Kapitel 4
Seraphina wartete mit einer Tasse Tee, zwei Scones und einem Gesichtsausdruck, der an ein Polizeiverhör erinnerte, auf dem Boden auf sie.
-Spricht.
Arabella legte die Mappe auf den Tisch und zog ihren durchnässten Mantel aus.
—Es ist gut verlaufen.
—Das ist kein Reden. Das ist Beweismittelvernichtung.
—Er hat meine These korrigiert.
-UND?
Arabella biss sich auf die Lippe.
—Und es ist unerträglich.
Seraphina öffnete ihre Augen mit vollkommener Freude.
-Sie mögen mich.
—Das habe ich nicht gesagt.
—Du sagtest unerträglich. In deiner Sprache bedeutet es gutaussehend, reich und emotional gefährlich.
—In meiner Sprache bedeutet es unerträglich.
Doch sie konnte sich nicht davon abhalten, sich daran zu erinnern, wie Alistair ihren Namen ausgesprochen hatte. Auch nicht an die Ruhe, mit der er ihre akademischen Schwächen erkannt hatte. Und auch nicht an diesen absurden Satz: *Nur wenn mich jemand interessiert.*
Er arbeitete an diesem Abend im Thistle Room, war aber mit seinen Gedanken ganz woanders. Kein gutes Zeichen. Magnus bemerkte es in weniger als zehn Minuten.
—Tisch sieben. Zwei Kaffees, ein Tee, drei Kuchen. Und ein Lächeln.
—Das Lächeln war nicht Teil des Vertrags.
—Sarkasmus ist es auch nicht.
Arabella trug das Tablett und bahnte sich vorsichtig ihren Weg durch den Laden. Sie war erschöpft, aber die Schicht war notwendig. Wenn sie es schaffte, in dieser Woche Lohn zu bekommen, konnte sie die Miete bezahlen und vielleicht ein paar frische Lebensmittel kaufen.
Dann öffnete sich die Tür.
Das Gemurmel im Café veränderte sich.
Arabella brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass jemand Wichtiges hereingekommen war. Sie erkannte es an der Art, wie Magnus sich aufrichtete, daran, wie einige der Kunden verstummten, an jener kurzen Stille, die mächtigen Nachnamen vorausgeht.
Er schaute.
Alistair Montrose befand sich am Eingang.
Schwarzer Mantel. Das Haar nur leicht vom Regen feucht. Zwei Männer hinter ihm. Er bemühte sich nicht, Aufmerksamkeit zu erregen, und doch drehte sich alles um ihn.
Arabella hat einen Fehler begangen.
Das Tablett kippte.
Er sah die Katastrophe kommen, bevor er sie verhindern konnte.
Kaffee, Tee und Sahne tropften auf Alistairs makelloses dunkles Fell.
Einen Augenblick lang hielt niemand den Atem an.
Magnus erbleichte.
Arabella wünschte sich, die Erde würde sich unter ihren Füßen auftun und sie ohne Fragen aufnehmen.
„Es tut mir leid“, sagte sie entsetzt. „Es tut mir so, so leid. Ich …“
Alistair blickte auf den Fleck hinunter, dann zu ihr.
Er schrie nicht. Er wurde nicht wütend. Das war noch schlimmer.
—Miss Sinclair.
—Ich schwöre, es war keine Absicht.
—Ich gehe normalerweise nicht davon aus, dass ich vor Mittag mit Kaffee überhäuft werde.
Jemand stieß ein nervöses Lachen aus.
Arabella presste die Lippen zusammen.
Magnus erschien neben ihr wie ein wütender Geist.
—Herr Montrose, ich entschuldige mich im Namen des Betriebs. Dieser Mitarbeiter wird nicht mehr bei uns beschäftigt sein.
Arabella drehte sich zu ihm um.
-Das?
—Sie haben richtig gehört.
Die Demütigung schmerzte ihn mehr als die Angst.
—Es war ein Unfall.
—Ein teurer Unfall.
Alistair zog ruhig seinen Mantel aus.
—Sie wird deswegen nicht gefeuert.
Magnus blieb regungslos.
-Herr…
—Ich habe Nein gesagt.
Es kehrte wieder Stille ein.
Arabella hätte dankbar sein sollen. Stattdessen empfand sie etwas Unangenehmes, etwas Scharfes. Sie wollte nicht gerettet werden. Nicht so. Nicht vor allen.
„Es besteht kein Grund einzugreifen“, murmelte er.
Alistair betrachtete sie mit einer Intensität, die ihn den Rest des Ortes vergessen ließ.
—Ich kann Ungerechtigkeit nicht ertragen, wenn ich sie vor meinen Augen sehe.
—Ich kann es auch nicht ausstehen, wenn sie für mich entscheiden.
Die Antwort überraschte ihn. Wieder musste er sich ein Lächeln verkneifen.
Magnus, rot vor unterdrückter Wut, murmelte:
—Sinclair, geh in die Küche.
Arabella rührte sich nicht.
Sie zog ihre Schürze aus, legte sie auf einen Tisch und hob das Kinn.
—Nein. Ich kündige.
Armut bedeutete für sie nicht, sich von jedem ausnutzen zu lassen.
Sie verließ das Café im Regen, ihre Hände zitterten und ihre Augen waren voller Tränen, die sie nicht loslassen wollte.
Wenige Schritte später erreichte sie eine Stimme.
—Arabella.
Sie blieb stehen.
Alistair Montrose folgte ihm.
Und dieses Mal trug sie keinen Mantel, der sie vor seinem Blick hätte schützen können.
Sie hatte ihren Job verloren. Doch dafür hatte sie gerade die ungeteilte Aufmerksamkeit eines gefährlichen Mannes gewonnen.