Erntedienst
Der Mittag war endlich gekommen, Leah hakte sich bei mir unter und begleitete mich zur Halle. Vor der Halle wartete mein Vater auf mich. Als er sah, dass ich eine Freundin gefunden hatte, erschien ein Lächeln im Gesicht, welches aber wieder erlosch, als er entdeckte, wie schwerfällig ich ging. Leah verschwand in der Halle, ohne dass ich sie darum beten musste.
„Was ist passiert?", fragte mein Vater mich, als ich endlich vor ihm stand.
„Wir hatten Kampftraining.", begann ich zu erzählen. „Und die blonde von gestern hatte mich als Gegner ausgewählt.." Dies passte meinem Vater ganz und gar nicht, denn ein bedrohliches Grollen bildete sich in seiner Kehle. „Schon gut, Dad.", wollte ich ihn beruhigen und packte ihn am Arm, um ihn auf mich zu fixieren.
„Ich werde mit ihr schon fertig."
Das wollte er hören, denn das Grollen verschwand und ein Lächeln erschien.
„Das ist mein Mädchen." Er nahm mich in die Arme und drückte mich fest.
„Autsch, Dad. Nicht so fest." „Oh, entschuldige, hab ich vergessen.", entschuldigte er sich ein bisschen verlegen.
„Schon gut.", nahm ich seine Entschuldigung an und boxte ihm spielerisch in den Arm. Ich war schon fast in der Halle, als ich mich umdrehte und auf meinem Vater wartete. Doch er kam nicht.
„Ich hab noch was zu erledigen. Wir sehen uns heute Abend." Nickend drehte ich mich wieder um und stellte mich in die Schlange, um mein Essen zu bekommen. Endlich mit dem Essen in der Hand suchte ich mir einen freien Platz, bei welchem nicht ganz so viele Leute waren, als ich plötzlich eine Hand in der Luft sah.
Leah hatte sich nach ganz hinten gesetzt und mir einen Platz frei gehalten. Zum guten Glück sogar mit genug Platz rund herum. Dankbar, setzte ich mich ihr gegenüber. Ich sah auf ihren Teller und stellte fest, dass sie gar kein Fleisch hatte.
„Willst du?", bot ich ihr ein Stück an.
„Nein, danke, ich bin Vegetarierin.", lehnte sie dankbar ab. Verständnisvoll nickte ich, froh das ganze Fleisch für mich zu haben, und begann zu essen.
Als ich fast fertig war, bewegte sich etwas in meinem Augenwinkel und ich sah hoch. Hätte ich besser nicht getan.
Es war die blonde Hyäne..
„Wie ich sehe, hast du dich mit dem Pflanzenfresser befreundet.", sagte sie spöttisch. Dazu sagte ich nichts.
„Wie auch immer. Wie du mich heute Morgen blamiert hast, das geht gar nicht." Dann kam sie mit ihrem Gesicht nah an meins und versuchte bedrohlich zu wirken.
„Niemand wagt es mich zu blamieren."
Mit diesem Satz erhob sie sich, griff nach meinem Getränk und schüttete es über meinem Kopf aus.
Ruhig bleiben, Rhianna, ruhig bleiben.
Diesmal gelang es mir knapp, mich zu beherrschen und mich nicht mit ihr anzulegen. Ich wollte keinen Ärger, aber anscheinend zog ich ihn magisch an.
Solche Sachen geschahen mir auch immer in dem Dorf, in welchem ich aufgewachsen war. Die Leute um uns herum sahen mit mitleidig oder anerkennend an.
„Oh mein Gott, Rhianna, ist alles in Ordnung?", fragte Leah mich erschrocken. Langsam drehte ich meinen Kopf in ihre Richtung und begann dann zu grinsen. „Ja klar, es war sowieso nur Wasser." Leah konnte nicht anders, als laut los zu lachen und ich stimmte bei ihr ein.
Lachend standen wir auf, verräumten unser Geschirr und schlängelten uns durch die Leute nach draussen. Noch immer lachend stiessen wir die Tür auf und stolperten nach draussen. Durch meine heftiges Lachen spürte ich meine Rippen wieder und ich versuchte nicht mehr zu lachen, was sehr schwierig war.
Denn immer wenn ich mich einigermassen im Griff hatte, schaute ich zu Leah, welche schon Tränen in den Augen hatte und sich einfach nicht beruhigen konnte und schon begann ich wieder zu lachen. Ein Junge, gefolgt von vier weiteren, trat an uns heran und wir verstummten augenblicklich. „Hey.", begrüsste er uns.
Ich wusste nicht, ob er zu mir oder Leah wollte, also schaute ich zu ihr, doch sie zuckte nur mit den Schultern. „Hey.", antwortete ich. „Ich bin Robbie.", stellte er sich vor. An der Röte in Leah's Gesicht, konnte ich erkennen, dass sie ein Auge auf einen von ihnen geworfen hatte. „Rhianna. Und das ist Leah.", stellte ich uns vor, was total unnötig war.
Die vier anderen Jungs winkten jeweils, während sie ihren Namen nannten.
Aiden. Ethan. Luke. Mike. „Ich find es cool, wie du Chantal die Stirn bietest.", sprach Robbie weiter.
Bevor ich fragen konnte, wer zum Teufel Chantal war, machte es Klick in meinem Kopf und ich zuckte bloss mit den Schultern. „Äähm, danke. Aber ich hab doch gar nichts getan.", erwiderte ich darauf. Mir war nicht wohl, so wie er mich mit seinen Blicken ansah. Zum Glück wurde er gerufen und er verabschiedete sich.
„Okay, na dann. Wir sehen uns später."
Darauf nickte ich bloss und wartete bis alle verschwunden waren. Verschwörerisch drehte ich mich zu Leah um und grinste. „Und? Welcher bekommt deine besondere Aufmerksamkeit?"
Leah wurde rot und sah sich beschämt um. „Niemand."
„Ach komm schon, Leah. Ich hab gesehen, wie die Röte in deine Wangen schoss, als sie zu uns kamen." Darauf hin wurde sie noch röter und flüsterte "Aiden" so leise, dass ich es fast nicht gehört hätte.
Aiden war ein hochgewachsener, kräftiger Typ mit blauen Augen und blonden Haaren, die er verwuschelt trug.
Ganz anders als Leah. Sie war eher klein und zierlich und hatte rehbraune Augen und dunkelbraune Haare, mit einem Pony, welche sie zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden hatte. „Seid ihr.. zusammen?", fragte ich sie neugierig.
Man konnte es kaum glauben, aber ihre schon roten Wangen wurden noch dunkler. „Nein. Er hat sich noch nicht verwandelt und weiss nicht, dass ich seine Seelenverwandte bin.. gerade das schwächste Tier.." Ich spürte, wie die Selbstzweifel bei ihr überschwappten.
„He, sag doch sowas nicht..! Du bist nicht schwach.", versuchte ich sie aufzumuntern. „Dann sag mir doch bitte, was genau an einem Reh nicht schwach ist?!", schrie sie mich verzweifelt an.
Damit hatte ich nicht gerechnet und ich sah sie geschockt an, bevor sie sich umdrehte und davon stürmte. Als ich endlich realisierte, was sie mir gerade eben gesagt hatte, rannte ich los und versuchte sie ein zu holen.
„Leah, warte!", schrie ich so laut ich konnte, bevor mir die Puste ausging.
Doch sie wartete nicht. Das einzige was sie tat, war ihr Schritt zu verlangsamen, damit ich sie einholen konnte. „Leah..", begann ich schwer atmend neben ihr.
„Jedes Tier ist auf eine eigene Art stark und jedes Tier ist auf wieder die eigene Art schwach."
Die Verwirrung in ihrem Gesicht, liess mich sie packen und zu mir drehen.
„Was ich damit sagen will ist, dass jedes Tier seine eigenen Stärken und Schwächen hat." Langsam verschwand die Verwirrung in ihrem Gesicht und sie sah mich ungläubig an. „Findest du?"
„Ja.", war alles was ich darauf antwortete. „Und du willst trotzdem noch meine Freundin sein?", fragte sie unsicher.
„Ach Gott, Leah. Wenn ich das nicht wollte, hätte ich mich schon erst gar nicht dir gegenüber an den Tisch gesetzt." Anscheinend hatte ich das richtige gesagt, denn sie begann zu lächeln und zog mich fest in ihre Arme.
„Autsch. Leah, meine Rippen." „Oh, entschuldige.", lächelte sie mich beschämt an. „Schon gut.", lächelte ich sie aufrichtig an. „Komm, wir sollten uns beeilen, bevor der Unterricht beginnt.", sagte sie und zog mich fröhlich hinter sich her.
Unterricht wäre schön. Ich hatte nicht gewusst, dass die, die sich noch nicht verwandelt hatten, sowas machen mussten, während sich die anderen an ihren Fähigkeiten üben konnten. Wir, die sich noch nicht verwandelt hatten, mussten bei der Ernte helfen. Es hatte sich herausgestellt, dass Aiden und ich noch die einzigen ausser den Kindern waren, die sich noch nicht verwandeln konnten.
So kam es, dass wir zu zweit auf einem Feld waren und unsere Körbe gegenseitig füllten. Aiden hatte mir erklärt, dass wir jeden Tag unser Programm abwechselten. Das hiess an einem Tag ernten und am anderen würden wir den anderen beim Training helfen. Was auch immer das heissen mag.
Mir lief bei der bratenden Sonne der Schweiss wie in Bächen von der Stirn.
Um mich ein bisschen von der Hitze abzulenken, quatschte ich mit Aiden.
„Und Aiden, hast du schon ein Mädchen im Visier?", fragte ich dann auf einmal.
Er tat so, als würde ihn dieses Thema nicht kümmern, doch ich konnte seine errötete Wange noch sehen, bevor er sich abdrehte.
„Och, komm schon. Ich kann deine roten Wangen sehen.", stichelte ich ihn an.
„Nein, ich will nicht, dass diese Person dann verletzt ist, wenn ich mich verwandle und jemand anders meine Seelenverwandte ist.", versuchte er sich raus zu reden.
Das war ein sehr starkes Argument, das musste ich ihm lassen und akzeptierte das mit einem Nicken. Irgendwann zwischen unserem Gespräch fragte er mich plötzlich etwas, mit dem ich nicht gerechnet hätte. „Rein Hypothetisch. Findest du es würde funktionieren, wenn ein Jäger mit einem Nicht-Jäger zusammen wäre?" „Rein Hypothetisch?", fragte ich ihn und er nickte. „Ich finde, solang es wahre Liebe ist funktioniert alles." „Weisst du schon, was du wirst? Jäger oder Nicht-Jäger?", fragte ich ihn darauf. Deprimiert schüttelte er den Kopf.
„Das ist es ja. Ich weiss nicht, zu welcher Kategorie ich gehöre, wenn ich mich verwandelt habe. Deshalb hab ich Angst mit diesem Mädchen auszugehen.", offenbarte er mir. Mit grossen Augen sah ich ihn überrascht an. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser grosse Typ so sentimental sein konnte.
„Aiden. Wenn sie so etwas besonderes für dich ist, dann sprich sie doch einfach an. Und wenn sie nicht deine Seelenverwandte ist, wird sie schon gar nicht mit dir ausgehen wollen.", gab ich ihm meinen Rat. Dankbar lächelte er mich an und nickte leicht, bevor er sich mit erröteten Wangen wieder der Arbeit zuwandte. „Und was ist mit dir?", fragte er nach einer Weile.
Fragend sah ich hoch zu ihm, da er gerade aufgestanden war. „Hast du schon jemanden im Visier?", stichelte er frech zurück. Es hatte keinen Sinn es zu leugnen, denn ich spürte, wie meine Wangen sich röteten. „Ich weiss nicht so genau..", gab ich eine Antwort. „Was weisst du nicht 'so genau'?", fragte er, während er das 'so genau' mit Finger-Gänsefüsschen unterstrich.
„Ob es da jemanden gibt. Als ich im Krankenhaus war, dachte ich, ich hätte etwas gespürt, aber bis jetzt hab ich niemanden gesehen, bei welchem ich dieses Gefühl hatte.", gestand ich ihm.
„Vielleicht hab ich mir das auch nur eingebildet, denn ich hatte eine Halluzination-Beere gegessen.", ergänzte ich dem lachend. Darauf konnte er nicht anders als zu lachen, bis er sich krümmte und sich auf den Boden fallen liess.
„Jaja, schon gut. Sich über andere lustig machen..", scherzte ich. „Sorry, Rhianna, aber ich stell mir dich gerade vor, wie du im Wald herum irrst und überall komische Sachen siehst." Ich musste mir vorstellen, wie dämlich ich vielleicht ausgesehen hatte und konnte nicht anders als zu lachen, bis die Tränen kamen.
Durch das heftige Lachen meldeten sich meine Rippen zurück und ich presste vorsichtig meine Hand darauf. „Sind die gebrochen?", fragte Aiden besorgt, während auch er seine Tränen abwischen musste. „Keine Ahnung.", war alles was ich dazu sagte und hob meinen Erntekorb hoch. Es war schon fast Abend und wir konnten unseren Dienst für heute beenden.
Auf dem Rückweg liefen wir schweigend nebeneinander her. „Vielleicht ist er bei der Jägergruppe, welche momentan noch unterwegs ist.", unterbrach Aiden die Stille.
Daran hab ich noch gar nicht gedacht..
„Ja, schon möglich.", stimmte ich zu und versank in meinen Gedanken.
