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Kapitel 2

Ich rannte, bis der Himmel langsam heller wurde.

Das war das Grausamste daran, eine Halbblüterin zu sein.

Die Sonne würde mich nicht sofort töten wie ein Reinblüter.

Sie würde mich langsam vernichten.

Erst würde sie meine Haut versengen, dann verbrennen und mich schließlich verschlingen.

Und Adrian wusste das.

„Lass die Morgendämmerung entscheiden.“

Er hatte mich nicht verbannt.

Er hatte mich zum Sterben verurteilt.

Ich stolperte durch den schwarzen Wald.

Äste rissen an meinem Hochzeitskleid, während meine nackten Füße blutige Spuren auf dem gefrorenen Boden hinterließen.

Jeder Instinkt in mir schrie danach, Dunkelheit zu finden.

Einen Unterschlupf.

Irgendetwas.

„Nicht nur für dich“, flüsterte ich und presste meine Hand auf meinen Bauch.

„Jetzt auch für uns beide.“

Uns beide.

Dieses Wort hallte immer wieder in meinem Kopf wider.

Ich war zwanzig Jahre alt.

Zurückgewiesen.

Namenlos.

Und ich trug ein Wunderkind von einem Mann in mir, der meinen Tod gewollt hatte.

Als das erste graue Licht über die Hügel kroch, fand ich eine Höhle unter einer umgestürzten Eiche.

Ich grub mich in die Erde, als würde ich selbst in ein Grab steigen.

Und endlich—

endlich erlaubte ich mir zusammenzubrechen.

Stumme, hässliche Schluchzer erschütterten meinen ganzen Körper.

Ich weinte um die Bindung, die mir aus der Brust gerissen worden war.

Um die Jahre, die ich damit verschwendet hatte, Adrian zu lieben.

Um meine menschliche Mutter, die seit fünf Wintern tot war.

Sie hatte mein Gesicht in ihre Hände genommen und immer gesagt:

„Dein Blut ist kein Schmutz, Ivy. Dein Blut ist eine Brücke.“

Sie hatte mir nie gesagt, wohin diese Brücke führen würde.

Drei Nächte lang überlebte ich allein.

Tagsüber vergrub ich mich in der Dunkelheit und schlief wie eine Tote.

Nachts bewegte ich mich weiter.

Ich trank das Blut eines verletzten Hirsches.

Ich würgte dabei, weinte und entschuldigte mich die ganze Zeit bei ihm.

Der Hunger meiner Schwangerschaft war anders als alles, was ich je erlebt hatte.

Ein verzweifelndes, nagendes Feuer, das mich von innen auffraß.

Das Baby brauchte Blut.

Starkes Blut.

Blut, das ich nicht besaß.

In der vierten Nacht war ich am Ende.

Ich konnte es spüren.

Mein Körper fraß sich selbst auf.

Meine Schritte wurden unsicher.

Meine Sicht verschwamm an den Rändern.

„Bleib wach“, flehte ich mich selbst laut an.

„Wenn du fällst, fällt das Baby mit dir.“

Dann kam der Sturm.

Eisiger Regen.

Gnadenlos.

Innerhalb weniger Minuten war ich bis auf die Knochen durchnässt.

Ich fiel einmal.

Dann ein zweites Mal.

Schlamm klebte an meinem Kleid, meinen Haaren und meinem Mund.

Und dann sah ich es zwischen den Bäumen.

Licht.

Eine Burg.

Gewaltig und uralt.

Schwarze Türme ragten wie Klauen in die sturmverhangenen Wolken.

Die Fenster leuchteten golden wie beobachtende Augen.

Ich wusste nicht, wessen Gebiet ich betreten hatte.

Es war mir egal.

Was auch immer hinter diesen Mauern auf mich wartete—

es konnte unmöglich schlimmer sein als die Morgendämmerung.

Ich schaffte es bis zu den eisernen Toren, bevor meine Beine endgültig nachgaben.

Ich sackte gegen die Gitterstäbe.

Die Kälte des Metalls brannte an meiner Wange.

Und die Welt begann vor meinen Augen zu verschwinden—

Schritte.

Schnell.

Unmöglich schnell.

Die Tore öffneten sich nicht.

Sie waren einfach plötzlich hinter ihm.

Ein riesiger Mann durchquerte den Hof im strömenden Regen, als würde selbst der Sturm es nicht wagen, ihn zu berühren.

Sein Duft erreichte mich, bevor er es tat.

Zedernrauch.

Winterliche Nacht.

Und etwas Uraltes.

Etwas Gewaltiges.

Und die zerrissene, blutende Wunde dort, wo meine Bindung herausgerissen worden war, wurde in seiner Gegenwart vollkommen still.

Als würde selbst mein gebrochenes Blut wissen, dass es schweigen musste.

„Bei der Ersten Mutter…“

Eine tiefe Stimme hauchte die Worte.

Er sank neben mir in den Schlamm auf die Knie.

Ein Mantel, der einem König würdig war, verdorben vom Regen.

Für mich.

Starke Arme schoben sich unter meinen Körper und hoben mich hoch, als würde ich überhaupt nichts wiegen.

Ich zwang meine Augen auf.

Ich musste ihn warnen.

Dass ich zurückgewiesen worden war.

Namenlos.

Dass ich das Kind eines anderen Mannes trug.

Dass er mit einem Krieg rechnen musste, wenn er mir Schutz gewährte.

Doch alles, was über meine aufgesprungenen Lippen kam, war nur ein Flüstern:

„Bitte… tut meinem Baby nichts.“

Sein gesamter Körper erstarrte.

Er sah auf mich hinab.

Und seine Augen entflammten.

Ein leuchtendes Rotgold, heller als alles, was ich jemals in den Augen eines Vampirs gesehen hatte.

„Ein Kind…“

Er sprach die Worte kaum hörbar aus.

Und seine Stimme zitterte vor etwas, das beinahe Ehrfurcht war.

„Kleines Wesen… wer hat dich fortgeworfen?“

Die Dunkelheit zog mich hinab, bevor ich antworten konnte.

Das Letzte, was ich spürte, waren seine Arme, die sich fester um mich schlossen.

Vorsichtig.

Stark.

Unerschütterlich.

Und die unmögliche Wärme meiner zerbrochenen Bindung, die ganz schwach wieder zu summen begann.

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