Ganz normaler Alltag
"Hanna, er benötigt für heute ein weißes Hemd. Würden Sie ihm das bitte raushängen?"
Wie jeden Morgen habe ich mein Handy auf Lautsprecher gestellt, damit ich mich anziehen kann, während ich gewissermaßen schon arbeite.
"Er ist noch auf seiner Joggingrunde. Ich hänge es ihm raus." Auf Hanna ist wie immer Verlass.
"Danke, bis später." Ohne ihre Antwort abzuwarten, lege ich auf und ziehe schimpfend meine Perlonstrumpfhose wieder aus, weil ich soeben eine riesige Laufmasche entdeckt habe. Ich bin vorbereitet, hole eine neue aus der Verpackung und ziehe sie extra vorsichtig an. Geschafft. Kleid drüber. Fertig. Während ich mir den Kaffee in den Thermobecher gieße, schlüpfe ich in meine Pumps und packe alles, was ich brauche, in meine Tasche. Und dann geht es schon los.
Es gibt heute viel zu tun. Es steht eine große Mitarbeiterversammlung an. Während ich mit dem Handy am Ohr über die Ampelkreuzung laufe, stoße ich mit jemandem zusammen. Mit einem kurzen "Entschuldigung," laufe ich weiter.
"Ja, guten Morgen, Evelyn Hardt , die Assistentin von Mr. Saven. Wir haben für heute Mittag ein kleines Catering bestellt und ich wollte nur sicher gehen, dass alles glatt läuft und pünktlich vor Ort aufgestellt ist."
"Selbstverständlich wird alles pünktlich vor Ort sein. Aber ich weiß ja inzwischen, dass Sie nichts dem Zufall überlassen." Mrs. Davidsen kennt mich inzwischen schon. Wenn wir ein Catering benötigen, können wir immer auf Mrs. Davidsen zählen. Und sie weiß, dass ich mich immer rückversichere.
Ich gehe in den Gebäudekomplex, der unsere Büroräume beherbergt.
"Guten Morgen, Evelyn," begrüßt mich Costa am Empfang. Er ist Sohn griechischer Einwanderer, ist aber selbst in New York geboren. Seine schwarzen Locken sind inzwischen silbergrau durchzogen. Und sein Gesicht weist ein paar Falten auf. Trotzdem sieht er nicht aus wie 50. Das liegt vielleicht an seiner attraktiven jungen Frau, die ihm Zwillinge geboren. Er ist mächtig stolz darauf und wann immer sich die Möglichkeit ergibt, zückt er sein Handy, um die neuesten Fotos zu zeigen.
"Guten Morgen, Costa. Wie geht es dir heute?" Er strahlt über das ganze Gesicht. Er ist einfach durch und durch ein fröhlicher Mensch, der in allem was gutes erkennen kann.
"Danke, gut," lächelt er jetzt.
"Dann hab einen schönen Tag." Ich gehe zügigen Schrittes auf den Aufzug zu und warte, bis sich die Türen öffnen. Noch bin ich alleine. Aber der Aufzug hält in der ersten Etage und Trixie steigt ein. Sie heißt eigentlich Beatrix, ist ein paar Jahre länger als ich in der Firma und hatte sich wie ich um die Assistenzstelle beworben. Als sie aber abgelehnt wurde und ich neu anfing, hat sie es mich spüren lassen. Ihre herablassend höfliche Art hat sich mir gegenüber nicht geändert. Aber sie ist es offensichtlich müde geworden, mir dazwischen zu funken. Doch heute wirkt sie abwesend und sieht mich nicht einmal an. Sie steigt in der zweiten Etage aus und ich fahre alleine in den dritten Stock. In meinem Büro angekommen hole ich sofort Wasser und koche frischen Kaffee. Ich nehme nicht die komische bittere Kaffeesorte, die es hier im Haus gibt. Im Eingangsbereich gibt es noch einen Automaten, dort kann man den Cappuccino ganz gut trinken, aber die Haussorte ist eindeutig ungenießbar.
Doch der Kaffee, den ich kaufe, kommt aus einer privaten kleinen Rösterei. Er hat einen unverkennbaren Duft und eine zarte Schokonote. Der ist gut und der Boss mag ihn offenbar auch.
Schnell starte ich meinen PC und gehe in das Büro vom Boss. Dort fahre ich ebenfalls den Computer hoch und sein Tablett, um die digitalen Magazin über Börsengang und Medien zu öffnen, die ihm wichtig sind.
Ich bin gerade damit beschäftigt, die Emails zu sortieren in 'wichtig' und 'kann warten'. Als meine Bürotür aufgeht und der Boss vor mir steht.
Sofort stehe ich auf, allein schon aus Respekt. Und er lächelt mich an.
"Guten Morgen,Evelyn. Sie sind aber schon ziemlich früh unterwegs und ziemlich beschäftigt."
"Guten Morgen, Sir. Was...Was wollen Sie denn damit sagen? " Ich bin sichtlich irritiert.
"Ich will damit sagen, dass Sie mich fast umgerannt haben." Er sieht mich an, meine Reaktion abwartend.
"Verzeihung, Sir. Das war nicht meine Absicht. Habe ich Sie irgendwo verletzt? Muss ich...Was soll ich tun?"
Er fängt schallend an zu lachen.
"Beruhigen Sie sich. Es ist alles okay. Atmen Sie." Er legt seine Hand auf meine Schulter und sieht mich freundlich an.
Marc Saven hat die Firma vor ein paar Jahren klein und fein gegründet. Daraus ist in den Jahren eine gut laufende IT-Firma geworden, er hat Leute eingestellt, die sich jeden Tag Gedanken darüber machen, wie man im Rahmen der Technologie das Leben besser machen kann. Marc ist erst 28 Jahre jung, aber er ist strebsam und erfolgsorientiert. Seine Firma läuft, nicht zuletzt, weil er die Fäden in der Hand hält. Auch wenn es andere sind, die die Arbeit machen, verbringt er seine Zeit damit, sich zu informieren, was auf dem Markt los ist, welche Neukunden den Weg zu seiner Firma gefunden haben und wie alles noch besser werden kann.
Jetzt sieht er mich direkt an. Er hat haselnussbraune Augen und er bekommt Lachfältchen in den Augenwinkeln, wenn er lächelt. Er ist ein gutaussehender hübscher Mann, dem die Frauen hinterherlaufen. Groß, ca. 1,90m, schlank und muskulös, breite Brust, starke definierte Arme. Und er ist ziemlich reich. Rundum der geborene Schwiegermuttertyp. Bei festlichen Anlässen und Empfängen lädt man ihn gern ein, denn er ist ein kultivierter, gern gesehener Gast. Und Marc Saven ist zu jedermann nett und freundlich.
"Geht es Ihnen jetzt wieder besser?" fragt er und sieht mich prüfend an.
"Ich glaube ja," meine ich nur. Ich atme noch einmal tief ein, um meine Schnappatmung endlich in den Griff zu bekommen.
Er lässt meine Schulter los und geht grinsend in sein Büro.
Ich bereite schnell das Tablett mit dem Kaffee vor und stelle das Kännchen mit Kaffeesahne und den Würfelzuckerbehälter dazu. Als ich in sein Büro gehe, steht er am Fenster und sieht auf die Straße.
"Hatten Sie ein schönes Wochenende, Evelyn? Haben Sie etwas schönes unternommen?" fragt er jetzt.
"Es war....okay, Sir." Meine Antwort ist mit 'okay' ein bisschen weit weg von dem, was wirklich gewesen. Aber ich werde ihm natürlich nicht erzählen, dass mein drogensüchtiger Bruder meine halbe Wohnung verwüstet hat auf der Suche nach Dingen, die er verkaufen kann, um seine Sucht zu finanzieren.
Ich habe mehrfach versucht, ihn in eine Entzugsklinik zu bekommen. Aber ich bin jedesmal gescheitert. Und ich lege keinen gesteigerten Wert darauf, dass irgendwas davon heraus kommt. Denn die Firma pflegt ein gutes Image und solche Eskapaden tragen nicht dazu bei. So ist es auch nur logisch, dass ich diesbezüglich meinem Chef nichts sagen werde.
"Nur okay?" wiederholt er jetzt und sieht mich skeptisch an. Ich setze schnell mein perfekt einstudiertes Supergutelaune-Lächeln auf. "Alles okay, Sir. Ihr Kaffee wird kalt." Schnell gehe ich wieder raus. An meinem Schreibtisch atme ich tief durch.
"Das Leben ist kein Ponyhof. Und man kann sich eben nicht einer Tour freuen." Mit diesem Gedanken starte ich in die Arbeit.
