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Kapitel 5

Ich saß im Schatten des Wohnzimmers und hielt den alten Mantel mit beiden Händen fest umklammert.

In den letzten Tagen war ich durch das Haus geschlichen wie ein aufgescheuchtes Tier, hatte in Gedanken ununterbrochen Fluchtwege durchgespielt und auf einen einzigen Moment gewartet—auf Chaos, das Dantes Aufmerksamkeit ablenken würde.

Offenbar hörte Gott zu.

Eine ohrenbetäubende Explosion erschütterte das Anwesen.

Dann brach Schussfeuer los—plötzlich, unaufhörlich, wie ein Gewitter aus Blei.

Die Fenster zerbarsten.

Glassplitter spritzten über den Boden.

Ich sprang auf, noch bevor ich darüber nachdenken konnte.

Mein Herz raste.

Das war er.

Der Moment, auf den ich gewartet hatte.

„Überfall! Überfall!“

Die Rufe der Leibwächter und das Maschinengewehrfeuer verschmolzen zu einem einzigen tosenden Lärm.

Mitten im Wohnzimmer saß Dante noch immer auf dem Ledersofa.

Ein Glas Rotwein in der Hand.

Valentina lag an ihn geschmiegt und lachte über irgendetwas.

In dem Moment, in dem die Schüsse begannen, reagierte er blitzschnell.

Doch er sah mich nicht an.

Nicht ein einziges Mal.

Dabei stand ich kaum drei Meter entfernt.

Er bemerkte nicht einmal, dass ihm das Weinglas aus der Hand fiel.

Sein Körper handelte rein instinktiv—

er warf sich über Valentina.

„Runter!“

Sein Befehl hallte durch den Raum, während er sie vollständig mit seinem Körper bedeckte.

Sein Rücken und seine Arme schützten ihren Kopf.

„Ah—!“

Valentina schrie.

Doch unter der Angst lag noch etwas anderes in ihrer Stimme—

das Selbstvertrauen einer Frau, die weiß, dass sie beschützt wird.

Mitten im Chaos traf sich unser Blick.

Sie genoss es.

„Beschützt den Boss! Beschützt Miss Valentina!“

Die Leibwächter stürmten herein.

Keiner von ihnen sah mich an.

Sie bildeten eine Wand aus Körpern und Waffen um Dante und Valentina—einen engen, lückenlosen Ring.

Mit dem Rücken zu mir.

Einer von ihnen stieß mich zur Seite, um selbst Deckung zu suchen.

Der Stoß schleuderte mich gegen die Wand.

Ich landete auf dem Boden und blickte zu dieser Mauer aus Körpern auf.

Dante hatte Valentina fest an seine Brust gedrückt.

Sein Gesicht in ihrem Haar vergraben.

Er flüsterte ihr etwas zu, das ich nicht hören konnte.

Der Ausdruck in seinen Augen—

Verzweiflung.

Zärtlichkeit.

Ich hatte drei Jahre Ehe gebraucht, um nach genau diesem Blick zu suchen.

Und ihn nie gefunden.

In diesem Moment des Überlebens war ich unsichtbar.

Überflüssig.

„Rückzug! Hinterausgang!“

Dantes Befehl schnitt durch den Lärm.

Die Leibwächter schirmten ihn und Valentina ab und drängten sie zum hinteren Ausgang des Hauses.

Ich klemmte noch immer zwischen Wand und Möbeln.

Eine verirrte Kugel pfiff dicht an meinem Ohr vorbei und schlug in den Putz hinter mir.

Die Druckwelle einer Explosion ließ meine Trommelfelle schmerzen.

Dann spürte ich plötzlich etwas Warmes, das mein Bein hinunterlief.

Ein brutaler Krampf zog sich durch meinen Bauch.

„Uhh—“

Ein erstickter Laut entwich mir, während kalter Schweiß meinen Rücken durchnässte.

Das Baby.

Mein Baby.

Ich sah zu Dante hinüber, der sich entfernte.

Er trug Valentina in den Armen.

Vorsichtig führte er sie über die Trümmer auf dem Boden.

Wenn ich ihn jetzt rufen würde—

wenn ich ihm sagen würde, dass ich schwanger bin—

würde er sich überhaupt umdrehen?

Nein.

Er würde mich nur als Belastung sehen.

Er würde mich zur Seite stoßen, um sie zu retten.

Ich legte die Hand auf meinen Bauch.

Auf das Geheimnis, von dem er nichts wusste.

Auf das Leben, das in mir wuchs.

Tränen stiegen auf.

Ich zwang sie zurück.

Jetzt war nicht der Moment dafür.

In diesem Augenblick überwand der Wille zu überleben jede Angst.

Jeden Schmerz.

Ich biss mir auf die Lippe und stemmte mich auf Hände und Knie.

Der Schmerz war unerträglich.

Doch ich ignorierte ihn.

Ich rannte ins Schlafzimmer und griff nach dem alten Mantel.

Der USB-Stick im Futter drückte hart gegen meine Brust.

Meine einzige Rettung.

Das Schussfeuer kam näher.

Der Himmel auf einer Seite des Hauses glühte bereits feuerrot.

Ich stützte mich an der Wand ab und taumelte hinter das Arbeitszimmer.

Dort befand sich eine versteckte Tür—

sie führte auf einen schmalen Pfad in den Wald hinter dem Anwesen.

Ich warf mich mit der Schulter dagegen.

Feuchte Erde und der Duft von Kiefern schlugen mir entgegen.

Ein einziges Mal blickte ich zurück auf das Haus, in dem ich fünf Jahre gelebt hatte.

Kein Bedauern.

Nicht die geringste Spur.

Dann rannte ich in den Wald.

Trockene Blätter und Äste knackten unter meinen Füßen.

Jeder Schritt fühlte sich an, als würde ich über zerbrochenes Glas laufen.

Der Schmerz in meinem Bauch kam in Wellen.

Blut sickerte in den Saum meines Kleides.

Ich durfte nicht stehen bleiben.

Durfte mich nicht umdrehen.

Bang.

Bang.

Die Schüsse hinter mir hörten nicht auf.

Ob sie mir galten oder nicht, wusste ich nicht.

Ich wusste nur eins—

ich musste laufen.

Ich musste leben.

Ich presste die Arme um meinen Bauch und rannte durch den dunklen Wald.

Äste schlugen mir ins Gesicht.

Dornen rissen meine Hände auf.

Irgendwann spürte ich den Schmerz nicht mehr.

Nur noch einen einzigen Gedanken.

Raus hier.

Mein Kind hier rausbringen.

Die Dunkelheit verschluckte den ganzen Berg.

Ich rannte wie ein gejagtes Tier durch die Bäume.

Ich weiß nicht, wie lange.

Nur, dass irgendwann die Schüsse verstummten.

Und irgendwann meine Beine mich nicht mehr trugen.

Ich brach zusammen.

Riss die Luft stoßweise in meine Lungen.

Ich lebte.

Mein Kind und ich—

wir lebten.

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