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Kapitel 1

Arabella Sinclair öffnete die Augen, bevor der Alarm ertönte.

Das war schon ein schlechtes Zeichen.

Der Regen prasselte mit fast persönlicher Dringlichkeit gegen die Fenster ihrer kleinen Wohnung in Edinburgh, als wolle die ganze Stadt sie daran erinnern, dass dies kein gewöhnlicher Tag war. In einer Woche waren ihre Abschlussprüfungen vorbei. Dann kam der Studienabschluss. Und dann … die Realität mit ihren Rechnungen, der überfälligen Miete und jener unangenehmen Frage, die scheinbar jeder mit einem Lächeln stellte: Und was machst du jetzt mit deinem Leben?

Arabella wusste es.

Ich wollte mit Büchern arbeiten. Sie bearbeiten, mich für sie einsetzen, Geschichten entdecken, die es verdienten, gelesen zu werden. Ich wollte beweisen, dass Literatur ein Leben verändern kann, selbst das eines Kindes, das schwörte, es hasse Lesen.

Deshalb hatte ihn seine Dissertation zwei Jahre lang viele Stunden Schlaf, billigen Kaffee und eine Geduld gekostet, die er sonst nie im Überfluss besaß.

Das alte Handy vibrierte auf dem kleinen Tisch. Der Bildschirm blinkte dreimal, bevor Seraphinas Nachricht angezeigt wurde.

**Seid pünktlich. Heute vergibt Beaumont die begehrten Auszeichnungen.**

Arabella stöhnte und vergrub ihr Gesicht im Kissen.

—Großartig. Was gibt es Schöneres, als den Tag mit einer akademischen Drohung zu beginnen?

Sie sprang abrupt auf, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Der Spiegel neben der Tür zeigte ein passables, wenn auch nicht gerade schmeichelhaftes Bild: widerspenstige Locken, dunkle Ringe unter den Augen wie bei einer Studentin im letzten Studienjahr und eine Bluse, die schon zu oft gewaschen worden war. Sie band ihre Haare so gut es ging zusammen, steckte ihre Abschlussarbeit in eine Mappe und überprüfte ihre Tasche.

Wenige Münzen.

Es reicht für die Busfahrkarte. Nicht für ein anständiges Mittagessen.

—Perfekt, Arabella. Elegant, hungrig und fast schon Absolventin.

Im Flur wartete Mrs. Abernathy auf sie, als hätte sie ihre Angst schon von der anderen Seite der Tür gespürt. Die Hausbesitzerin trug ihren üblichen grauen Mantel und ein Lächeln, das ihre Augen nie erreichte.

—Miss Sinclair. Die Miete.

Arabella drückte die Mappe fest an ihre Brust.

—Ich bezahle dir den Rest heute Abend. Ich habe nach dem Unterricht ein Vorstellungsgespräch.

—Das hat er letzte Woche gesagt.

—Und diesmal wird es wahr sein.

Die Frau musterte sie von oben bis unten, mit einer Mischung aus Verachtung und Befriedigung.

—Das sollte sie auch. Edinburgh ist wunderschön, meine Liebe, aber es verzeiht denen nicht, die es sich nicht leisten können.

Arabella antwortete nicht. Mit zugeschnürter Kehle ging sie die Treppe hinunter und trat hinaus in den leichten Regen.

Die Universität von Edinburgh wirkte älter und feierlicher denn je. Ihre vom Wetter feuchten Steinmauern standen da, als hätten sie über Jahrhunderte hinweg über müde Studenten geurteilt. Seraphina Wycliffe erwartete sie am Eingang, makellos, als wagte es die Feuchtigkeit nicht, sie zu berühren.

„Du siehst aus, als ob du gleich den Krieg erklären würdest“, sagte Seraphina.

—Ich werde gleich wichtigen Fremden meine These präsentieren. Es ist ähnlich.

-Dramatisch.

—Arm. Das korrekte Wort ist arm.

Seraphina packte sie am Arm und zerrte sie in Richtung Klassenzimmer.

Professor Beaumont traf zehn Minuten später ein, mit seiner Ledermappe und der Ausstrahlung eines Mannes, der es genoss, Angst zu verbreiten. Er ließ mehrere Umschläge auf dem Tisch liegen.

—Jeder von Ihnen wird seine Forschungsergebnisse einem ausgewählten Experten präsentieren. Es handelt sich nicht um eine Übung, sondern um eine echte Bewertung. Ihre Gäste können Ihnen Türen öffnen … oder sie verschließen.

Arabella spürte, wie ihr das Herz in die Hose rutschte.

Die Namen tauchten nach und nach auf. Professoren, Redakteure, Kritiker, Anwälte. Seraphina empfing einen Kulturdirektor aus Glasgow und applaudierte beinahe vor Begeisterung.

Dann blickte Beaumont Arabella an.

—Miss Sinclair.

Sie stand auf.

—Ja, Professor.

Er überreichte ihr einen schwarzen Umschlag, der dicker war als die anderen.

—Sie werden Herrn Alistair Montrose sehen.

Einen Augenblick lang herrschte Stille im Klassenzimmer. Dann zersprang das Gemurmel wie Glas.

Seraphina öffnete ihre Augen.

Arabella blickte auf den Umschlag hinunter.

Der in silberner Tinte geschriebene Name schien zu wichtig, als dass er in seinen Händen sein sollte.

**Alistair Montrose.**

Und plötzlich wusste Arabella, dass ihr Leben soeben eine Wendung genommen hatte, von der sie vielleicht nicht mehr zurückkehren könnte.

Denn manche Namen öffnen keine Türen, sondern schließen sie hinter dir.
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