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Kapitel 5

Das Feuer knisterte im Kamin.

Schließlich schüttelte er den Kopf, ein zerissener Ausdruck huschte über sein Gesicht.

"Es tut mir leid, Erika."

Er wich meinem Blick aus.

"Ich habe ihr versprochen... versprochen, dass ich heute Abend mit ihr verbringe. Der Kampf... ein andermal, ja? Ein andermal, ich schwöre, ich zeige es dir."

Er warf einen Blick auf die auffällige Damenuhr an seinem Handgelenk, Evelyns? Oder ein Geschenk von ihr? Seine Stimme überschlug sich, ungeduldig.

"Ich muss los. Sie... sie wartet."

"Das Essen ist in der Küche. Die Suppe müsste fertig sein. Iss früh. Warte nicht auf."

Er beugte sich herunter und versuchte, mir einen Abschiedskuss auf die Stirn zu drücken.

Ich wandte den Kopf ab.

Seine Bewegung erstarrte in der Luft. Er sah mich an, ein unergründliches Flackern in seinen Augen.

Am Ende sagte er nichts. Drehte sich nur um, schnappte sich seinen Mantel vom Sofa und eilte hinaus.

Das Geräusch des Motors verklang, und das Anwesen kehrte zur Stille zurück.

Ich stand da und starrte auf den Strauß roter Rosen, der am Kamin zurückgeblieben war.

So schön. So leidenschaftlich. Wie ein großartiger, grausamer Witz.

Ich wusste nicht, wie lange ich so dastand, bevor ich schließlich die Treppe hinaufstieg. Ich ging nicht in die Küche. Ich rührte den Topf Suppe nicht an, den er so sorgfältig zubereitet hatte.

Stattdessen öffnete ich eine verstaubte Schachtel, die tief hinten im begehbaren Kleiderschrank versteckt war.

Darin, ordentlich gefaltet, lag ein Ballettoutfit, einst auf der Bühne getragen, als ich Giselle tanzte, unter Charles' anbetenden Blicken.

Ich zog das Kostüm an.

Einige Teile passten nicht mehr ganz richtig.

Die Frau im Spiegel sah müde aus. Ihre Wangen waren eingefallen.

Sie war nicht mehr die strahlende Churchill-Erbin, die einst Charles mit einer einzigen Vorstellung in ihren Bann gezogen hatte.

Trotzdem band ich mir die Haare sorgfältig hoch.

Dann stieg ich allein in den Keller des Anwesens hinab, in den alten Trainingsraum.

Ich holte mein Handy heraus und verband es mit dem Bluetooth-Lautsprecher.

Die Musik begann. Dasselbe Giselle-Stück von vor Jahren.

Meine Augen füllten sich mit Tränen.

Ich atmete tief ein.

Und ich begann zu tanzen.

Drehungen, Sprünge, Kicks, Streckungen.

Jede Bewegung trug die volle Wucht von sieben Jahren Bitterkeit, Wut, Widerwillen und Liebe, mit jedem Schritt in die Luft geworfen.

Schweiß durchnässte schnell meinen Rücken.

Meine Atmung wurde unregelmäßig, meine Lungen brannten.

Aber ich hörte nicht auf.

In diesem leeren Trainingsraum tanzte ich das letzte Stück für eine Liebe, die längst gestorben war, für einen Jungen, der nie zurückkehren würde.

Als die Musik verstummte, brach ich auf die Knie, erschöpft.

Keuchend blickte ich in den Spiegel auf.

Die Frau lächelte.

Es war vorbei.

Charles.

Dieser Tanz war der letzte.

Ebenso unsere zehn Jahre.

Ich taumelte auf die Füße, zog das Ballettoutfit aus und warf es wie Müll beiseite.

Ein kalter Luftzug streifte mich. Ich zitterte, aber mein Verstand war nie klarer gewesen.

Zurück im Wohnzimmer sah ich auf die Uhr: 3:00 Uhr morgens.

Das Telefon war still. Keine verpassten Anrufe. Keine Nachrichten.

Er war wirklich nicht zurückgekommen.

Ich startete den Wagen und fuhr direkt Richtung Seattle-Tacoma International Airport.

In der Ferne dehnten sich die Flughafenlichter zu einer kalten, gleißenden Linie.

Ich parkte, beugte mich zum Beifahrersitz hinüber und nahm den kleinen Koffer, den ich vor Tagen gepackt hatte. Daneben lag eine Mappe mit einem neuen Reisepass und einem Flugticket.

Ziel: Paris. Flughafen Charles de Gaulle.

Abflugzeit: 5:15 Uhr morgens.

Ich warf einen letzten Blick auf meinen Handybildschirm.

Der Sperrbildschirm zeigte ein Foto von uns mit achtzehn.

Bei unserem Abschlussball hatte er einen gemieteten Smoking getragen, der nicht ganz passte. Ich trug ein schlichtes weißes Kleid. Wir grinsten in die Kamera, sorglos und mit großen Augen.

Ich streckte einen Finger aus und tippte sanft auf den jungen, übermütigen Charles auf dem Bildschirm.

Dann schaltete ich das Telefon aus, entfernte die SIM-Karte, brach sie entzwei und warf sie in einen Mülleimer am Straßenrand.

Ich zog den Koffergriff hoch und ging in die helle, leere Abflughalle des Flughafens, ohne zurückzublicken.

Auf Wiedersehen, Seattle.

Auf Wiedersehen, Charles.

Für immer auf Wiedersehen.

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