Kapitel 5
Bei all dem was passierte, verlor ich einige meiner „Freunde". Die, die ich jetzt noch an meiner Seite weiß, kann man an einer Hand abzählen. Einer dieser wenigen Menschen, die bei mir blieben, ist Sanchéz. Kurzform San. Der Sandkastenfreund mit allen Informationen über mich. Jedes Abenteuer, jede Trauer, all das Glück das wir erlebt haben, teilten wir zusammen. Seine Tür steht immer offen, genauso wie meine Tür für ihn offensteht. Einen besseren Menschen als Sanchéz war mir nie unter die Augen gekommen, mehrmals fragte ich mich, wie er mich die ganzen Jahre ertragen konnte. Sicher war es andersrum genauso. Das macht Ihn aus.
Vor einer gefühlten Ewigkeit und doch dem Gefühl als wäre es gestern gewesen, wollte ich aufhören zu Atmen. Alle Lebenskraft verließ mich in der Zeit als meine Eltern mich für immer verließen. So kam eins zum anderen. Der Meinung, ich habe noch nicht genug gelitten, verließ mich am Tag darauf mein Freund. Noch nicht genug mit dieser Tatsache, erzählte er mir gleich dazu, wie schön es war mich all die Zeit nur benutzt zu haben. Liebe ist ein Fremdwort für Ihn gewesen. Das Wort das es eher traf war Egoismus.
Niemanden kannte ich mehr, niemanden traute ich mehr. Und die Menschen um mich herum wurden zu einem Nebel. Einer verblassten Erinnerung die ich früher mal mit ihnen geteilt hatte. Aber nun nur noch wie ein Traum erschien. Kein richtiges Zuhause, wo ich mich geborgen gefühlt hätte.
Beginnend dadurch kam meine Phase mich in Partys hinein zu steigern. Mich zu betrinken und auch oftmals so weit zu gehen, Drogen zu nehmen.
Namen kamen wie Schlampe oder Absturzkind, von jenen, die mich im Laufe der Jahre mal kennengelernt hatten, flüchtig und kurz. Wie eine stumme Liebkosung ihrer Wangen. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Ich zucke mit den Schultern als Rede ich mit jemanden, dabei war es nur mein leeres, das ichwie zwiegespalten zuhörte.
Der Versuch wirklich aufzuhören, daran immer und immer wieder zu denken, an mein Leben. An längst Vergangene Erinnerungen, Personen denen ich zu hundert Prozent nie wieder begegnen werde. Also erfasste ich den Entschluss, stand von meinem Bett mühsam auf und ging ins Bad, hinterließ ein völlig unaufgeräumtes Bett, eine Bettdecke die schon fast komplett den Boden bedeckte, sowie leere Teller die wild verteilt herum lagen.
Erneut daran denkend habe ich mir schonmal gesagt, ich sollte endlich aufhören, mich selbst so fertig zu machen, mich zu Bemitleiden. Was nun mal nicht so gut wie geplant klappte. Es sind Erinnerungen meines Lebens, sie werden immer zu mir gehören. Ob Gute oder Schlechte, am Ende beeinflusse ich nichts, wenn ich alles auf mir selbst ablege. Daher ließ ich mir, im Badezimmer angekommen, kaltes Wasser ins Gesicht laufen und wusch mir in dem kühlen Wasser für einen Moment die Erinnerungen weg. Eine Millisekunde hielt ich den Atem an, hielt die Erinnerungen zurück, ehe alles wie ein Schwarm Millionen Insekten zurückkam. Ich sah in den Spiegel. Betrachtete die Wassertropfen, mit diesen leeren Augen und meine blasse Haut, wie sie schimmerte. Eine Leiche wie sie den letzten Glanz des Menschens hinter sich ließ. Als würde mich jemals jemand mögen können so wie ich bin. Oft genug redete ich mir das ein, es half.
Ein Handtuch schnappend hörte ich auf dieses Mädchen im Spiegel zu mustern und trocknete mir mein Gesicht ab danach begann ich mir mein Make-up aufzutragen. Die einzige Maske die mein Leben noch ertragbar macht. Glatte Haare dazu, schnell gemacht mit einem Glätteisen. Zeit war das, was ich zu genüge hatte im Leben. Viel zu viel, was Menschen in meinem Leben statt mir gebraucht hätten.
Wie aus dem nichts begann mein Handy zu klingeln. Ich schreckte auf und wurde aus meinen Gedanken gerissen. Die natürliche Farbe meiner Haut kehrte zurück zu mir. Zurück in meinen Körper und schenkte einen Hauch von Lebendigkeit.
„Wer kann das sein?", flüsterte ich zu mir selbst und lief zum Bett, hob das Handy auf und steckte es langsam vom Ladekabel ab. Die Nummer war Unbekannt und ich ging ran, Neugierde war mein schlimmstes Problem.
„Hallo?". Stille.
„Du solltest heute Nacht zu mir kommen", seine raue und dominierende Stimme raubte mir für einen kurzen Moment den Atem. Sie durchbrach wie ein schlag den Lautsprecher. Woher hat er meine Nummer? Was genau will er von mir.
„Ich... warum sollte ich?!", blaffte ich dann darauf los, ohne wirklich nachgedacht zu haben. Das hätte ich nicht tun sollen. Sofort sprach er scharf seine Antwort aus. Wieso habe ich nicht einfach die Klappe gehalten.
„Sonst hole ich dich!".
Wie bitte? Der Typ ist doch Verrückt. Was habe ich Ihm denn getan das er gleich so ankommt. Na gut, zurückgedacht, ich bin einfach abgehauen obwohl ich so mit Ihm rumgemacht habe. Es hat mir gefallen, selbst jetzt. Seine ruppige Art lässt mich nicht all zu kalt. Aber ich gebe nicht klein.
Ganz unschuldig bin ich nicht. Aber das wenn ich nicht komme er mich gleich holen will, ist doch sehr übertrieben.
Auf die volle Unterlippe beißend, rosig und weich mit leichten glasigen schimmern durch meinen Speichel. „Ich verstehe nicht was du meinst?", ich wusste das war eine echt dumme Frage. Aber was Besseres fiel mir in meiner jetzigen Situation gerade nicht ein. Ich muss Zeit gewinnen, mir was einfallen lassen.
„Entweder du kommst freiwillig oder ich hole dich unfreiwillig, sollte ich es nochmal sagen müssen hole ich dich sofort", seine Stimme jagte mir Angst ein, dass war definitiv eine konkrete Ansage der ich unmöglich widersprechen kann. Wo war der erotische und nette Kerl hin denn, den ich so im Kuss verschlungen hatte?
„Ich...".
„Ich warte bis heute Abend um Acht, danach werde ich andere Maßnahmen ergreifen", plötzlich schlug mein Herz wie wild. Auf was hatte ich mich den da eingelassen. Was wenn er ein Krimineller ist oder ein Entführer. Vielleicht sogar ein Vergewaltiger. Ich bekam einen leichten Anflug von Panik, was soll ich nur tun. Mit dem Handy am Ohr fing ich an im Zimmer auf und abzulaufen. Die nackten Füße patschen von den Fliesen auf den Teppich und zurück.
„Haben wir uns verstanden?", fragte er zwar in einem ruhigen jedoch sehr strengen Ton. Dieser Kerl weiß was er will und er wird es sich nehmen.
„Ich werde da sein", aufpassend das meine Stimme nicht brach, hatte ich erbärmliche Angst. Was wenn er mich zu etwas zwingt was ich überhaupt nicht möchte, sind das nun meine Konsequenzen für diesen Lebensstil?
Eigentlich hätte er es doch schon getan, wenn er nur darauf aus wäre. Ein Vergewaltiger fällt also raus. Aber auf was soll ich dann schließen.
„Braves Mädchen", hörte ich nur noch seine zufriedene raue Stimme sagen, als kurz darauf das tuten meines Handys erschien was mir sagte er hatte aufgelegt.
Ein Anflug von Einsamkeit überkam mich. Es fühlte sich an als wäre ich wieder ganz alleine. die Stimme eines anderen Menschen war verschwunden. Die Aktion war vorbei und wo Entspannung und Ruhe kommen sollte, kam Einsamkeit und Sehnsucht. Was sollte ich den jetzt nur machen. Wenn ich nicht hingehe kommt er mich holen, aber wenn ich es tue. Werde ich dann nicht mehr Einsam sein.
