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Essen

Katalia wusste nicht was sie tun sollte. Sie wollte schreien, mit den Armen fuchteln, die Menschen auf der Bühne warnen.

Aber sie durfte keine Aufmerksamkeit auf sich lenken.

So blieb sie still sitzen, jeden Muskel ihres Körpers verkrampft, und blickte auf den silbrig glänzenden Dolch. Im Schein des Feuers schien die glatte Klinge zu leuchten, wie die Mondsichel am Himmel über ihnen.

Malita bemerkte ihre Verspanntheit und sah sie verwirrt aus den Augenwinkeln an.

,,Ist dir nicht gut?"

Katalia starrte weiter schweigend auf die Bühne. Sie hielt den Atem an. Was konnte die Braut vorhaben? Wollte sie ihren Vermählten erstechen? Oder villeicht ihre Eltern? Oder... gar sich selbst?

Ihre Vermutung schien sich zu bestätigen. Die Braut hob den Dolch und platzierte die Spitze über ihrer Brust. Dann riss sie ihr Gewand auf. Katalia sah die blasse, zarte Haut ihres Busens.

Ihre Eltern und ihr Ehemann sahen ihr bewegungslos zu.

Katalia wollte aufspringen. Auf die Bühne stürmen. Der Braut den Dolch aus der Hand schlagen. Warum tat denn niemand etwas?

Einst, als sie noch kleiner gewesen war, war ihr Vater von seiner Arbeit im Steinbruch zurückgekommen und hatte noch müder und trauriger als sonst gewirkt. Katalia, ihr Bruder und ihre Mutter hatten ihn gedrängt den Grund dafür zu erzählen. Er sagte es hatte einen Steinschlag gegeben. Ein Arbeitskollege, mit dem er befreundet gewesen war, war von den herunterrollenden Steinen zerquetscht worden.

Dann hatte er Katalia und ihren Bruder je auf ein Knie gesetzt und ihnen eingeschärft niemals ihr Leben wegzuwerfen. Denn es war ein Geschenk. Ein Geschenk das zu jeder Zeit in jedem Moment wieder genommen werden konnte.

Dieses Gespräch hatte Katalia tief verinnerlicht. Ihr Bruder villeicht weniger, sonst wäre er wohl nicht der Armee beigetreten wo Männer starben wie Fliegen. Doch sie, sie hatte sich und ihrem Vater versprochen, egal wie schwer es werden würde, sie würde sich niemals ihr eigenes Leben nehmen.

Und jetzt saß sie dort und beobachtete wie das junge Mädchen vor ihr im Begriff war eben dies mit ihrem eigenen Leben zu tun.

Schon ritzte die Spitze des Dolches eine Wunde in die Haut. Katalia zuckte zusammen als sie Blut sah.

Doch dann tat die Braut etwas merkwürdiges, sie drückte einen Finger auf die Wunde. Als wolle sie das Blut stoppen. Hatte sie sich umentschieden? War sie zur Vernunft gekommen?

Das Blut färbte ihre Fingerspitze rot. Sie nahm den Finger von der Wunde, kniete nieder und presste ihren blutigen Fingerabdruck auf das Papyrus vor ihr.

,,Malita! Was geschieht hier?"

Auf einmal zückte der Bräutigam ebenfalls einen Dolch. Katalia sah angespannt und verwirrt zu, wie er sein Gewand öffnete und das Gleiche tat wie die Braut.

Malita sah ihre neue Freundin an, als hielte sie diese für hoffnungslos begrenzt.

,,Das ist ein Part der Zeremonie, Katalia. Der wichtigste sogar. Die Braut und der Bräutigam setzen ihren Fingerabdruck unter den Ehevertrag und zwar mit ihrem Herzensblut."

,,Herzensblut?"

,,Das Blut das direkt ganz frisch aus dem Herzen kommt. Deswegen schneiden sie sich doch die Haut über dem Herzen ein. Weil das Herz doch das Blut macht."

Katalia nickte verwirrt. Davon, dass das Herz Blut machte hatte sie noch nie gehört aber sie war erleichtert, dass anscheinend niemand auf der Bühne vorhatte Selbstmord zu begehen.

,,Und man sagt, dass im Herzen die Liebe wohnt und deswegen ist in dem Blut, dass das Paar für den Fingerabdruck nimmt am meisten Liebe enthalten. Und das wiederum ist der Grund, warum man genau dieses Blut nimmt. Weil es bei Hochzeiten um Liebe geht, verstehst du? Also bei dieser geht es zwar eher um Geld und Macht, sagt mein Vater und deswegen war ihm auch nicht danach zu erscheinen, aber normalerweise,- wie bei meinen und sicher auch deinen Eltern, geht es beim heiraten um Liebe." Fuhr Malita fort.

,,Jedenfalls jetzt, wenn der Bräutigam auch einen Fingerabdruck gesetzt hat, gibt der Vater der Braut den Musikern ein Zeichen und dann wird Musik gespielt, und zwar fröhliche, und gefeiert."

,,Ist einem dann erlaubt zu essen?"

,,Ja."

Der Bräutigam richtete sich auf, rückte sein Gewand zurecht und grinsend gab der Vater den Musikern ein Zeichen.

Laute Musik wurde gespielt. Das frisch vermählte Paar stieg von der Bühne und Sklaven eillten herbei, um Stühle beiseite zu räumen und die Deckel von den Töpfen mit dem Essen zu nehmen.

Die ausgeharrte Spannung löste sich auf, laute Gespräche erfüllten die Luft und die Gäste bewegten sich zur Tanzfläche oder zum Tisch mit den Speisen. Und bevor Katalia wusste wie ihr geschah lief sie ebenfalls zum Tisch.

Sie war so hungrig, dass sie wahllos einen Teller mit dem Inhalt des ersten Topfes vollud, den sie sah. Es war ein dicker, fleischiger Eintopf der ausgezeichnet schmeckte. Nachdem sie die ersten paar Löffel heruntergeschlungen hatte, konnte sie schon wieder etwas klarer denken und ihre Aufmerksamkeit den anderen Speisen zuwenden.

Noch nie hatte sie soviel Essen auf einem Haufen gesehen. Es gab alle Arten von Fleisch: Hühnchen, Gans, Rind, Schwein, Ente, Kaninchen, in köstlichen Soßen oder Suppen serviert.

Es gab auch Fisch: gekocht, gedünstet, gebacken und gegrillt.

Als Beilage gab es verschiedenste Arten von Reis und Kartoffeln, Linsen und Hirse. Gebackenes, gegrilltes oder gekochtes Gemüse. Mit Olivenöl bestrichen. Alles war ausgiebig gewürzt und ohne Zweifel von Meisterhand zubereitet worden.

Es gab auch Schalen mit Nüssen, getrockneten Früchten und allen möglichen Süßigkeiten.

Katalia versuchte von allem zu probieren, doch es war einfach zu viel. Viel zu schnell war sie satt, aber hörte trotzdem nicht auf. Erst als sie das Gefühl hatte sich jeden Moment übergeben zu müssen, ließ sie den Löffel sinken.

,,Du warst wirklich hungrig." Bemerkte Malita milde, die an einem Stück süßem Gebäck knabberte.

,,Ja das war ich."

Katalia drückte ihre sorgfältig ausgekratzte Schüssel einem der Sklaven in die Hand. Dann machte sie sich daran unauffällig Essen in ihre Rocktasche zu stopfen. Ein Stück geräuchertes Putenfleisch, zwei Hühnerbeine, ein paar mit Rindfleisch gefüllte Teigtaschen...

Ihre Mutter würde staunen wenn sie heute Abend mit solch feinem Essen nach Hause kam. Wann hatten sie zu letzt Fleisch gehabt? Sie konnte sich nicht erinnern.

Kurz liebäugelte sie die Schüssel mit dem gewürzten Zitronenreis, den ihre Mutter sicherlich lieben würde, dann entschied sie sich aber für geröstete Kartoffeln. Sie wollte nicht riskieren, dass ihre Taschen Löcher hatten und sie am Ende eine Reisspur auf den Gassen hinterließ.

,,Was machst du da?"

Malitas helle Stimme ließ sie zusammenzucken.

Sie hatte die Anwesenheit des Mädchens fast vergessen. Warum ging sie denn nicht und spielte mit den anderen Kindern auf dem Fest?

,,Ich nehme mir etwas von dem Essen mit."

,,In deiner Rocktasche? Warum lässt du dir nicht von deinem Sklaven etwas einpacken?"

Malitas Stimme war nicht scharf, nur von kindlicher Neugierde geprägt, trotzdem wurde Katalia nervös. Es wurde Zeit, dass sie hier raus kam.

,,Außerdem bin ich mir fast sicher, dass es sehr unhöflich ist Essen von hier wegzunehmen und es einzupacken."

Setzte Malita nach und legte den Kopf schief.

Dann schien ihr etwas klar zu werden. Ihre runden Augen wurden groß.

,,Warte... Heißt das, dass du schon gehst?! Die Feier hat noch nicht einmal richtig begonnen. Ich wollte doch noch mit dir tanzen. Und du hast meine Tante noch nicht kennengelernt. Hast du überhaupt schon den Gastgebern gratuliert?"

Ohne es zu bemerken wich Katalia einen Schritt zurück, als Malita nicht aufhörte ihr Fragen zu stellen.

,,Warum bist du eigentlich nicht mit deiner Familie erschienen? Seit ihr mit der Familie der Braut verwandt? Oder mit der des Bräutigams? Oder befreundet? Von wem wurdest du eigentlich eingeladen?"

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