Kapitel 2
Mein Vater wirkte zufrieden mit meinem „Gehorsam“. In der Welt der Wölfe war es ein schweres Tabu, sich offen gegen die Ältesten zu stellen - selbst für ein Reinblut wie mich.
Linda, meine Stiefmutter, lächelte still und genügsam.
Aber nachdem sie gegangen waren, blieb Oda stehen.
„Evie... soll ich dir beim Packen zur Hand gehen?“
Sie stand vor mir, diese falsche Sanftheit im Gesicht, ihr Körper verströmte diesen widerlich süßen, künstlichen Duft, den sie wie Parfüm auftrug.
Aber als ihr Blick durchs Zimmer schweifte, sah ich diesen Hunger - diese blanke Gier einer niederrangigen Wölfin nach dem Luxus der Hochrangigen.
„Dass die Ältesten dem Zimmerwechsel zugestimmt haben, hätte ich auch nicht gedacht.“ Sie hob das Kinn, ihre Augen funkelten herausfordernd. „Evie, juckt es deine Wölfin jetzt nicht, mich in Stücke zu reißen? Immerhin habe ich dir deinen auserwählten Gefährten weggenommen - und jetzt nehme ich dir auch noch das Zimmer, in dem du zehn Jahre gelebt hast.“
Ich ballte die Fäuste. Meine Wölfin wollte sie am liebsten anfallen, sie spüren lassen, wo ihr Platz war. Aber ich schluckte es hinunter. Stattdessen drehte ich mich um und zerrte meinen Koffer hervor.
Da schrie Oda auf - übertrieben, schrill - und sackte in sich zusammen. „Evie...“
Auf dem Weg nach unten hatte ihr Arm die silberbeschlagene Tischkante gestreift. Silber brennt sich durch Wolfsfleisch wie Säure. Ein violetter Bluterguss schwoll auf ihrer Haut an, rot umrandet, bösartig.
„Evie - was fällt dir ein?!“
Angelo stürmte herein, sein Alpha-Gehör hatte den Lärm aufgeschnappt.
Sein Gesicht war eine einzige Gewitterwolke, der Kiefer angespannt. Dieser Blick - die letzte Warnung, bevor ein Alpha durchdreht. Er riss Oda an sich und hob sie in seine Arme.
„Angelo, es ist nichts. Evie hat es doch nicht so gemeint.“
Die Tränen liefen ihr übers Gesicht, aber sie zwang sich zu einem zerbrechlichen Lächeln. „Es tut doch gar nicht weh, ehrlich.“
„Du hast eine Verbrennung, Oda. Hör auf, sie zu verteidigen!“ Er starrte auf die Wunde an ihrem Arm, die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Dann drehte er sich zu mir um. Das Gold in seinen Augen verengte sich zu schmalen Schlitzen, seine Stimme traf mich wie blankes Metall. „Evie, wenn du ein Problem mit mir hast, dann komm zu mir. Aber lass Oda aus dem Spiel. Sie ist frisch verwandelt, ein zerbrechliches Weibchen. Nicht wie du. Du bist reingeboren worden, ein edles Reinblut. Dir hat es nie an etwas gefehlt.“
Ich dachte, die Gefährtenbindung würde mich nicht mehr berühren. Ich dachte, ich hätte keine Tränen mehr für Angelo Caldwell übrig.
Aber ich war immer noch ein Weibchen, dessen Bindung noch nicht vollständig durchtrennt war.
Ich war nicht aus Stahl. Mein Herz war nicht kugelsicher.
Wir waren zusammen aufgewachsen.
Wir waren drei Jahre lang durch den Mondgeist selbst miteinander verbunden gewesen.
Und innerhalb von Tagen hatte er das alles weggeworfen - für einen billigen Nervenkitzel, für ein Mädchen, das gerade erst ihre erste Verwandlung hinter sich hatte.
Er sah mich an, als wäre ich irgendeine giftige Einzelgängerin.
Ich wollte nicht weinen. Ich wollte lachen, ehrlich.
Aber meine Tränendrüsen brannten.
„Angelo“, presste ich hervor, die Stimme heiser. „Hast du deinen Geruchssinn verloren - oder riechst du den Betrug einfach nicht mehr, der ihr anhaftet?“
Er runzelte kurz die Stirn.
Sein Blick blieb an meinem Gesicht hängen.
Das war der Blick eines Alpha, der seine Beute taxiert - und für einen winzigen Moment flackerte etwas darin auf. Irritation. Vielleicht Zweifel.
