Kapitel 4 - Sie hatte nicht einmal das Recht zu sterben
Ein hohles, spöttisches Lachen war die Antwort.
„Ach, es geht also um Geld. Natürlich, worum sonst? Noch kein Monat ist vergangen, warum die Eile? Das Geld wird schon kommen, mach dir keine Sorgen. Ein paar Mahlzeiten für dich können wir uns noch leisten.“
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Ruf mich nicht mehr an, wenn es nicht dringend ist. Falls ich etwas von dir brauche, melde ich mich schon.“
Mit diesen Worten war die Verbindung unterbrochen.
Hanne Salzer hielt das Handy in der Hand, wie betäubt.
Seine Verachtung für sie war so grenzenlos, dass sie begann, sich selbst zu verachten.
Hanne Salzer war leichenblass. Der Gedanke daran, wie sie ihn soeben um Geld angebettelt hatte, kam ihr erbärmlich und erniedrigend vor.
Langsam legte sie die Hand auf ihren noch flachen Bauch... Sie schloss die Augen, Tränen traten aus ihren Augenwinkeln.
...
Acht Monate später.
In Brisa, Slum.
Hanne Salzer lag schlafend im Bett. Ihr Bauch war bereits sehr groß, hochgewölbt und rund.
Der errechnete Geburtstermin war in den nächsten Tagen. Der Arzt hatte ihr geraten, wegen der ungünstigen Kindslage vorzeitig ins Krankenhaus zu gehen.
Hanne Salzer hatte nur gelächelt, nichts gesagt.
Weil sie kein Geld hatte.
Vor acht Monaten, nach jenem Telefonat mit Cäsar Lasch, in dem er sie mit Worten zerstört hatte, war das Taschengeld... nach wie vor nicht gekommen.
Hanne Salzer hatte ihre gesamten Ersparnisse aufgebraucht, die Wohnung konnte sie sich nicht mehr leisten, schließlich war sie in den Slum gezogen.
Sie hatte ihn nicht noch einmal um Geld gebeten.
Sie hatte es nicht mehr übers Herz gebracht, sich von ihm als Schmarotzer beschimpfen zu lassen.
Im Slum hatte sie sich notdürftig eingerichtet und eine Teilzeitarbeit gefunden, mit der sie jobbte und nebenher studierte.
Es war nicht viel, was sie verdiente, aber wenn sie sparsam lebte, reichte es, um den Magen zu füllen.
Sie schlief tief und fest...
Plötzlich brachen laute Rufe und Geschrei aus.
„Feuer!“
„Es brennt!“
„Lauft!“
Hanne Salzer wurde wach, stieg aus dem Bett, riss die Tür auf. Draußen herrschte bereits Chaos. Dichter Rauch wallte auf! Flammen schlugen zum Himmel!
Sofort wurde sie blass.
„Hanne!“
Eine andere Studentin, ihre Nachbarin, sah sie, voller Panik.
„Was tust du noch hier? Es brennt! Du musst sofort raus!“
„Ich komme gleich!“
Hanne Salzer rannte zurück ins Zimmer, griff nach ihrem Rucksack.
Sie wollte noch weiter hinein, doch die Nachbarin packte sie am Arm. „Bist du lebensmüde? Wo willst du hin? Komm schon!“
„Warte!“
Hanne Salzer stampfte verzweifelt mit dem Fuß auf.
Ihr Geld war noch drin. Jeden Cent, jeden Euro hatte sie für das Kind in ihrem Bauch zusammengespart!
Davon hing die Geburt im Krankenhaus, Windeln, Babynahrung...
„Ich muss da rein!“
Kaum war sie einen Schritt hineingelaufen, brach ein brennender Balken von der Decke und krachte herab!
„Ah!“
Hanne Salzer reagierte schnell, wich zurück.
Sie blieb unverletzt, aber der Weg nach innen war nun blockiert.
„Hanne! Schnell!“
„Nein!“
Hanne Salzer schüttelte verzweifelt den Kopf, sie konnte nicht gehen! Sie riss sich von der Nachbarin los und rannte blindlings in den Raum.
„Aua!“
Eine Feuerzunge, vom Wind angefacht, schlug auf sie zu. Hanne Salzer drehte sich weg, die Flammen leckten über ihren unteren Rücken, der Schmerz ließ ihr das Gesicht verzerren.
„Hanne!“
Die Nachbarin zog sie zurück. „Ist es schlimm?“
„Es geht schon...“
Sie schüttelte den Kopf, aber der dichte Rauch ließ sie husten und würgen.
„Komm, wir müssen weg!“
Die Nachbarin ließ sie nicht los. „Du kannst da nicht mehr rein!“
„Aber...“
„Denk an das Kind! Der Rauch ist tödlich! Willst du stur deinen Kopf durchsetzen und dafür zwei Leben opfern?“
„Komm jetzt!“
Vom Nachbarn halb gezogen, halb geschoben, gelangte Hanne Salzer schließlich aus dem brennenden Gebäude.
Ihr Rücken war verbrannt, das Geld nicht gerettet. Sie konnte nur hilflos zusehen, wie die baufällige Hütte vom Feuer verschlungen und zu Asche verbrannt wurde.
Wie sollte es nun weitergehen?
„Aua!“
Plötzlich durchfuhr sie ein stechender Schmerz, Hanne Salzer hielt sich den Bauch.
„Was ist mit ihr?“
Menschen von der Straße kamen herbeigelaufen.
„Das Baby bekommt!“
„Ruft einen Krankenwagen! Bringt sie ins Krankenhaus!“
...
„Ah!“
„Drück!“
Hanne Salzer wurde ins Krankenhaus gebracht, lag im Kreißsaal, durchlitt stundenlange Qualen und kam mit knapper Not mit dem Leben davon.
Schließlich brachte sie ein Kind zur Welt.
Eine hellhäutige Krankenschwester legte ihr das Baby in den Arm. Hanne Salzers Tränen brachen hervor, doch sie lächelte.
Das war ihr Kind...
Ihre Familie...
Von nun an war sie nicht mehr allein!
Sie schloss die Augen und fiel in Ohnmacht.
...
Als sie die Augen wieder öffnete, saß Hanne Salzer da, hielt ihr Kind im Arm, den Blick gesenkt, und sagte kein Wort.
Die hellhäutige Krankenschwester sah sie hilflos an. Sie war gekommen, um die Krankenhausrechnung einzufordern. Hanne Salzer hatte gezahlt, aber es war bei weitem nicht genug.
Hanne Salzer senkte den Kopf, sie hatte nichts zu erwidern.
Sie wusste, dass es schamlos war, aber sie hatte wirklich kein Geld mehr...
„Ach.“
Die Krankenschwester hatte ein weiches Herz. Sie sah, wie jung das Mädchen war, und vermutete, ein Herzensbrecher habe sie im Stich gelassen.
„Hast du denn keine Familie? Oder Freunde? Kontaktiere sie, bitte sie um Hilfe.“
Damit ging sie, ohne allzu großen Druck auszuüben.
Hanne Salzer blickte auf, ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Familie? Freunde? Die hatte sie wirklich nicht...
Aber sie war eine Mutter jetzt. Sie konnte nicht wie eine Schmarotzerin die Krankenhausrechnung nicht bezahlen!
Hanne Salzer kramte in ihrer Tasche, holte das Handy heraus.
Nach acht Monaten wählte sie erneut Cäsar Laschs Nummer.
Piep, piep, piep...
Nach scheinbar endlosem Klingeln meldete sich jemand.
„Cäsar ...“
„Hallo?“
Kaum hatte sie den Mund geöffnet, erklang am anderen Ende eine vertraute weibliche Stimme - Madleen Friesinger!
„Bist du es, Hanne Salzer?“
Madleen Friesinger lächelte hörbar, ihre Stimme war sanft und klar. „Suchst du Cäsar? Er kann gerade nicht ans Telefon. Wenn du etwas möchtest, kannst du es mir genauso gut sagen.“
Könnte sie es ehrlich meinen?
Hatte sie Hanne nicht bis aufs Blut gehasst?
Doch in dieser Lage konnte Hanne Salzer nicht wählerisch sein.
Sie hatte keinen Ausweg mehr!
Sie fasste all ihren Mut zusammen und bat, fast schon demütig: „Ich, ich wollte fragen, ob er... mir vielleicht etwas Geld leihen könnte?“
Sie wagte nicht mehr, ihn direkt darum zu bitten, nur als Leihe.
„Bitte, ich werde es zurückzahlen. Sobald ich Geld habe, gebe ich es ihm sofort zurück!“
„Ach so.“
Madleen Friesinger lächelte im Ton. „Gut, ich habe es verstanden. Ich werde es ihm ausrichten. Dann lege ich jetzt auf.“
„Danke...“
Hanne Salzer hatte ihr Dankeschön noch nicht zu Ende gesprochen, da war die Leitung schon tot.
Sie hielt das Handy in der Hand, ihr Herz klopfte bis zum Hals.
Würde Cäsar Lasch es leihen? Vielleicht aus Rücksicht auf Raffaela Waldows Zuneigung zu ihr? Vielleicht weil sie noch nicht offiziell geschieden waren...
Doch ein Tag verging, dann noch einer.
Hanne Salzer wartete vergeblich.
Zwei Tage später stand sie mit ihrem Rucksack auf dem Rücken und dem Kind im Arm vor dem Haupteingang des Krankenhauses.
Weil sie die Rechnung nicht bezahlen konnte, war sie hinausgeworfen worden.
Sie blickte zum Himmel, die winterliche Sonne blendete Hanne Salzer, so dass sie die Augen schloss. Tränen quollen unter ihren Lidern hervor.
„Du darfst nicht weinen.“
Hanne Salzer biss die Zähne zusammen, warnte sich selbst.
„Du hast kein Recht zu weinen. Du bist eine Mutter, du hast ein Kind zu ernähren! Du darfst nicht weinen!“
Und sie war mittellos. Die Hütte im Slum war abgebrannt, sie hatte nicht einmal einen Platz zum Schlafen...
...
Zwei Wochen später.
Hanne Salzer rannte, das Kind im Arm, blindlings vorwärts.
„Haltet die Diebin! Sie hat was gestohlen!“
„Schnell! Ergreift sie!“
Die hastigen Schritte hinter ihr kamen immer näher!
Es war offensichtlich, dass sie nicht entkommen würde.
Ihr Fuß stolperte, Hanne Salzer stürzte nach vorn. Im Fallen drehte sie sich zur Seite, um das Kind in ihrem Arm zu schützen.
„Habt sie!“
Sie kam nicht mehr hoch, bevor die Verkäufer sie erreichten und zu Boden drückten.
„Wohin willst du noch fliehen! Was hast du gestohlen? Heraus damit!“
Ihre Tasche wurde ihr weggenommen, der Reißverschluss aufgerissen und der Inhalt auf den Boden geschüttet.
„Babynahrung? Windeln? Wozu stiehlst du so etwas?“
„Seht mal! Sie hält ein Baby im Arm!“
Hanne Salzer schloss vor Scham die Augen. In diesem Moment wünschte sie sich den Tod herbei. So war sie geworden, ihrer Würde völlig beraubt!
Doch sie hielt das Kind in ihrem Arm fest. Ausgerechnet jetzt hatte sie nicht einmal mehr das Recht zu sterben.
