Kapitel 2
Auroras POV
„Was soll das heißen, du bist ‘fertig’?“
Seine Stimme war scharf genug, um durch Fleisch zu schneiden.
„Widersetzt du dich mir jetzt ernsthaft, Aurora?“
Alaric hatte es schon immer gehasst, wenn ihm jemand widersprach.
Und dass ausgerechnet ich es wagte, mich ihm entgegenzustellen, für ihn war das eine offene Provokation, die er unmöglich ignorieren konnte.
Sein Blick fiel auf die Unterlagen in seiner Hand.
Dann sah er mich mit verzerrter Miene wieder an.
„Was soll dieser Mist überhaupt?“ Seine Stimme troff vor Verachtung. „Du verdrehst wirklich alles.“ Er lachte kalt. „Du sahst überhaupt nicht krank aus!“ Seine Augen wurden finster. „Plötzlich hast du dich an mich geklammert, als würdest du gleich sterben, nur damit ich Schuldgefühle bekomme.“
Jedes einzelne Wort traf wie ein Dolch.
Ohne Zögern.
Ohne Rücksicht.
In seinen Augen war ich nichts weiter als eine Lügnerin.
Eine Belastung.
Ein Fehler, den er niemals hätte an sich binden sollen.
Doch ich hatte ihn nie angelogen.
Nicht ein einziges Mal.
Verdiente ich wirklich so eine Behandlung?
Vielleicht glaubte er das tatsächlich.
Ich biss mir fest auf die Innenseite der Wange und schwieg.
Erklärungen waren sinnlos.
Er hatte mir nie zugehört.
Nie geglaubt.
Damals nicht.
Und heute erst recht nicht.
Meine Brust schmerzte heftig, doch ich zwang mich, nicht zusammenzubrechen.
Ich brauchte nur seine Unterschrift.
Mehr spielte keine Rolle mehr.
Alaric stieß genervt die Luft aus und sah mich mit seinen eiskalten mitternachtsblauen Augen an.
Dieselben Augen, die ich einst so sehr geliebt hatte.
Dieselben Augen, in denen ich fünf lange Jahre verzweifelt nach Wärme gesucht hatte.
Nach irgendeinem kleinen Zeichen von Zuneigung.
Einem Funken.
Irgendetwas.
Doch alles, was ich jemals fand, war Frost.
Die Wärme, die er früher besessen hatte, war verschwunden, von einem Tag auf den anderen.
Ohne Erklärung.
Ich hatte alles gegeben, nur um von ihm wahrgenommen zu werden.
Geliebt zu werden.
Verdammt, selbst bloße Duldung hätte mir damals gereicht.
Doch alles, was ich zurückbekam, war Schmerz.
Endloser, tief bis in die Knochen reichender Schmerz.
„Ich bin für eine Woche weg.“
Seine Stimme blieb gleichgültig, während er einfach an mir vorbeiging, als wäre ich bloß irgendeine Fremde im Flur.
Er warf kaum noch einen Blick auf die Unterlagen in seiner Hand, hob sie nur kurz an —
doch genau in diesem Moment begann sein Handy zu klingeln.
Sein gesamter Ausdruck veränderte sich augenblicklich.
Sorge flackerte sofort in seinen Augen auf.
Ich musste nicht einmal nachsehen.
Es war Mirelle.
„Ich muss dringend etwas erledigen.“
Er sprach hastig weiter, während er sich bereits halb von mir abwandte, als existierte ich überhaupt nicht mehr.
„Unterschreib erst.“
Allein meine Stimme hielt ihn noch einmal auf.
Alaric zog die Stirn zusammen.
„Kann das nicht warten?“
„Nein.“
Meine Antwort kam sofort.
„Das hier ist doch genau das, was du immer wolltest.“
Sein Kiefer spannte sich sichtbar an.
Sein Blick wanderte zwischen mir und dem ständig klingelnden Handy hin und her.
Schließlich biss er genervt die Zähne zusammen, riss mir den Stift aus der Hand, kritzelte seine Unterschrift hin, ohne auch nur einmal auf die Unterlagen zu sehen und drückte sie mir wieder zurück.
„Da.“ Seine Stimme klang gereizt. „Zufrieden?“
Mehrere Seiten rutschten aus dem Stapel und flatterten zu Boden.
Doch Alaric schenkte ihnen nicht einmal einen Blick.
Im nächsten Moment verwandelte er sich bereits und raste direkt zu ihr.
Ich starrte auf die verstreuten Papiere zu meinen Füßen, während meine Sicht langsam verschwamm.
Er hatte nicht einmal gefragt, was er überhaupt unterschrieben hatte.
Das Ende unserer Ehe.
Die Auflösung unserer Gefährtenbindung.
Ein bitteres, dünnes Lachen entwich mir, während ich langsam in die Hocke ging und die Seiten einsammelte.
Selbst jetzt tat es noch mehr weh, als ich zugeben wollte.
Genau in diesem Moment vibrierte mein Handy erneut.
Doch es war nicht sein Name.
Natürlich nicht.
Ich nahm den Anruf an.
„Ist es erledigt?“
Die tiefe, autoritäre Stimme am anderen Ende ließ mir augenblicklich einen Schauer über den Rücken laufen.
Ich schluckte schwer.
„Ja.“ Meine Stimme blieb leise. „Wie versprochen.“ Kurz hielt ich inne. „Ich breche mein Wort nicht.“
„Gut.“
Seine Stimme war ruhig, doch darunter lag kalter Stahl.
„Um deinetwillen hoffe ich, dass du es diesmal ernst meinst, Kiki.“ Seine Stimme wurde dunkler. „Lügen dulde ich nicht.“ Kurze Pause. „Du hast eine Woche.“
Ich umklammerte mein Handy fester.
„Zwei Wochen.“ Meine Stimme wurde leiser. „Gib mir nur zwei Wochen.“
„Das war nicht unsere Abmachung.“
Enttäuschung lag deutlich in seinem Ton.
„Bitte, Val …“ Ich schloss kurz die Augen. „Nur zwei Wochen.“ Meine Stimme zitterte leicht. „Danach gehöre ich dir.“ Schwer atmend fügte ich hinzu: „Ich schwöre es.“
Stille.
Schwer und drückend.
Jede einzelne Sekunde schabte an meinen Nerven.
„Hörst du mich?“
Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Val stieß langsam die Luft aus.
„Wie könnte ich dich nicht hören?“ Kurze Pause. „Na schön.“ Seine Stimme wurde ruhiger. „Zwei Wochen.“
Erleichterung durchströmte mich augenblicklich.
„Danke.“ Ich schloss kurz die Augen. „Ich muss nur noch etwas beenden, bevor ich gehe.“
„Ich hoffe nur, dass diese letzte Bindung, an der du dich noch festklammerst, dich nicht endgültig zerstört.“
Danach brach die Verbindung ab.
Für einen Moment starrte ich einfach reglos ins Leere, bevor ich langsam die Augen schloss.
Ich hatte geglaubt, wegzugehen würde leicht werden.
Doch diesen Ort zu verlassen, den Ort, der mir weit mehr Tränen als Geborgenheit geschenkt hatte — war schwerer, als ich je erwartet hätte.
Wenn Val damals nicht da gewesen wäre … wäre heute vielleicht tatsächlich mein Todestag geworden.
Er war derjenige gewesen, der mich gefunden hatte, als ich Alaric verzweifelt angefleht hatte zurückzukommen.
Derjenige, der bei mir geblieben war.
Derjenige, der mich gerettet hatte.
Immer war es Val gewesen.
Und jetzt …
hatte ich mein Schicksal endgültig besiegelt.
Zum ersten Mal entschied ich mich für mich selbst.
Ich hatte es verdient zu leben.
Ich hatte Frieden verdient.
Zwei Wochen.
Nur noch zwei letzte Wochen, um die Überreste dieses Lebens vollständig herauszureißen —
die Erinnerungen zu verbrennen, jede Verbindung zu kappen und sämtliche Brücken hinter mir endgültig niederzubrennen.
Während ich die letzten Dinge aus meinem Leben mit Alaric zusammenpackte, vibrierte mein Handy erneut.
Für einen kurzen Moment dachte ich, es wäre Val.
Doch ich irrte mich.
Es war sie.
Meine Mutter.
„Hallo?“
Das Wort fühlte sich fremd auf meiner Zunge an.
Ich hatte sie seit Jahren nicht mehr „Mutter“ genannt.
Nicht seit jenem Tag vor fünf Jahren, an dem sie mir direkt ins Gesicht gesagt hatte, dass sie es bereute, mich als Tochter zu haben.
Dass Mirelle für sie die einzige wahre Tochter sei.
Und das alles nur wegen einer zerbrochenen Saphirkette, einem Familienerbstück, das Mirelle selbst zerstört hatte.
Doch als ich versucht hatte, mich zu erklären, war ich erneut als Lügnerin abgestempelt worden.
„Wo bist du?“
Ihre Stimme war eiskalt und voller Ungeduld.
„Weißt du überhaupt noch, was heute für ein Tag ist?“
Keine Wärme.
Keine Zuneigung.
Nie für mich.
Aber für Mirelle?
Immer.
Ungerecht?
Absolut.
Denn ich war ihre echte Tochter.
Die Tochter, die sie niemals lieben konnte.
