Kapitel 2
Es klopft an der Tür. Zweimal klopft es.
Der Anruf ist gekommen.
Dom steht auf, noch benommen von der Trance, in die ihn dieses finstere Ritual versetzt hat.
Der Mann vor ihm lag im Sterben. Das war die Gabe des Schlächters: sie lange genug am Leben zu lassen, damit sie leiden konnten. Es war eine wahre Kunst.
Dom nimmt einen Lappen aus dem Stapel ordentlich gefalteter Lappen. Er besprüht den Tisch mit Essig und wischt ihn anschließend ab. Dann legt er alle seine Instrumente in den Desinfektionsmitteleimer. Er zieht seine Schürze aus, wischt sie ab und hängt sie zum Trocknen auf. Die Plastikfolie von seinen Schuhen wirft er weg.
Er zieht seine Handschuhe aus.
Er geht zur Tür und öffnet sie. Adrian, Rafael und Luca warten schon an der Treppe auf ihn. Er schließt die Tür hinter sich und verriegelt sie.
Luca hält Dom sein Handy hin. Er steht drei Stufen höher, gerade hoch genug, um Empfang zu haben. Dom nimmt es und beginnt die Treppe hinaufzusteigen. Sobald er guten Empfang hat, nimmt er den Anruf entgegen. Luca, Adrian und Rafael folgen sechs Stufen hinter ihm.
„Chef“, antwortet Dom. Er war bereits im Keller.
Ein Lachen ertönt. Leise, feminin, melodisch, wie Klavierklänge. Ein Klang, der in seiner Welt fehl am Platz ist. Er dringt durch das Rauschen in seinem Kopf wie Sonnenlicht durch die Gitterstäbe eines Kellers. Die Stimmen verstummen, verschwinden nicht, sondern werden erträglicher. Die Stimmen in seinem Kopf beruhigen sich, verstummen aber nicht. Zwei Frauen besaßen diese Macht. Die eine telefonierte gerade mit ihm; sie kannte ihn wie einen Bruder. Die andere kannte ihn überhaupt nicht.
„Einen Moment lang dachte ich, du sprichst mit Matteo“, sagt sie lachend.
„Wir wissen doch alle, dass du das Sagen hast“, sagte Dom lächelnd. Sie war bereits im Erdgeschoss. Die Stimmung hatte sich aufgelockert. Sie konnte sich vorstellen, wie sie die Augen verdrehte. Er konnte das Lächeln in ihrer Stimme hören, noch bevor sie erschien.
„Sag das bloß nicht!“, sagt Celeste Vitale mit melodischer Stimme, fast warnend.
„Er würde mir zustimmen“, sagt Dom.
Es stimmte. Der Don, Matteo Vitale, Capo Dei Capi, würde zustimmen, dass seine Frau, seine andere Hälfte, das wahre Eisen hinter der Faust war.
„Wie fühlen Sie sich?“, fragt er mit nun leiserer Stimme.
„Jetzt geht es mir besser“, sagt Dom aufrichtig.
Celeste hakte nie nach. Sie fragte nie, was er getan hatte. Es gab keinen Grund. Sie wusste es. Und irgendwie zuckte sie nicht einmal mit der Wimper.
„Wie geht es den Zwillingen?“, fragt Dom. Celeste gibt ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen Grimasse und Lachen liegt.
—Welches Set?
Dom lächelt, ein leichtes Lächeln. – Beide.
Sofia und Lucia sind diesen Sommer mit Sebastian in Port Lumière. Meine Kinder treiben mich mehr in den Wahnsinn als mein Mann.
Dom unterdrückt ein Lachen, als er zum Getränkeschrank geht, überlegt es sich dann aber anders. Stattdessen greift er nach einer Flasche Mineralwasser.
—Das will schon was heißen.
„Na klar“, murmelt er. „Heute Morgen hat Dario versucht, Elios BuildBrix die Toilette runterzuspülen. Matteo hat die beiden mit Pümpeln und Schutzbrillen erwischt. Er ist sofort gegangen.“
Dom kichert. „Ein kluger Mann.“
„Feigling“, korrigiert er, aber sein Tonfall ist liebevoll.
Im Hintergrund hört sie eine leise, gedämpfte, eindringliche Stimme. Eine Tür knarrt, Schritte schlurfen. Sie hält sich kurz die Hand vors Mikrofon und seufzt dann wieder.
—Jetzt streiten sie sich um Baguettes. Warum habe ich überhaupt frisches Brot gekauft? Wozu der ganze Aufwand?
Doms Lächeln wird breiter. „Du magst den Zirkus.“
Dom ging nun in die Küche und lockerte mit den Fingern die Manschetten seines Hemdes; seine Schultern waren nicht mehr so angespannt. Das Haus wirkte nicht mehr so kalt. Oder so bedrückend.
—Werden die Wände immer noch gestrichen?
—Gestern war es Erdnussbutter. Heute? Blaubeeren. Ich habe den Boden seit Tagen nicht gesehen.
—Man hätte sie Krieg und Chaos nennen sollen.
—Ja, das habe ich. Ich habe nur schönere Versionen ausgewählt.
Dom lehnt sich an die Marmorarbeitsplatte, den Blick verloren im großen Küchenfenster, wo die Platanen sanft im Wind wiegen. Stille senkte sich herab. Eine Stille, die er nur selten erlebt.
—Du bist eine gute Mutter, Ang.
Es entstand eine Pause. Keine lange Pause, sondern eine, die darauf hindeutete, dass sie ihn gehört hatte, dass sie ihn wirklich gehört hatte.
—Du bist ein guter Kerl, Dom.
Schließ die Augen und spüre, wie sich diese Wärme zwischen deinen Rippen ausbreitet. Du glaubst es nicht, aber für einen Moment wünschst du es dir.
Dom lehnt sich in seinem Stuhl zurück und starrt an die Decke. Er lässt seine Stimme den Raum erfüllen, so wie früher, als sie zwölf war, vor all der Macht und dem Blut, als sie ihn nur Dominic nannte, um ihn zu ärgern.
„Ich vermisse dich“, sagt sie nun mit leiserer Stimme. „Besuch mich öfter. Die Kinder müssen dich kennenlernen, und ich brauche ein Kindermädchen.“
Sie spürt ein Engegefühl in der Brust, aber das Lächeln bleibt.
„Ich komme bald“, verspricht er.
—Schon in diesem Jahrzehnt?
Sie lacht. – Sobald ich Risotto mitbringe und zum Abendessen bleibe.
Dann eine Pause:
—Okay. Ich decke den Tisch.
Das Gespräch endete mit einem leisen Klicken.
Dom senkt langsam den Hörer; das letzte Echo seiner Stimme hallt noch in der Luft nach wie der letzte Ton eines Wiegenliedes. Einen Moment lang verharrt er dort, in der Stille des Erdgeschosses, fernab der blutigen Dunkelheit unten, fernab des Lärms in seinem Kopf.
Er atmete aus.
Dann machte er sich mit bedächtigen Bewegungen auf den Weg. Er zog sein zerknittertes Hemd aus, dessen Manschetten leicht fleckig waren. Er warf es in den Wäschekorb neben dem Wäscheabwurfschacht und holte ein sauberes aus dem Flurschrank: ein makelloses weißes Leinenhemd mit Perlmuttknöpfen. Keine Krawatte. Kein Jackett. Nur saubere Kleidung und Stille.
Im Badezimmer im Erdgeschoss spritzte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht. Sie trocknete sich mit einem Handtuch ab. Dann fuhr sie sich mit der Hand durchs Haar.
Als er aufblickt und sich im Spiegel sieht, ist der Henker verschwunden.
Nur Dom ist noch da. Sauberes Hemd, ruhige Atmung, Risotto im Kopf.
Risotto und eine gewisse Brünette mit haselnussbraunen Augen.
Es ist Mittwoch. Es ist fast sechs Uhr abends.
Sie hielt heute Abend einen Vortrag. Er würde hingehen. Es war riskant, aber irgendwie beruhigte sie seine Gedanken, wenn er ihr zuhörte. Es war ein Risiko, das er eingehen musste.
Es war leichtsinnig, dumm. Aber auch das Schweigen, das sich in ihrer Stimme offenbarte, war es. Die Ruhe, die sie ausstrahlte, war unverdient. Es war gefährlich. Aber sie war echt.
Und für Männer wie ihn war die Realität das Gefährlichste von allem.
Dom legte seine Uhr an. Er rückte seinen Hemdkragen zurecht. Er trägt keine Waffe.
Manchmal ist das Schmerzlichste der Wunsch nach etwas, das man nicht haben kann.
Jedenfalls ging er durch die Tür hinaus.
Samira Noor Bellandi hatte drei Jobs.
Sie hatte keine Schulden. Sie hatte keine finanziellen Schwierigkeiten und musste auch nicht jeden Cent sparen. Seit ihrem vierzehnten Lebensjahr hatte sie immer gearbeitet, aber sie brauchte immer mehr. Mehr Geld. Mehr Freizeit. Doch irgendwann war Geld kein Problem mehr. Zeit hingegen schon.
Samira Noor Bellandi ist eine private Authentifizierungs- und Kuratorin, ein Titel, den sie selbst geprägt hat, um eine Welt zu umfassen, deren Existenz den meisten Menschen unbekannt ist.
Sie führt ihr eigenes Unternehmen und arbeitet von Montag bis Samstag von morgens bis abends. Mittwochs und sonntags hat sie sich freigenommen: An diesen Tagen schaltet sie ab, reflektiert und widmet sich in aller Stille wohltätigen Zwecken.