Kapitel 4
In dem Moment, als ich den Chat verließ, klingelte mein Telefon. Angelo.
Dieses Alpha-Signal, unüberhörbar, gebieterisch, unmöglich zu ignorieren.
„Evie. Komm her. Sofort.“
„Wohin denn?“
„Du weißt, wohin. Zur Lodge.“
„Worum geht es? Was soll ich dort?“
„Du entschuldigst dich bei Oda.“
„Wofür?“
„Du hast gerade den Rudelbau-Chat verlassen. Das war eine öffentliche Demütigung. Hast du eine Ahnung, wie die anderen Clans sie jetzt sehen?“
Seine Stimme war abgehackt, eiskalt, durchzogen von dieser Selbstverständlichkeit, mit der er als Alpha Befehle erteilte.
„Ich lasse nicht zu, dass man sie verleumdet“, sagte er. „Mein Wolf hat sie zu seiner Gefährtin erwählt. Sie hat einen Namen verdient, einen Platz im Rudel. Sie ist unschuldig. Sie darf nicht wegen deiner Impulsivität den Ruf einer Heiratschänderin tragen.“
Ich hatte längst aufgehört, mich von seinen Worten treffen zu lassen.
Aber dieser Anruf - dieser vertraute Stich der Zurückweisung - breitete sich trotzdem aus. Wie kaltes Feuer unter der Haut.
Meine Finger zitterten, als ich das Telefon umklammerte. Meine Nägel bohrten sich in meine Handfläche.
Als ich sprach, brach meine Stimme. „Angelo, du kannst deinen Alpha-Status nicht dazu benutzen, mich vorzuführen. Was gibt dir das Recht, mich so zu behandeln? Du warst es, der unserer Bindung den Rücken gekehrt hat. Ich habe deine Zurückweisung gespürt. Ich habe nicht gekämpft. Ich habe euch sogar gratuliert. Reicht das nicht?“
Ich biss mir auf die Lippe, kämpfte gegen die Tränen an. Keine Schwäche. Nicht vor ihm.
Aber meine Stimme versagte. Sie brach unter der Last von drei Jahren.
Am anderen Ende entstand eine Pause. Nicht lang, aber lang genug, um zu spüren, dass da etwas ins Stocken geriet. Sein Wolf, der sich unruhig regte.
„Evie“, sagte er, jetzt leiser. „Dass du so respektlos zu mir bist ... ich tu diesmal so, als hätt ich's nicht gehört.“
„Aber eins sag ich dir - Oda ist unschuldig.“
„Lass deinen Frust nicht an ihr aus.“
„Tu ihr nicht weh.“
Aufgelegt.
Ich saß auf dem Teppich, zitterte am ganzen Leib.
Auf dem Nachttisch stand das Foto meiner Mutter. Sie lächelte, sanft, liebevoll, dieses stille Leuchten in den Augen. Sie war eine angesehene Heilerin gewesen, eine stolze Luna unseres Rudels.
Ich brach vornüber, zog den Rahmen an mich, presste mein Gesicht gegen das kalte Glas.
Die Tränen kamen jetzt, unaufhaltsam, sie tränkten das Bild der Frau, die mich einst in den Armen gehalten hatte.
Es fühlte sich an, als weinte sie mit mir.
Ich wollte nicht mehr weinen. Ich wollte ihr keine Sorgen machen - nicht jetzt, wo sie in den Armen des Mondgeists ruhte.
Sobald ihre Gedenkfeier vorbei war... würde ich das Quarzmond-Amulett nehmen, das sie mir hinterlassen hatte.
Und ich würde das Kahleberg-Rudel verlassen. Für immer.
Eine Einzelgängerin werden. Oder vielleicht... die Luna eines anderen Rudels.
