Bibliothek
Deutsch
Kapitel
Einstellungen

Kapitel 2

Der Wagen glitt durch die Nacht wie ein Raubtier durch tiefes Wasser – lautlos, schnell und unantastbar.

Ich saß auf dem Ledersitz und zitterte. Nicht aus Angst. Sondern wegen des zerrissenen Gefährtenbandes. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand in die Brust gegriffen und ein lebenswichtiges Organ herausgerissen.

„Du hast Schmerzen“, sagte Lucian. Es war keine Frage.

„Ich werde es überstehen.“

„Du blutest.“

Ich senkte den Blick. Blut sickerte durch den Stoff meines Kleides – genau über meinem Herzen, dort, wo sich das Gefährtenmal auflöste. Eine körperliche Wunde, geboren aus einer übernatürlichen Trennung.

„Das hört gleich auf“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Er öffnete ein Fach und holte ein Kristallfläschchen hervor, das mit einer dunklen Flüssigkeit gefüllt war.

„Trink.“

„Was ist das?“

„Mein Blut.“

Ich starrte auf das Fläschchen. Jeder Wolf lernte von klein auf dieselbe Regel: Niemals Vampirblut trinken. Es erschafft eine Bindung. Eine Abhängigkeit. Eine Kette.

Doch ich erinnerte mich an mein früheres Leben. An das Wolfsbann, das Serena heimlich in meinen Tee gemischt hatte. Daran, wie Ryan meinen Bauch beobachtet und den Geburtstermin unseres Kindes berechnet hatte – nicht aus Liebe, sondern weil ein erstgeborener Erbe sein Bündnis mit den Nördlichen Rudeln besiegelt hätte.

Wölfe hatten mich vergiftet.

Ein Vampir hatte an meinem Grab geweint.

Ich nahm das Fläschchen und trank.

Die Wirkung setzte augenblicklich ein. Flüssiges Feuer schoss durch meine Adern – nicht schmerzhaft, sondern elektrisierend. Die Blutung kam zum Stillstand. Die ausgefransten Ränder meines zerrissenen Gefährtenbandes verschlossen sich, als wären sie ausgebrannt worden.

Doch damit nicht genug.

Ein neuer Faden entstand. Schwach. Zerbrechlich. Aber unverkennbar – eine Verbindung zwischen seinem Herzschlag und meinem.

Lucians blutrote Augen flammten auf. Er hatte es ebenfalls gespürt.

„Interessant“, murmelte er.

Der Wagen hielt schließlich vor einem gewaltigen Gebäude aus schwarzem Glas und Stahl. Der Morteaux Tower – die Festung des Vampirclans mitten im Herzen der menschlichen Hauptstadt.

Der Aufzug zum Penthouse ließ sich nur per biometrischer Erkennung bedienen. Ohne ein Wort zu sagen, legte Lucian meinen Daumen auf das Lesefeld.

„System aktualisiert“, verkündete eine sanfte KI-Stimme. „Willkommen, Frau Elena.“

Die Türen glitten auf und gaben den Blick auf eine Residenz frei, gegen die das Rudelhaus von Silvercrest wie ein billiges Motel am Straßenrand wirkte.

Bodentiefe Fenster boten einen überwältigenden Blick über die Stadt. Die Einrichtung war schlicht, dunkel und von unfassbarem Wert. Eine ganze Wand aus Bildschirmen zeigte Datenströme in Echtzeit – Börsenkurse, militärische Bewegungen und die Kommunikation des Allianzrats.

„Das gehört jetzt dir“, sagte Lucian.

„Mir?“

„Jede Vampirfestung besitzt Gemächer für ihre Königin. Dieses hier stand vierhundert Jahre lang leer.“ Er trat ans Fenster. „Ich ließ es herrichten, sobald ich unsere Verbindung gespürt hatte.“

„Seit wann weißt du davon?“, fragte ich. „Dass ich deine Gefährtin bin?“

„Seit deinem siebzehnten Geburtstag. In der Nacht deiner ersten Verwandlung.“

Mir gefror das Blut in den Adern.

„Das ist fünf Jahre her.“

„Ja.“

„Warum hast du nie etwas gesagt?“

Er drehte sich zu mir um. Zum ersten Mal erkannte ich unter seiner raubtierhaften Gelassenheit einen Anflug von Verletzlichkeit.

„Weil du dich für ihn entschieden hattest. Und selbst eine zweite Gefährtenbindung muss freiwillig angenommen werden.“ Seine Kiefer spannten sich an. „Fünf Jahre lang habe ich mit angesehen, wie du einen Mann geliebt hast, der es nicht einmal verdient hatte, dieselbe Luft zu atmen wie du.“

Das Gewicht dieses Geständnisses legte sich wie ein Leichentuch über mich.

Fünf Jahre hatte er gewartet. Fünf Jahre aus dem Schatten zugesehen, wie Ryan mich ausnutzte, Serena gegen mich intrigierte und mein Vater meine Zukunft für politische Vorteile verschacherte.

„Jetzt bin ich hier“, sagte ich leise.

„Ja“, erwiderte er. Seine Stimme wurde noch tiefer, beinahe gefährlich. „Jetzt bist du hier.“

Am nächsten Morgen stand mein Handy nicht mehr still.

Siebenundvierzig verpasste Anrufe von meinem Vater. Zwölf von Ryan. Und eine Nachricht von Serena:

„Hab gehört, du bist heulend davongelaufen. Keine Sorge, ich werde mich SEHR gut um deinen Ex-Gefährten kümmern. ?“

Angehängt war ein Foto. Sie trug die Kette der Luna und posierte im Schlafzimmer von Ryan.

Ich betrachtete das Bild einen Moment lang und schrieb dann nur zwei Worte zurück:

„Behalte sie.“

Anschließend blockierte ich jede einzelne Nummer aus dem Silvercrest-Rudel.

Mein Handy vibrierte noch einmal. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.

„Luna-Zeremonie offiziell registriert. Elena Ashford: ZURÜCKGEWIESEN. Status: Gefährtenlos. Rudellos. Einstufung: Bedrohung der Omega-Klasse.“

Das Register der Allianz war bereits aktualisiert worden. In den Augen der übernatürlichen Welt war ich nun das Allerletzte.

Ich legte das Handy beiseite und blickte auf die Stadt hinab, die sich unter mir ausbreitete.

Sollen sie das ruhig glauben.

Sollen sie es alle glauben.

Laden Sie die App herunter, um die Belohnung zu erhalten
Scannen Sie den QR-Code, um die Hinovel-App herunterzuladen.