich einst geklammert hatte wie an Beweise.

Das elfenbeinfarbene Kleid, bestimmt für die Zeremonie ihres Bluteids mit Lucien.

Das Gemälde an der Wand — es zeigte sie am Rand eines nebelverhangenen Waldes, wie sie sich noch einmal umdrehte, als glaubte sie immer noch, jemand würde kommen, um sie nach Hause zu bringen.

Auf dem Schminktisch lagen einige kleine Gegenstände:

Ein Ring mit dem Wappen der Ashbourne eingraviert;

Ein Armband aus geschwärzten Silbergliedern;

Ein Medaillon aus dunkelrotem Glas, versiegelt mit einem einzigen Tropfen von Luciens Blut.

Geschenke von Lucien.

Jedes einzelne war schwer errungen.

Den Ring hatte er nach seiner Volljährigkeit eigenhändig gefertigt, bis seine Finger vom Arbeiten blutig waren.

Das Armband hatte er auf einem Jägermarkt gegen drei Säcke Blutschrift eingetauscht, weil er gehört hatte, es könne Schutz bieten.

Das Medaillon war eine Belohnung des Rates für Tapferkeit im Kampf gewesen — beinahe hätte er es in einem Grenzgefecht mit dem Leben bezahlt.

In der Stadt hatte man geflüstert - Lucien Ashbourne sei wahnsinnig verliebt in Elara Voss.

Einmal hatte Elara das geglaubt.

Doch der Mann, der zu solcher Leidenschaft fähig gewesen war, existierte nicht mehr.

„Das Feuer ist bereit, meine Dame.“ Maeve stellte ein schwarzes Eisenbecken vor sie hin, ihre Augen waren bereits gerötet. „Meine Dame… dieses Gemälde bedeutet dir doch so viel. Jede Nacht siehst du es dir an. Warum willst du es verbrennen?“

Elara antwortete nicht.

Sie ging zur Wand, nahm das Bild ab und warf es ohne Zögern in die Flammen.

Als das Papier sich im Feuer kräuselte und schwarz wurde, kehrte ihr Geist zurück zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr — zu ihrem Ritual der ersten Blutaufnahme.

Damals hatte Lucien ihr das Gemälde überreicht, und in seinem Blick lag nur sie allein, als wäre sie sein einziges Licht.

„Elara“, hatte er gesagt, „du bist nun erwachsen. Willst du meine zukünftige Gefährtin werden?“

Es war das letzte Mal gewesen, dass er ernsthaft davon gesprochen hatte, mit ihr den Eid zu schwören.

Die Flammen fraßen das gemalte Lächeln.

Elaras Stimme war leise.

„Die Verlobung ist aufgehoben.“

„Diese Dinge zu behalten macht mich nur zur Lachnummer.“

Maeve wollte das Bild aus dem Feuer ziehen, doch Elara hielt sie auf.

„Was brennen kann, soll brennen.“

„Was nicht brennen kann, verkauf es.“

Sie sah Maeve an, und in ihrer Stimme lag ein Hauch von Wärme.

„Ich werde diese Welt verlassen.“

„Aber du musst weiterleben.“

Maeves Tränen liefen unaufhaltsam, doch sie nickte heftig.

Am nächsten Morgen ging Elara wie gewohnt zum Haupthaus, um ihren Eltern Respekt zu erweisen.

Die mit Silber durchzogenen Striemen auf ihrem Rücken waren noch roh; ein bohrender Schmerz saß wie ein Nagel tief in ihrer Brust.

Jeder Schritt war Qual.

Im Flur begegnete sie Lucien.

Er stand am anderen Ende des Ganges, aufrecht und ruhig, seine Haltung kühl und unnahbar.

Das Gesicht, das einst Sicherheit versprochen hatte, strahlte nun nur noch Distanz aus.

Als er ihre Blässe sah, runzelte Lucien die Stirn. Er trat vor und griff nach ihrer kalten Hand.

„Elara, du bist so blass. Was ist los?“

„Nichts.“ Elara zog ihre Hand zurück. „Eine unruhige Nacht.“

Er fragte nicht weiter, als wäre ihr Zustand nur eine vorübergehende Laune.

Stattdessen erklärte er seinen Zweck.

„Heute ist der Todestag meiner Mutter.“

„Ich bin gekommen, um dich zur Gruft der Familie Ashbourne zu begleiten.“

An einem festen Tag im Monat hatte Elara ihn immer dorthin begleitet, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.

Seine Mutter hatte sie zu Lebzeiten verabscheut und sogar erklärt:

„Wenn Elara Voss jemals die Schwelle der Ashbourne überschreitet, werde ich selbst im Tod keinen Frieden finden.“

Lucien hatte den letzten Wunsch seiner Mutter missachtet, nur um bei Elara zu bleiben.

Und so war Elara Monat für Monat gegangen, immer in der Hoffnung auf eine Anerkennung, die niemals kommen würde.

Doch jetzt hatte sich alles verändert.

Elara sah ihm in die Augen, ihre Stimme erschreckend ruhig.

„Ich werde dich nicht mehr begleiten.“

„Deine zukünftige Gemahlin ist Celeste Voss.“

Luciens Stirn legte sich tiefer in Falten, ihre Worte schienen echte Verärgerung in ihm zu wecken.

„Elara, musst du wirklich so kleinlich sein? Musst du mit Celeste um alles konkurrieren, sogar um so etwas?“

„Ist dir die Zustimmung meiner Mutter nach ihrem Tod wirklich so wichtig?“

Kleinlich.

Elara hätte beinahe laut aufgelacht.

Sie öffnete den Mund, um zu antworten, doch plötzlich erfüllte ein metallischer Geschmack ihren Hals.

Instinktiv presste sie ein Taschentuch an ihre Lippen.

Als sie es wieder wegnahm, zeichnete sich auf dem weißen Leinen ein greller Fleck ab.

Blut.

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