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3. Tag

Du folgst der Elfe in den Flur und siehst plötzlich ein Huhn.

Die Elfe geackert und umflattert das Huhn, das in einer halboffenen Tür verschwindet.

Du drückst die Tür auf und stöhnst leise auf.

Ein weiter Raum der Weihnachtlich geschmückt ist und einen Weihnachtsbaum enthält.

Doch dieser Raum ist anders, es ist nicht das Wohnzimmer deiner Eltern, sondern das deiner anderen Oma.

Du trittst näher und betrachtest den Baum und den Raum.

In der Krippe unter unserem Weihnachtsbaum liegt ein schwarzes Jesuskind und daneben steht ein Huhn.

Nun, das Christkind ist nicht wirklich schwarz. Es hat nur ein verbranntes Gesicht.

"Warum im Stall in Bethlehem ein Huhn steht, das würde mich jetzt echt interessieren.”

Hörst du die Elfe engelsgleich singen und siehst das sie sich in der Krippe niedergelassen hat und die Gestalt eines Engels angenommen hat.

Während die Elfe noch unbeholfen ihren Heiligenschein richtet, erinnerst du die an dieses Weihnachtsfest.

“Weihnachten ist die Zeit der Besinnung und der fröhlichen Familienzusammenkunft.

Eigentlich …”, beginst du zu erzählen.

“Aber nicht dieses Jahr, denn dieses mal trifft sich die Familie, oder besser gesagt die ganze Familie, nur weil Weihnachten ist. Es reisten Verwandte, so wie wir die ja eigentlich in Belgien lebten an. Wir nahmen über 800 km in kauf, nicht weil sie es wollen, sondern weil wir es mussten, denn es Oma Franzis ausdrücklicher Wunsch, das sich die ganze Familie alle 2 bis 3 Jahre zu Weihnachten traf. Und in diesem Jahr war es wieder mal soweit.“

“Na da bin ich mal gespannt wie besinnlich das Fest wirklich wurde.”

Spottet die Elfe die jetzt ein Hirte ist und mit einen Plastik Scharf kuschelt.

Du erinnerst dich, dass der Heilige Abend damit begann, dass der Baum geschmückt wurde.

Dieser wurde am Vorabend bereits aufgestellt.

Oma Franzis bestand immer darauf das der Baum nicht größer als 120cm war.

Das ganze lang an einer Geschichte aus alten Kriegstagen oder danach. So genau hattes du nie zugehört, wenn sie diese Geschichte erzählte.

Jedenfalls hatte man damals wohl keinen anderen Baum und wenn man den familiären Chroniken glauben schenken durfte, war es wohl das glücklichste Weihnachtsfest aller Zeiten.

Deine Oma erzählte immer wieder davon, dass sie damals als Kind Äpfel geschenkt bekamen und welch ein Schatz das in der damaligen Zeit doch war. Auch dass sie sich eigentlich nur auf den bunten Teller freute, den ihre Mutter immer aus den wenigen Dingen, die sie hatte, liebevoll herrichtete. Plätzchen, Nüsse und verschiedene Süßigkeiten, ja sogar Marzipan zauberte sie in jenen Tagen, die Oma immer als die schlechte Zeit bezeichnete.

Oft hast du dir das selber in diese Zeit gewünscht, denn du würdest auch gerne mal ein wirklich besinnliches und glückliches Weihnachten erleben. Die meisten Heiligabende endeten in dieser Familie, endeten immer in einem Desaster.

Es wurde zu viel getrunken und danach fühlte man sich meistens stark genug, den anderen mal gehörig die Meinung zu sagen.

Das diese Abende nicht in Schlägereien oder Mord und Totschlag endeten, ist ein wahres Wunder.

“Doch in diesem Jahr wollte man auf Schnaps am Weihnachtsabend verzichten”, rief die Elfe und winkte mit einer Schnapsflasche.

“Denn man hatte schon längst herausgefunden, dass die Wurzel allen Übels diverse selbstgebrannte Alkoholika waren, welchen zu gegebener Zeit gereicht und vertilgt wurden."

Diesen letzten Satz könntest du kaum verstehen, weil er in einen lauten Rülpser der Elf unterging.

“Ja, richtig, man bereitet sich also wie jedes Jahr auf ein turbulentes Weihnachtsfest vor, hoffte aber das Beste”, sagst du und starrst immer noch auf das Herumlaufende Huhn.

“Der immer noch ca. 120cm große Baum wurde also am Vorabend aufgestellt?”, nahm die Elfe den Faden wieder auf.

Ja, auf einen wackeligen kleinen Tisch, damit er größer wirkte. Die Abstellfläche des Tisches wurde mit einer aufgelegten Holzplatte vergrößert, damit die Krippe unter dem Baum Platz finden konnte. Über diese Platte und den Tisch wurde eine schon sehr alte, aber saubere und gepflegte Zeltplane gelegt, um dieses Tisch Provisorium zu verstecken. Dieses Tuch stammte noch aus der schlechten Zeit und aus den Militärbeständen meines Opas.”

Du erinnerst dich, dass es in einer Art Tarnmuster bedruckt war, was dem Stall zu Bethlehem den Eindruck verlieh, als stünde er auf einer Art Waldboden oder auf einer Wiese.

“In der alten schlechten Zeit war das bestimmt ein Hingucker und angebracht, da man ja nichts hatte, aber heute regte sich meine Mutter seit Jahren immer wieder darüber auf. Sie hasste diese alte Tarnplane.”

Aber solange Oma lebte und das Sagen hatte, blieb sie Teil des Weihnachtsfestes, der Krippe und des Weihnachtsbaums. Es war ja nur alle paar Jahre und dann nur einmal im Jahr, das bei Oma Franzis Weihnachten gefeiert wurde. Die Tarndecke gehörte halt zu Weihnachten dazu, wie das Lametta, die Kerzen und Kugeln.

Unter dem Baum stand eine Krippe, die ihres Gleichen suchte.

Ein kleiner selbstgebauter Stall, mit Stroh, Moos, rustikalen Eichenbalken und anderen Deko-Kram, in diesem Stall standen uralte und seit Anbeginn der Zeit existierende Krippenfiguren. Maria, Josef und in einer Krippe das Jesuskind.

Draußen vor dem Stall warteten drei Hirten und fünf Schafe. Auch gab es drei Könige. Diese waren nicht alt, sie wurden in den 1970ern mal dazu gekauft und wirkten irgendwie fehl am Platz da sie modern, aus Plastik und viel bunter waren als die Uralten aus Holz geschnitzten anderen Figuren.

Deswegen standen diese drei auch etwas Abseits. Besser gesagt, sie standen am Rand des Tisches, weit ab vom Schuß.

Das hatte nichts damit zu tun, dass sie hässlich waren, nein, sie kamen ja erst am 6. Januar an und so wollte man aussagen, dass sie ja noch unterwegs waren.

Wie auch immer, der Baum wurde auf das Tischchen gestellt, geschmückt und die Krippe aufgestellt.

“Oh, oooh, eine echte offene Flamme direkt vor der Krippe? Recht praktisch und dekorativ”, meinetwegen die Elfe die jetzt an dem Feuer saß und in einem Stock einen Marshmallow röstete.

“Eine extra für diesen Zweck angeschaffte kleine flache Öllampe, die hin und wieder nicht nur flackerte, sondern auch ruste. Sie wurde morgens und abends neu befüllt und brannte bis zum sechsten Januar durch”, sagt du und verscheucht mit einer Handbewegung die Elfe vom Feuer.

Gedankenverloren schaust du dich im Zimmer um, so als wartst du auf die Ankunft der Verwandtschaft.

Du blickst auf eine Kerze, die wie im Zeitraffer abbrennt und plötzlich wird es draußen dunkel. Es ist später Nachmittag und plötzlich treffen die Verwandten ein.

Die wenigsten konnten sich gegenseitig leiden, machten aber eine Gute Mine zum sonst langweiligen und bösen Spiel, das Familientreffen hieß. Schließlich traf man sich ja nur alle 2 bis 3 Jahre hier und bestimmt auch nur noch solange Oma Franzi lebte.

Alle waren da - bis auf ein Onkel, Onkel Börny.

Man wartete zunächst noch auf Onkel Börny, doch dann beschloss man ohne ihn zu beginnen.

Es wurde Kartoffelsalat mit Würstchen gereicht.

Meine Güte, wie du das gehast hast. Es war Weihnachten und da gab es zur Feier des Tages ein Menü das man an jeder Pommesbude das ganze Jahr über bekam.

Auf Bescherung und Geschenke wurde seit Jahren verzichtet, die gab es nur noch für die Kinder und da du das einzige warst, war dieser Punkt schnell abgehakt.

Die Stimmung war trotz, oder eben wagen des Schnapsverbots recht gut.

Die einzige die sich Sorgen machte war Tante Trulla. Sie wartete ungeduldig auf Börny. Da er ein frisches Suppenhuhn mitbringen sollte.

Dieses sollte nämlich Tante Trullas weihnachtliche Vorsuppe zum Festmahl am ersten Feiertag verfeinern.

Gegen 20.00 Uhr klingelte es dann und Onkel Börny traf ein.

“Hast du an das Huhn gedacht?” fuhr ihn Tante Trulla sofort an.

“Ja - dir auch frohe Weihnachten und einen schönen Abend.” lacht er. Er war sichtbar leicht angetrunken und schwankte einen selbstgebauten Käfig aus Weidenstecken. In dem ein lebendes Huhn flatterte.

“Hier ganz frisch, das schlachte ich morgen früh schnell in der Waschküche, frischer geht es bestimmt nicht in die Suppe.”

Alle starrten auf den Käfig und das riesige Huhn, das darin gackerte.

“Du bist ja verrückt, ausserdem bist du betrunken, was hatten wir in Sachen Schnaps für dieses Jahr ausgemacht?”, stieß Tante Trulla aus und schubste Börny, der direkt vor ihr stand und den Käfig unter die Nase hielt, leicht weg.

“Stop,Stop,Stop, dein Onkel brachte ein lebendes Huhn mit?”, unterbrach die Elfe, die jetzt eine Schürze und eine Kochmütze trug die Szene, indem sie die Zeit mit einer Handbewegung anzuhalten schien.

“Ja das hatte er, die Familie war darüber nicht sehr begeistert. Ich fand das toll, auch wenn ich nicht wollte, dass es am nächsten Tag geschlachtet werden sollte", sagt du.

Die Elfe schüttelte nur den Kopf und schnippte mit den Fingern, worauf hin die Zeitwiederzufließen begann.

Dieser kleine Schubs, den Tante Trulla Börny verpasste, war für ihn , der schon sehr angetrunken war, zu viel.

Er taumelte.

Ruderte mit den Armen und konnte gerade noch ein “Oh, Oh!” rufen, bevor er der Länge nach hin schlug.

“So habe ich das gar nicht in Erinnerung”, murmelst du.

“So hat es sich aber abgespielt”, ruft die Elfe die jetzt wie ein Feuerwehrmann gekleidet ist.

“Was nun folgte, geschah in nur wenigen Sekunden”, sagte die Elfe und die Zeit schien jetzt in Zeitlupe abzulaufen.

Der Käfig schlug gegen die Türzarge und löste sich auf.

Jetzt machte sich Panik breit, denn das Huhn flatterte in einem Hohen Bogen auf die immer noch festlich gedeckte Tafel.

Es landete in er halbleeren Schüssel mit Kartoffelsalat.

Während sich einige der Verwandten vor Lachen nicht mehr bewegen konnten, verfielen andere in eine Art Schockstarre.

Nur Tante Trulla versuchte kreischend das flatternde Huhn, das bei der Landung die Schüsse umgeworfen und ausgeleert hatte und jetzt über den Tisch rannte, einzufangen.

In diesem Augenblick erhob sich Börny stöhnend und versuchte aufzustehen.

Mein Vater reichte ihm lachend die Hand, um ihm aufzuhelfen, doch Onkel Börny verweigerte dieses und zog sich stattdessen am Tischtuch hoch.

Oder besser gesagt, er versuchte es.

Jetzt schrien alle panisch laut auf, denn das gute Geschirr wanderte durch die Börnys Aufstehversuch deutlich in Richtung Tischkante.

Auch das Huhn sah sich jetzt, durch die sich bewegende Tischdecke, das wandernde Porzellan und Trullas lauter werdendes Geschrei, genötigt einen weiteren Fluchtversuch zu unternehmen.

Es gackerte laut los und flog im Hohen Bogen los.

Jetzt beruhigten, oder lösten sich alle aus ihrer Schockstarre und rannten panisch durcheinander, es wurde geschrien, gefuchtelt und versucht zu retten, was zu retten war.

Das Geschirr hatte sich für den Moment entschieden, sich noch nicht vom Tisch zu stürzen, da die Wanderung der Tischdecke durch zwei weitere Familienmitglieder aufgehalten wurde.

Eine Tante und meine Mutter zogen auf der einen und Onkel Börny auf der anderen Seite.

“Was jetzt kommt, werde ich nie vergessen” sagst du und starrst gebannt auf das Geschehen.

Während das Huhn zunächst auf Omas Kopf landete, wo es von ihrem Bruder verscheucht wurde, um nur knapp einem Fangversuch in der Luft, der Cousine meiner Mutter zu entgehen.

Das Chaos regierte.

Krachend hatten jetzt doch Teile des Porzellans entschieden, sich vom Tisch zu stürzen.

Doch bevor irgendwer registrieren konnte, was da gerade geschah, segelte ein Vetter mütterlicherseits durch die Luft und versuchte, das Huhn mit einer Torwart-artigen Glanzparade davon abzuhalten, im Weihnachtsbaum zu landen. Doch der Vetter war kein Torwart und er landete krachend neben dem kleinen Tisch, auf dem der Weihnachtsbaum stand.

Das Huhn saß jetzt triumphierend in der Weihnachtsbaumspitze.

Der Baum wackelte.

Der sich jetzt wieder aufrichtende Vetter machte den entscheidenden Fehler.

Er stützte sich auf eine Ecke des vermeintlichen Tisches, auf dem der Weihnachtsbaum immer noch wackelte.

Im selben Moment machte sich das Huhn zu einem weiteren Flugversuch auf, kam aber nicht mehr dazu, da sich besagter Vetter jetzt mit vollem Gewicht auf die Platte auf dem der Baum stand stützte.

Der Baum kippte.

Der Vetter ging erneut zu Boden und bekam jetzt die hochschließende Platte sammd Plane an den Kopf gedonnert.

Der Baum landete krachend auf den Resten der Festtafel.

Mehr Panik, mehr Geschrei, wilde Flüche und auch helles Gelächter machten sich breit.

Die Krippe wurde unter dem Baum begraben, zwei Könige verloren ihre Köpfe, das echte Lagerfeuer entzündet den Baum und es loderten sofort einige Flammen auf.

Panisch rannte die Familie durcheinander, das Huhn rannte jetzt zwischen den Füssen der anwesenden umher.

Am Boden in einem Haufen aus Geschirr und Kartoffelsalat lag Onkel Börny und versuchte immer noch aufzustehen. Während der Vetter jetzt auf allen Vieren, hinter dem Huhn herjagte.

Dabei verlor der dritte und letzte König sein Leben, den er hielt dem Druck eines Fußes der auf ihm lastete nicht stand.

“Feuer! Feuer!” rief jetzt Tante Trulla und stand wie angewurzelt da und starrte auf den Baum der langsam immer mehr Feuer fing.

In dem ganzen Chaos hörte man immer noch das helle Lachen eines Mannes, der als dritter oder vierter Mann einer meiner Tanten mal in die Familie eingeheiratet hatte.

Er hatte einen weißen Bart und wirkte wie der Weihnachtsmann persönlich.

Beherzt griff er die alte Plane und warf sie über den immer stärker brennenden Baum.

So erstickte er die Flammen und das Wohnzimmer hüllte sich in grauen Raum.

Wenige Minuten später traf die Feuerwehr ein.

Irgendjemand hatte sie in dem ganzen Chaos gerufen und es wurde ein uns Vortrag über echte Kerzen am Baum gehalten, wenn es doch nur so gewesen wäre.

Dann starrten alle auf das Trümmerfeld in dem immer noch laut gackernd das Huhn umher lief.

Das Porzellanservice war zu größten Teil kaputt.

Der Stall zu Bethlehem halb verbrannt.

Die drei heiligen Könige tot. Zwei ohne Kopf und einer total zerquetscht.

“Zeitpunkt des Todes, 20.27 Uhr”, sagte die Elfe die in einem Arztkittel über den Resten des zerquetschen Königs knite und ein Stetuskop in der Hand hielt.

Du schaust sie nur an und schütteltst verständnislos den Kopf.

Josef hatte einen Arm verloren und das Jesuskind hat jetzt ein verbranntes schwarzes Gesicht.

Maria warohne Schade davon gekommen.

Die alte Militärplane hatte ebenfalls wie die Tischdecke Brandflecken, beide landeten im Müll.

Opa trauerte der Decke nach, denn sie haben ihm, damals im Krieg, mal das Leben gerettet.

Als Oma Franzi weniger Monate später starb, fandest du die Reste der Krippe, sowie die überlebenden Figuren in einer Schachtel und nahmst sie mit nach Hause.

Die angebrannte Krippe wurde notdürftig repariert.

Josefs Arm wurde nicht gefunden und so blieb er eben der einarmige Jupp.

In der Krippe liegt das Jesuskind mit dem schwarzen Gesicht immer noch.

Hirten und Schafe sind immer noch wohlauf und die drei Könige wurden von dir, als Kind, schnell durch eine Karawane der Safarie Edition von Playmobile ersetzt.

Deine Eltern beschlossen, noch auf der Rückreise nie wieder mit der gesamten Familie Weihnachten zu feiern.

Und das Huhn?

Ja, das Huhn landete nicht in der Suppe, sondern bekam zwei Gefährten und sein Gnadenbrot im Garten, wo es noch lange lebt.

Heute erinnert an diesen Vorfall nur noch ein kleines sehr echt aussehendes Gummihuhn der Firma Schleich, das deine Mutter als Andenken an dieses Ereignis und natürlich Omas Franzi mal gekauft und dazu gestellt hat. Es steht neben dem Jesuskind mit dem schwarzen Gesicht in der Krippe und dem einarmigen Josef.

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