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Kapitel 3

Das Montrose House sah nicht wie ein Gebäude aus. Es sah eher wie eine Warnung aus.

Es stand in einer eleganten Straße in der Neustadt, seine Fassade aus grauem Stein, seine Fenster hoch und seine schwarze Tür so poliert, dass Arabella ihr Spiegelbild darin zitternd erkennen konnte. Zwei eiserne Löwen bewachten den Eingang. Keiner von ihnen schien geneigt, eine Studentin mit abgetragenen Schuhen und einem übervollen Ordner passieren zu lassen.

Arabella schluckte.

„Es ist nur ein Treffen“, sagte er sich. „Man geht hinein, redet, geht wieder. Niemand stirbt.“

Der Portier öffnete die Tür, bevor sie sie berühren konnte.

—Miss Sinclair.

Es war keine Frage.

-Ja.

—Herr Montrose erwartet Sie.

Das hat nicht geholfen.

Die Lobby duftete nach gewachstem Holz, Leder und einem Hauch von Luxus. Alles dort schien darauf ausgerichtet, jeden daran zu erinnern, der nicht in diese Welt gehörte. Die Gemälde an den Wänden zeigten streng blickende Männer und Frauen, Generationen von Montroses, die selbst aus dem Jenseits noch missbilligend zu sprechen schienen.

Eine Assistentin in einem dunkelblauen Anzug geleitete sie zu einem privaten Aufzug.

—Herr Montrose bat mich, direkt nach oben zu gehen.

—Hat er gefragt?

-Ja.

Arabella umklammerte die Mappe.

Der Aufzug fuhr lautlos nach oben. Zu schnell. Zu elegant. Als sich die Türen öffneten, bot sich ihr ein riesiges Büro mit Blick auf das graue und majestätische Edinburgh. Hinter dem Glas verschwammen die Kuppeln und Dächer der Stadt im Regen.

Und dann sah er es.

Alistair Montrose stand mit dem Rücken zum Fenster. Er trug einen dunklen Anzug, der mit derselben Präzision maßgeschneidert schien wie seine Haltung. Er war nicht nur attraktiv. Er strahlte eine stille Gefahr aus, wie ein in Samt gehülltes Messer.

„Miss Sinclair“, sagte er, ohne sich umzudrehen.

Ihre Stimme war tief. Kontrolliert. Zu selbstsicher.

Arabella spürte, wie alle Sätze, die sie zwei Tage lang geübt hatte, ihren Körper verließen.

—Herr Montrose.

Er drehte sich um.

Die hellen Augen auf den Fotos wurden ihr nicht gerecht. In Wirklichkeit waren sie kälter, aufmerksamer, schwerer zu fassen. Arabella hatte das absurde Gefühl, er sähe nicht nur ihr Gesicht, sondern auch ihre Müdigkeit, ihre verborgene Armut und jede Unsicherheit, die sie zu verbergen suchte.

Alistair ging auf sie zu.

—Vielen Dank fürs Kommen.

—Vielen Dank für den Empfang.

Er streckte seine Hand aus. Arabella zögerte einen Moment, bevor sie sie annahm.

Der Kontakt war kurz, aber ausreichend, um seinen Puls in Turbulenzen zu versetzen.

—Arabella Sinclair—las er, als ob er den Namen prüfte—. Literatur. Dissertation über das Lesen von Kindern und die Entwicklung des frühen Lesevermögens.

-Ja.

—Ein anspruchsvolles Thema.

Sie hob ihr Kinn.

—Nicht nutzlos.

Etwas veränderte sich in seinem Gesichtsausdruck. Fast ein Lächeln. Fast.

—Das habe ich nicht gesagt.

—Er hat darüber nachgedacht.

Schweigen.

Arabella wollte ihre eigenen Worte am liebsten verschlucken.

Doch Alistair war nicht beleidigt. Im Gegenteil. Er schien sogar interessierter.

—Bitte nehmen Sie Platz, Miss Sinclair.

Sie gehorchte und öffnete mit kalten Händen die Mappe.

Die ersten paar Minuten sprach sie schnell. Zu schnell. Sie erklärte die Ziele, die Methodik, die Ergebnisse, die Hypothesen und die Autoren. Alistair unterbrach sie nicht. Er beobachtete sie nur, lehnte sich an die Tischkante und war so konzentriert, dass sie sich fühlte, als stünde sie am Rande eines Abgrunds.

„Atme“, sagte er plötzlich.

Arabella blieb stehen.

—Ich atme.

—Nicht genug.

Ihre Wangen röteten sich.

—Meine Dissertation benötigt keine medizinische Hilfe.

Diesmal lächelte er. Ein winziges, gefährliches Lächeln.

—Dein Argument ist stichhaltig. Du versuchst es nur hinter zu vielen Entschuldigungen zu verstecken.

Arabella blickte nach unten.

—Ich entschuldige mich nicht.

—Er tut es mit seiner Stimme.

Der Satz traf ihn tiefer, als er es eigentlich sollte.

Alistair nahm ein paar Seiten und überflog sie schnell.

—Hier. Dieser Teil. Er sollte so beginnen.

—Das war’s.

—Deshalb funktioniert es. Die Leser warten nicht bis zum Schluss, um zu entscheiden, ob es sie interessiert.

Arabella blinzelte.

Es war eine hilfreiche Kritik. Treffend. Ärgerlich.

—Spricht er/sie immer so?

-Sowie?

—Als ob er selbst dann Befehle erteilen würde, wenn er im Recht ist.

Er beugte sich kaum hinunter.

—Nur wenn mich jemand interessiert.

Die Luft veränderte sich.

Arabella fand das Büro zu klein.

„Meine These“, sagte er und versuchte, das Blatt zu wenden.

-Natürlich.

Doch Alistairs Blick war nicht mehr rein akademischer Natur.

Als das Treffen beendet war, schloss er die Mappe und gab sie ihr zurück.

„Sie haben Talent, Miss Sinclair. Verschwenden Sie es nicht, indem Sie so tun, als wüssten Sie es nicht.“

Arabella stand wankend auf.

-Danke schön.

—Wir werden uns wiedersehen.

Das klang nicht nach einer Möglichkeit.

Es klang nach einer Entscheidung.

Arabella verließ Montrose House, der Regen peitschte ihr ins Gesicht und ihr Herz raste.

Er war dorthin gegangen, um seine Dissertation zu verteidigen. Doch Alistair Montrose hatte mehr als nur seine Worte gefunden.
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