Kapitel 2
—Alistair Montrose ist keine Person, Bella. Er ist eine Institution in einem teuren Anzug.
Seraphina ging neben ihr über den Campus und konnte ihre Stimme nicht senken. Arabella hatte zehn Minuten lang versucht, Ruhe vorzutäuschen, und war dabei mit bewundernswerter Würde gescheitert.
—Vielen Dank. Das hilft sehr.
—Seiner Familie gehört die Hälfte Schottlands.
—Das ist rechtlich nicht möglich.
—Bei den Montroses, ganz bestimmt.
Arabella öffnete den Umschlag unter dem steinernen Torbogen mit Blick auf den Innenhof. Darin befand sich eine Karte mit Datum, Uhrzeit und Adresse.
**Montrose House. Freitag. 10:00 Uhr**
Kein Universitätsbüro. Kein neutraler Besprechungsraum. Montrose House. Der Geschäftssitz einer Familie, deren Nachname Bilder von antiken Porträts, teurem Whisky und Geheimnissen unter Perserteppichen heraufbeschwor.
„Ich werde mich lächerlich machen“, murmelte er.
—Sie werden nun Ihre These präsentieren.
—Genau. Akademischer Unsinn.
Seraphina stieß sie sanft mit der Schulter an.
—Du bist genial. Du musst nur so sprechen, dass es nicht so klingt, als würdest du dich für deine Existenz entschuldigen.
Das tat weh, denn es war wahr.
Nach dem Unterricht ging Arabella direkt ins Distelzimmer, das Café, in dem sie gerade angefangen hatte zu arbeiten. Es war ein wunderschöner Ort: goldene Lampen, dunkle Holztische, der Duft von Zimt und Gäste in Mänteln, die mehr kosteten als ihre Miete. Das Problem war Magnus, der Manager – ein Mann mit der Geduld einer verschlossenen Tür.
—Du bist drei Minuten zu spät—, sagte er, ohne Hallo zu sagen.
—Ich komme von der Universität.
—Kunden bezahlen nicht für Ihre Biografie.
Arabella holte tief Luft.
Ich brauchte diesen Job. Ich brauchte das Geld. Ich durfte am ersten Tag nicht die Beherrschung verlieren.
Vier Stunden lang servierte sie Kaffee, räumte Tische ab und lächelte Leute an, die ihr nicht in die Augen sahen. Als ihre Schicht zu Ende war, warf Magnus ihr ein Notizbuch zu.
—Morgen gibt es mehr Tabellen. Und lass dich nicht wieder von Notizen ablenken.
—Ich war nicht abgelenkt.
Er deutete auf den Ordner mit seiner Abschlussarbeit, der aus seiner Tasche herausragte.
—Du kommst hierher, um zu dienen. Nicht um zu träumen.
Arabella spürte den Schlag, ließ es sich aber nicht anmerken. Sie packte ihre Sachen und trat hinaus in die kalte Nacht.
Zuhause erwartete sie ein weiterer Kampf: Rechnungen auf dem Tisch, eine Nachricht von Mrs. Abernathy und eine Nachricht ihrer Mutter aus Glasgow, in der diese fragte, ob sie gut esse. Arabella antwortete, dass dem so sei.
Auch Lügen mit Zuneigung waren Lügen.
Sie machte sich ein Stück Toast, schlug ihre Dissertation auf und versuchte, sich zu konzentrieren. Doch der Name Alistair Montrose tauchte immer wieder auf, elegant und düster, wie ein Schatten auf der Seite.
Er suchte im Internet nach Informationen auf Seraphinas altem Computer, der nur funktionierte, wenn er Lust dazu hatte.
Die Fotos erschienen nur langsam.
Alistair Montrose auf einer Wohltätigkeitsgala. Alistair Montrose steigt aus einer schwarzen Limousine. Alistair Montrose mit Ministern, Geschäftsleuten und Erben von unvorstellbar prestigeträchtigen Familiennamen. Groß, ernst, tadellos gekleidet. Helle Augen. Ein markantes Kinn. Eine kühle, fast schon abweisende Schönheit.
Arabella schlug den Bildschirm zu.
—Nein. Nein, nein, nein. Ich werde vor diesem Mann nicht stottern.
Doch sein Spiegelbild im Fenster schien nicht überzeugt.
In jener Nacht schlief sie wenig. Sie träumte von steinernen Gängen, verschlossenen Türen und einer Männerstimme, die ihren Namen aussprach, als gehöre er ihm bereits.
Als er aufwachte, war Freitag.
Und Montrose House erwartete sie.
Das Problem war nicht die Begegnung mit Alistair Montrose. Das Problem war, dass er sie irgendwie zuerst gefunden zu haben schien.