Kapitel 2
Aldric fing sich schnell. Raubtiere tun das immer.
„Wachen", sagte er, seine Stimme in jenes tiefe, befehlende Register gleitend, das geringere Vampire in die Knie zwang. „Geleitet Sera in ihre Gemächer. Sie ist offensichtlich … überfordert."
Zwei gepanzerte Wachen traten vor.
Ich rührte mich keinen Zentimeter.
„Fasst mich an", sagte ich und fixierte die nächste Wache mit meinem Blick, „und ich breche euch jeden Knochen in der Hand, bevor ihr den ersten knacken hört."
Er blieb stehen.
Sie alle wussten, wozu ich fähig war. Jede Wache in dieser Burg hatte unter mir trainiert. Jeder Soldat in Aldrics Armee hatte mich Feinde zerlegen sehen, die doppelt so groß waren wie ich.
„Sera." Aldrics Ton wurde schärfer. „Mach es nicht noch schlimmer."
„Schlimmer?" Ich lachte – ein hohler, messerscharfer Laut. „Du hast unser Band vor dreihundert Zeugen gelöst. Wie genau soll ich das noch *schlimmer* machen?"
Bevor er antworten konnte, fuhr seine Hand an seine Schläfe.
Die Gedankenverbindung.
Sein Ausdruck wechselte augenblicklich – harte Linien, die zu etwas Weichem schmolzen, etwas *Zärtlichem*.
Vivienne.
„Was ist, mein Herz?", murmelte er.
Ich konnte ihre Worte nicht hören, doch ich las sein Gesicht wie ein Buch, das ich auswendig kannte.
„Natürlich", sagte er sanft. „Ich werde es heute Abend verkünden. Die vollständige Übergabe des militärischen Kommandos."
Mir gefror das Blut in den Adern.
„Du gibst ihr meine Armee?"
Aldric schloss die Verbindung und sah mich mit etwas an, das beinahe an Mitleid erinnerte. „Vivienne wird ab sofort alle militärischen Operationen leiten. Sie hat einen … sanfteren Ansatz. Die Soldaten brauchen das."
„Die Soldaten brauchen eine Kommandantin, die sie am Leben hält!"
„Und die werden sie haben. Nur eben nicht dich."
Er wandte mir den Rücken zu und ging auf Vivienne zu, die am Rand des Thronsaals wartete, mit ihrer perfekten Haltung und ihrer gestohlenen Krone.
Ich sah ihnen nach, wie sie gemeinsam gingen.
Dann ging ich in meine Gemächer.
Meine Hände zitterten – nicht vor Angst, nicht vor Trauer, sondern vor einer so reinen Wut, dass sie sich wie silbernes Feuer in meinen Adern anfühlte.
Ich öffnete mein Tablet und überprüfte das interne Netzwerk des Königreichs.
Die Benachrichtigungen stapelten sich bereits.
[Systemwarnung: Ihr Zugang zum Kriegsrat wurde widerrufen.]
[Systemwarnung: Ihr Zugang zum Geheimdienst-Netzwerk wurde widerrufen.]
[Systemwarnung: Ihre Kommandozugangsdaten wurden deaktiviert.]
Sechs Jahre Arbeit. In Minuten ausgelöscht.
Ich wechselte zum öffentlichen Feed. Der Topbeitrag:
„Königin Vivienne: Ein neues Zeitalter für den Purpurhof"
Die Kommentare quollen über vor Lob von Aldrics Getreuen.
„Endlich eine Königin mit Anmut und Eleganz."
„Der Hof braucht Raffinesse, nicht eine Wölfin in Seide."
„Viviennes Reinheit ist genau das, was dieses Königreich verdient."
Ich scrollte weiter. Ein paar abweichende Stimmen waren unter der Flut begraben:
„Was ist mit Kommandantin Sera? Sie ist der Grund, warum wir noch leben!"
„Das ist Wahnsinn. Vivienne kann nicht mal ein Schwert halten."
Diese Kommentare wurden in Echtzeit gelöscht.
Jemand bereinigte die Erzählung.
Mein Telefon summte. Eine private Nachricht von Aldric:
„Nimm es mit Würde hin, Sera. Du warst eine gute Soldatin. Ruiniere dieses Vermächtnis nicht, indem du verbittert wirst."
Eine gute Soldatin.
Sechs Jahre Liebe, Loyalität und Aufopferung – und das war alles, was ich für ihn war.
Eine gute Soldatin.
Ich tippte meine Antwort und postete sie direkt im öffentlichen Feed:
„Ein König, der Gehorsam mit Liebe verwechselt, wird beides verlieren."
Ich drückte auf Senden.
Das Netzwerk brach innerhalb von dreißig Sekunden zusammen.
