Kapitel 2
Die schwarze Maybach wartete genau dort, wo es in der Nachricht stand.
Ein silberhaariger Mann in makellosem Anzug hielt die Tür auf. „Verona. Ich bin Joseph, der Hausverwalter deiner Großmutter. Sie hat dich erwartet.“
„Woher wusste sie, dass ich sie heute Nacht brauchen würde?“
Josephs Gesicht blieb neutral. „Frau Castellano weiß alles, was ihre Familie betrifft. Sie hat über dich gewacht, seit du geboren wurdest.“
Ich glitt auf den Ledersitz, immer noch wie betäubt. Das Auto fuhr von dem Gebäude weg, das ich fünf Jahre mit Tim geteilt hatte. Von dem Leben, von dem ich dachte, ich hätte es aufgebaut.
„Sie hat gewacht“, sagte ich ausdruckslos. „Aber nie den Kontakt gesucht. Nicht als meine Mutter starb. Nicht als mein Vater alles verlor. Nicht als ich drei Jobs gleichzeitig hatte, um zu überleben.“
„Frau Castellano hatte ihre Gründe. Sie wird sie erklären.“
Die Fahrt führte uns aus der Stadt, über kurvenreiche Straßen, an abgesperrten Villen vorbei, die immer größer und bedrohlicher wurden, bis wir ein Anwesen erreichten, das alle wie Bedienstetenquartiere aussehen ließ.
Das Castellano-Anwesen erstreckte sich über gut hundert Morgen. Das Haupthaus war im europäischen Barockstil - lauter Marmorsäulen und vergoldete Fenster - und doch wirkte es nicht protzig. Es wirkte wie Macht, die sich in Stein verwandelt hatte.
Joseph führte mich durch Flure, gesäumt von alten Meistern und frischen Blumen. Bedienstete in knappen Uniformen verbeugten sich, als wir vorbeigingen. Alles roch nach Geld, das älter war als meine Großeltern.
Und dann erreichten wir das Arbeitszimmer.
Sie war kleiner als erwartet. Zierlich. Ihr weißes Haar war zu einer eleganten Hochsteckfrisur aufgenommen, und ihr schwarzes Kleid war schlicht, aber exquisit geschnitten. Sie saß hinter einem massiven Eichenschreibtisch und beobachtete mich mit Augen, die genau den gleichen Grünton hatten wie die meiner Mutter. Wie meine.
„Verona.“ Ihre Stimme war stärker, als ihr zierlicher Rahmen vermuten ließ. „Setz dich.“
Ich setzte mich.
„Du siehst ihr ähnlich. Wie meine Isabella.“ Einen Moment lang zeigte ihre Fassung Risse. Dann war sie zurück, hart wie Granit. „Ich habe dich jahrelang leiden sehen, Verona. Gesehen, wie diese Schlange, die du geheiratet hast, dich ausgesaugt hat. Gesehen, wie deine Schwester wie ein Geier über dir kreiste.“
„Warum dann -“
„Weil ich sehen musste, woraus du gemacht bist.“ Sie beugte sich vor. „Jeder kann stark sein, wenn das Leben leicht ist. Ich musste wissen, ob du Castellano-Blut in den Adern hast. Ob du Verrat überstehen kannst, ohne daran zu zerbrechen.“
„Gratulation.“ Meine Stimme klang bitter. „Ich habe deinen Test bestanden. Mein Mann fickt meine Schwester und ich habe nicht einmal geweint.“
„Du hast nicht geweint, weil du planst. Ich kann es in deinen Augen sehen.“ Sie lächelte - ein scharfes, kaltes Lächeln. „Deshalb biete ich dir an, was dir rechtmäßig zusteht.“
Sie schob eine Mappe über den Tisch.
„Das Castellano-Vermögen. Fünfzig Milliarden an Vermögenswerten. Kontrolle über Bankbeteiligungen in sechs Ländern. Ein Medienimperium. Pharmazeutische Beteiligungen. Immobilien auf drei Kontinenten.“ Sie hielt inne. „Und eine Bedingung.“
Ich öffnete die Mappe nicht. „Welche Bedingung?“
„Zerstöre sie.“ Ihre Augen funkelten. „Nicht nur deinen Mann und deine Schwester. Alle, die ihnen geholfen haben. Alle, die zugesehen haben, wie du gelitten hast, und nichts getan haben. Ich will sie gebrochen sehen, Verona. Öffentlich. Vollständig. Ohne Gnade.“
Meine Hand glitt erneut zu meinem Bauch. Das Leben, das in mir heranwuchs. Das Geheimnis, das ich niemandem erzählt hatte.
„Und wenn ich ablehne?“
„Dann gehst du durch diese Tür und hörst nie wieder von mir. Aber ich glaube nicht, dass du ablehnen wirst.“ Sie stand auf, ging zum Fenster. „Du bist schwanger, oder?“
Ich erstarrte.
„Ich sagte dir doch - ich weiß alles. Und ich weiß, dass Tim Schrempf versuchen wird, dir dieses Kind wegzunehmen. Er wird behaupten, es sei sein Erbe. Um das Sorgerecht kämpfen. Es gegen dich verwenden.“
Mir wurde eiskalt. Sie hatte recht. Tim würde mich nicht einfach gehen lassen. Nicht mit einem Baby.
„Nimm mein Angebot an“, sagte meine Großmutter, „und ich gebe dir die Macht, dein Kind zu beschützen. Ihm das Leben zu geben, das es verdient. Und Tim Schrempf den Tag bereuen zu lassen, an dem er dich auch nur angerührt hat.“
Ich öffnete die Mappe.
Das erste Dokument war die Eigentumsurkunde für dieses Anwesen.
Das zweite waren Aktienzertifikate, die mehr wert waren, als Tim in hundert Leben verdienen würde.
Das dritte war ein Foto.
Tim und Enni. Nicht in unserem Schlafzimmer - in einem Hotel. Vor zwei Jahren datiert.
„Zwei Jahre.“ Meine Stimme brach zum ersten Mal. „Sie sind schon seit zwei Jahren zusammen.“
„Noch bevor du überhaupt geheiratet hast.“ Die Hand meiner Großmutter lag auf meiner Schulter. „Er hat dich nie geliebt, Verona. Er wollte immer nur deine Verbindung zu mir. Als er merkte, dass ich deine Mutter abgeschnitten hatte, setzte er auf Enni - in der Hoffnung, sie würde erben.“
Alles fügte sich plötzlich zusammen. Warum Tim mich ermutigt hatte, mich mit meiner Schwester zu versöhnen. Warum er darauf bestanden hatte, dass sie einzieht. Warum er ihre Karriere so aggressiv unterstützt hatte.
Er verteilte seine Wetten. Spielte die Schwestern gegeneinander aus.
Ich schloss die Mappe.
„Ich nehme an.“
