Kapitel 5 - Anthelia
"Ich bezweifle, dass Ihr wisst, wer ich bin oder wo Ihr Euch befindet." Seine vor Spott und Verachtung triefende Stimme jagt mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken.
Wenn ich könnte, würde ich mich immer weiter von ihm entfernen, doch versperrt er mir jeglichen Fluchtauswege. Und so wie er aussieht, würde er mich immer wieder finden und zurückbringen.
Zitternd vor Angst, was als nächstes passieren würde, starre ich ihm weiter in seine fast pechschwarzen Augen. In ihnen ist nichts anderes außer unendlicher Hass verankert. Je tiefer man schaut, desto größer wird diese dunkle Emotion.
Zu gerne würde ich wissen wollen, was in ihm solche Gefühle hervorgerufen hat. So viel Wut in sich zu tragen, dass man alleine bei seinem bloßen Anblick zurückschreckt, muss grauenhaft sein. Wäre ich er, würde ich vermutlich sogar Angst vor mir selber haben.
Seine Augen halten mich fest. Selbst wenn ich es wollte, ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Ein ganz sanftes Kribbeln durchflutet meinen Körper, was mich stärker erzittern lässt. Mein Körper scheint vollkommen verrückt zu spielen.
Der Mann strafft seine Schultern und baut sich zu voller Größe auf. Als würde es nicht reichen, dass er mir so schon Angst macht und ich am liebsten schreiend wegrennen würde. Ein dicker Klos bildet sich in meinem Hals.
"Mein Name ist Xavier Ragrur." Schweigend sehe ich weiterhin zu ihm auf. Nicht ein einziges Wort verlässt meine Lippen. Ich bin gar nicht mehr fähig überhaupt eine Reaktion von mir zu geben. Was soll man auch sagen, wenn solch eine Gottheit vor einem steht?
Wie vor kurzem aus der tiefsten Arktis geholt, sitze ich eingefroren da, in der Hoffnung, dass er gleich wieder gehen würde. Die Temperatur scheint seit seiner Ankunft in den Minusbereich gegangen zu sein. Wenn es weiterhin so kalt bleibt, werden mir gewiss noch die Gliedmaßen abbrechen.
"Ich bin der zukünftige Alpha dieses Rudels und somit auch der baldige König." Mein Herz pulsiert immer schneller.
"Ihr hingegen seid nur ein Mensch. Ihr bedeutet nichts hier, was es mir ein Leichtes machen wird, Euch Euer Handeln bewusst zu machen. Ihr wisst, dass es für Kreaturen wie Euch verboten ist unsere Lande zu betreten!
Aber wo wir schon einmal davon reden. Was hat ein so unschuldiges Weib wie Ihr es seid in unsere Lande getrieben? Und was wolltet Ihr mit den vielen Kräutern? Ihr seid doch nicht insgeheim eine Hexe, die uns alle verfluchen will, oder doch?"
Ich bin atemlos. Was hat mich mehr verletzt? Dass er mich als Kreatur ansieht oder als Hexe bezeichnet? Das hat bis jetzt noch nie einer getan, nicht einmal die Leute aus meinem Dorf.
Mein Herz fühlt sich sofort hundert mal schwerer an, als davor. Beschämt von seiner Aussage senke ich den Blick, damit er nicht meine aufsteigenden Tränen sehen muss. Ich darf vor ihm keine Schwäche zeigen, das würde nur schlecht für mich ausgehen.
Das gerade er mich als Hexe bezeichnet, tut noch mehr weh, als der Gedanke, dass es andere tun würden. Wieso tut es so weh, wenn er es sagt? Ich kenne ihn nicht einmal, doch weiß ich jetzt schon, dass er ein Monster ist. Mein Monster, dass es wohl liebt andere leiden zu sehen.
Ruckartig packt mein Gegenüber mein Kinn und zieht es brutal hoch, um meinen Blick einzufangen. Es ist schwer die Tränen zurückzuhalten, doch schaffe ich es irgendwie. Xavier hat wirklich sehr viel Kraft in seinen Händen.
Panik breitet sich in mir aus. Der Gedanke, dass er mir den Kiefer brechen könnte entlockt mir ein ängstliches wimmern. Keine Schwäche zeigen, rede ich mir immer wieder ins Gedächtnis. Doch wie soll ich keine Schwäche zeigen, wenn er nichts anderes den Wunsch danach in mir hervorruft?
Wie soll ich keine Schwäche zeigen, wenn ich mich ihm gegenüber genau so fühle?
"Etwas was ich nicht leiden kann, ist, wenn man mich ignoriert! Merkt Euch das, wenn Euch Euer Leben lieb ist!" Xaviers Knurren durchflutet den gesamten Kerker. Fest kneife ich meine Augen zusammen und ziehe den Kopf ein. Ich sollte ihn lieber nicht wütend machen.
"Ihr werdet mich sowieso töten.", winsele ich aus heiterem Himmel. Schnell will ich mir die Hand vor meinen Mund schlagen, um mich selber zum verstummen zu bringen, doch kann ich mich nicht mehr bewegen. Xaviers Umklammerung hindert mich daran. Wieso konnte ich nicht einfach meinen Mund halten?
Ich habe ihm schon fast die Erlaubnis gegeben, mein einsames Leben zu beenden. Wie dumm kann ich denn nur sein? Lilia würde mich Ohrfeigen, wenn sie mich jetzt so sehen würde. Oder sie würde mich hier rausholen, eins von beiden.
Der wütende Gesichtsausdruck auf Xaviers angespannten Antlitz lichtet sich allmählich und zurück bleibt die Pure Überraschung, die sich auf ihm abbildet. "Sieh an, die Hexe kann also sprechen. Sehr schön. Dann könnt Ihr mir wohl auch Euren Namen verraten."
Ich schlucke. Dass er mich erneut als Hexe betitelt hat, blende ich versucht aus. Eher bringt es mich durcheinander, dass nun auch er meinen Namen wissen will. Alleine Alec meinen Namen verraten zu haben, hat mich viel Überwindung gekostet.
Er hat wenigstens charmant und höflich reagiert. Bei Xavier kann ich es mir denken, dass das nicht der Fall sein wird. Da ist es gewiss besser, wenn ich weiter schweige. So kann er mich nicht noch mehr erniedrigen.
Endlose Sekunden verstreichen, in der er mir weiter in die Augen starrt, während ich schweige. Niemals werde ich ihm meinen Namen verraten. Mit welcher Begründung denn? Das muss er sich verdienen, so wie es sich Alec auch verdient hat. Mit Höflichkeit, Geduld und Freundlichkeit.
"Euren Namen, habe ich gesagt!", zischt er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
Der Druck auf meinem Kiefer wird stärker. Fest packt Xavier zu, als ein roter Schimmer über seine dunklen Augen zieht. Vor Schreck zucke ich zurück, doch hält mich dieses Monster weiter an Ort und Stelle. Wie war das noch gleich, mit dem nicht wütend machen?
"Die Hexe will also nicht reden. Macht nichts, ich brauche Euren Namen nicht, um Euch zu töten! Denn genau das werde ich mit Euch machen, Hexe! Ihr werdet für die Fehler Eurer Dorfbewohner einstehen, ganz gleich, ob Ihr etwas mit ihnen zutun habt oder nicht!"
"Welche Fehler? Wovon sprecht Ihr?", wimmere ich verzweifelt. Eine einzelne Träne fällt aus meinen Augen und läuft über meine Wange, bis zu seiner starken Hand. Der Schmerz ist unerträglich. Er soll endlich damit aufhören und verschwinden!
"Ihr scheint wirklich nicht zu wissen, worum es geht, nicht wahr, Hexe?" "Ich bin keine Hexe!" "Ach nein? Was wolltet Ihr dann mit den Kräutern?"
Es kostet mich sämtliche Mühe standhaft zu bleiben, als ich ihm stur entgegenblicke. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit einem so dominanten und muskulösen Mann reden würde.
Solche Art von Männern gab es in unserem Dorf nicht, wieso also sollte ich es mich je getraut haben? Männer machen mir von Hause aus Angst, besonders jene von dieser Sorte Mann.
Trotzig sehe ich direkt in seine dunklen Augen. "Sprecht!", faucht Xavier mir laut entgegen, als ich immer noch nichts gesagt habe.
"Das geht Euch nichts an!"
Klatsch!
Ich brauche einen Augenblick, um zu realisieren, was gerade geschehen ist. Das Brennen auf meiner Wange setzt viel zu spät ein, als dass ich reagieren konnte.
Benommen starre ich zu Boden. Der Schmerz zieht sich über meine gesamte Gesichtshälfte. Der ekelhafte Geschmack von Metall breitet sich in meiner Mundhöhle aus und verklebt ihn auf eine widerliche Art und Weise.
Das Bedürfnis ihm vor seine schwarzen Stiefel zu kotzen kommt mit einem unterdrückten Würgereiz in mir hoch.
Erst jetzt begreife ich, dass Xavier mich geschlagen hat. Schnaufend steht er vor mir und blickt hasserfüllt auf mich herab. Sein Körper bebt und es scheint so, als müsse er sich wirklich zurückhalten, mich nicht noch einmal zu schlagen.
Xavier taumelt wenige Schritte zurück und gibt mir somit die Möglichkeit weiter von ihm wegzurutschen. Wimmernd halte ich mir meine schmerzende Wange, die Tränen laufen unaufhaltsam über meine Wangen und tropfen auf den kalten Steinboden.
Noch nie in meinem Leben wurde ich geschlagen. Ich habe es immer nur gesehen, aber noch nie spüren müssen. Es ist ein grauenhaftes und erniedrigendes Gefühl. Der Schmerz schleicht langsam durch meinen gesamten Körper.
Nicht einmal das neu aufgekommene Adrenalin kann ihn stoppen. Wie ein verschrecktes Rehkitz wende ich meinen Blick von ihm ab und rolle mich auf dem kalten Boden zusammen. Es ist mir egal, ob dieses Monster direkt vor mir steht und meine Schwäche sieht, es ist mir egal, ob es andere hören können.
Laut fange ich an zu schluchzen, zu wimmern und zu schniefen. Es ist alles in einem. Zitternd halte ich mich an meiner schmutzigen Kleidung fest, als könnte ich mir somit ein Schutzschild aufbauen.
"Das war nur der Anfang, Hexe! Ich werde wieder kommen und dann werde ich Euch töten!" Damit schließt mich Xavier wieder in meiner Zelle ein und rauscht mit schnellen Schritten davon, doch nicht, ohne mich noch ein letztes Mal laut anzuknurren.
Verschreckt zucke ich zusammen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich je etwas so furchtbar angefühlt hat. Er hat mich geschlagen, mich erniedrigt und bespuckt, als wäre ich nichts wert. Als wäre mein Leben in seinen Augen nichts wert.
Vermutlich ist es das für ihn sogar so, denn sonst würde er mich nicht töten wollen. Seine letzten Worte lassen mich noch lauter aufheulen. Ich wünschte, ich könnte stärker sein. Lilia hätte ihm gewiss ihre Meinung gesagt, doch ich bin nicht sie.
Ich habe Angst vor Männern, ich bin schwach, unsichtbar, ein Mauerblümchen! Meine schüchterne Art verhindert es mir, mich anderen zu öffnen. Das hier scheint wohl der Verdienst dafür zu sein, dass ich mich immer verschlossen habe.
Ich lande bei einem dominanten, angsteinflößenden und brutalen Monster, dass hier anscheinend bald das Sagen haben wird. Mit jeder Sekunde, in der ich hier heulend und wimmernd vor Schmerzen liege, bereue ich es immer mehr mein Haus verlassen zu haben.
Ich könnte noch meinen Vater gesundpflegen, mit Lilia über alles mögliche reden, mich um die Hühner kümmern und Eier verkaufen, doch das werde ich nie wieder können.
Mein Urteil ist gewählt, und das heißt Tod. Gewiss wird er sich noch eine mörderische Art dafür ausdenken, um es spannender für ihn zu machen. Der Gedanke daran lässt mich erschaudern. Wimmernd robbe ich mich in die hinterste Ecke der Zelle, die die Flammen der Fackeln nicht erreichen.
Die Dunkelheit ist genau der Zufluchtsort, den ich nun brauche. Hier bekomme ich wenigstens ein bisschen das Gefühl nicht erneut von einem Monster attackiert zu werden. Das Schluchzen ist das Einzige was zu hören ist, als ich mich wieder mit dem Rücken zur Zellentür einrolle und die Augen schließe.
Die Kälte des Bodes kühlt die Hitze meiner brennenden Wange etwas runter, doch ist der Schmerz noch lange nicht vergessen. Er ist verankert, und das für immer. Genau jetzt fühle ich mich so alleine wie noch nie in meinem Leben zuvor.
Alleine und zum sterben verurteilt. Möge eine höhere Macht sich meiner erbarmen.
"Anthelia? Anthelia! Bei der Mondgöttin, was hat er Euch angetan?" Die Stimme des Unbekannten scheint wie in Watte gepackt und ganz weit weg zu sein. Ich weigere mich, jemand anderen an mich ran zu lassen. Ich bin dazu bestimmt alleine zu sein, also werde ich das auch so hinnehmen.
Ohne mich zu rühren bleibe ich auf dem kalten Boden liegen, der mich bis auf die Knochen frieren lässt. Doch das lasse ich mir nicht sonderbar anmerken. Es reicht schon, dass ich zitternd und schluchzend hier liege und versuche, die eben geschehenen Ereignisse zu verarbeiten.
Für einen Moment hege ich die Angst, dass es erneut Xavier sein könnte, und als hätte mein Körper einen weiteren Sinn dafür entwickelt, rolle ich mich noch enger zusammen und schluchze laut auf.
"Bleibt weg von mir! Reicht es Euch nicht, mich so zu sehen?" "Anthelia, ich bin es!" "Verschwindet doch endlich!"
Ich will schreien, jeden Schmerz, jeden Kummer von mir schreien, doch traue ich mich nicht. Zu groß ist die Angst vor weiteren Verletzungen.
Ruckartig werde ich an meiner Schulter gepackt und herumgerissen. Ich schreie, doch wird es von meinem Schluchzen verschlingt, wie ein Schiff von einem Seeungeheuer.
Mit meinen Händen und Beinen versuche ich Xavier von mir zu halten. Er soll wieder verschwinden und mich in meinem Elend verrotten lassen. Genau so, wie es das Schicksal von mir will. Denn wie es aussieht habe ich es nicht anders verdient.
Doch habe ich ganz vergessen, dass er mir deutlich überlegen ist. Auch mit Adrenalin in meinem Blut, was mich eigentlich für einen Moment stärker machen sollte, schafft er es meine Arme und Beine irgendwie in ihrer Hektik zu stoppen.
"Bitte bringt mich nicht um! Ich will nicht sterben!" "Anthelia, wovon redet Ihr? Ich bin es, Alec!" Verwirrt reiße ich meine verquollenen Augen auf. Vor mir kniet tatsächlich nicht Xavier, wie ich es erwartet hatte, sondern Alec.
Mit seinen wunderschönen blauen Augen sieht er besorgt auf meine zitternde Gestalt herab, als wäre ich ein verwundetes Tier, welches kurz vor dem sterben ist. Vorsichtig wischt er mir mit seinen Fingern die Tränen von den Wangen weg, was aber nichts bringt, denn kaum sind die Verflossenen beseitigt, kommen neue wieder.
Wie traumatisiert zucke ich zurück, als seine Finger in Berührung mit der schmerzenden Wange kommen. Sie pocht unangenehm, was mir Kopfschmerzen bereitet. "Was hat er Euch nur angetan, Kleines."
Viel zu viel, hätte ich am liebsten geantwortet, doch meine Stimme hat den Dienst hingeschmissen und sich in die hinterste Ecke verkrochen. Verübeln kann ich es ihr nicht. Beschämt weiche ich seinem Blick aus und senke meinen Kopf.
Das hindert Alec jedoch nicht davon ab, mich behutsam zu greifen und auf seinen Schoß zu ziehen. Schützend legt er seine warmen Arme um mich und hält mich an seine Brust gedrückt fest. Wie von selbst krallen sich meine Finger an dem blauen Stück Stoff fest, was seine Haut von mir trennt.
"Ihr seid eiskalt, Anthelia", sagt er fast schon mehr zu sich selbst. Es ist verblüffend, wie sehr Xavier und Alec sich voneinander unterscheiden. Laut Alec gehört Xavier zu einen seiner besten Freunde. Doch wie kann es dann sein, dass Alec mich wie eine kleine Schwester behandelt und mir Halt gibt, während Xavier mich als Hexe ansieht und ein totales Monster ist?
Wie kann jemand wie Alec mit jemandem wie Xavier befreundet sein. Das geht nicht meinen Kopf hinein. Wahrscheinlich tut das gerade aber auch gar nichts, weil der schon voll mit anderen Gedanken ist.
Ein weiteres Mal an dieses Monster zu denken, lässt mich in Alecs Armen beben. An seiner Brust fange ich ein weiteres Mal an zu schluchzen. Meine Tränen durchnässen den Stoff seines Hemdes, doch scheint es ihn nichts auszumachen.
Stattdessen streichelt er mir mit seiner Hand über meinen Kopf und versucht mich mit Worten zu beruhigen, was einigermaßen funktioniert. Erst als ich nur noch leise vor mich her schniefe, traut Alec es sich, mich wieder anzusprechen.
"Was hat er mit Euch gemacht, Kleines?", fragt Alec so leise an meinem Haar. Fast hätte ich es nicht gehört. Wimmernd kralle ich mich fester an ihm fest, als könnte Xavier gleich hier auftauchen und mir erneut etwas antun. Dass er mir mit diesem Verhalten noch mehr Angst als davor macht, ist gewiss unnötig zu erwähnen.
"Bitte zwingt mich nicht es noch einmal zu durchleben.", schniefe ich an seiner Halskuhle, an der ich mich vor dem Monster zu verstecken versuche. Alecs Duft nach Zimt und Vanille hat eine äußerst beruhigende Wirkung auf mich. Tief atme ich ihn ein, inhaliere ihn schon geradezu, denn wenn er mich so beruhigen kann, dann nehme ich es gerne hin.
"Ich zwinge Euch nicht dazu, lediglich bitte ich Euch darum, es mir zu sagen, denn wusstet Ihr, dass reden helfen soll, den Kummer zu vertreiben?" "Früher habe ich immer mit Lilia geredet, wenn ich Kummer hatte. Doch das hier...das ist kein Kummer Alec. Er hat-"
"Er hat Euch geschlagen, stimmts?" Alecs Stimme klingt angespannt und nicht mehr so einfühlsam, wie noch vor wenigen Sekunden. Tief atme ich durch, um nicht erneut in Tränen auszubrechen.
Ohne ihm eine weitere Antwort auf seine Frage zu geben, setze ich mich auf und sehe ihm in seine wunderschönen Meeresblauen Augen. Ich habe noch nie das Meer gesehen, doch stelle ich es mir genau so vor.
Hell und dennoch tief und einnehmend. Es verzaubert mich auf eine angenehme Art und Weise. Intensiv sehen wir uns beide in die Augen, versuchen in die Seele des Anderen zu blicken, doch ist meine verschlossen. Zurückgezogen, um sich vor dem gefährlichen Monster zu verstecken.
Es ist seltsam, dass wir beide so vertraut hier sitzen, wo Alec doch sonst immer so eilig verschwinden muss, bevor er erwischt wird. Jetzt sieht er nicht ein bisschen gestresst aus, als wäre es ihm egal, wenn er erwischt werden würde.
Mein Herz erwärmt sich bei den Gedanken. Alec gibt mir Halt, tröstet mich, bringt mich zum lachen und das wichtigste: Er behandelt mich so, wie ich es mir immer von einem Mann erhofft habe.
Höflich und Respektvoll. Nicht wie eine eigene Magd, mit der machen kann was er will. Seine zukünftige Frau kann sich sehr glücklich schätzen, jemanden wie ihn abzubekommen. So jemanden wie Alec wünscht sich jede Frau.
Seine Hände halten mich weiterhin fest, wofür ich ihm äußerst dankbar bin. Ich fühle mich wieder beschützt.
"Alec, haltet Ihr mich für eine Hexe?" "Wie bitte?" Irritiert sieht der Ältere mich an, als hätte er sich verhört. Sofort schießt mir die Röte in die Wangen und beschämt wende ich den Blick ab.
"Nein, vergesst es wieder. Es war dumm von mir und-" Sanft hebt Alec mein Kinn an und zwingt mich - auf sanfte Weise - ihn wieder anzusehen. Sein Blick ist durchdringend, aber dennoch liebevoll. "Wie kommt Ihr darauf, dass ich Euch für eine Hexe halten würde?" "Keine Ahnung. Es war nur so ein Gedanke."
"Nein, das war nicht nur so ein Gedanke. Hat er das zu Euch gesagt?" "Alec, bitte-" "Hat er Euch als Hexe bezeichnet?" Alecs Bemühungen, seine Beherrschung nicht zu verlieren, rechne ich ihm hoch an. Immer wieder sage ich mir, dass er mir nichts böses will. Alec sorgt sich nur um mich. Zumindest kommt es mir so vor.
Langsam nicke ich und lege meinen Kopf auf seiner Schulter ab. "Weil ich so viele Kräuter gesammelt hatte, hat er mich für eine Hexe gehalten, die euch alle verfluchen will. Und weil ich ihm nicht meinen Namen verraten wollte, hat er mich weiterhin Hexe genannt, bis...bis er mich dann geschlagen hat, weil ich ihm nicht sagen wollte, wozu ich diese Kräuter brauchte."
"Wieso wolltet Ihr ihm denn nichts sagen? Ihr hättet Euch das alles ersparen können, Anthelia", sagt Alec angespannt.
"Er hat mir Angst gemacht und in meinen Augen hat er es nicht verdient, so viel über mich zu wissen. Nicht so, wie Ihr. Ein Name kann vieles ändern. Man ist angreifbar, verwundbarer. Plötzlich ist man nicht nur eine Person, man hat ein Gesicht, eine Bedeutung. Ein Name liefert einen aus.
Hätte ich ihm meinen Namen gesagt, wer weiß, was er dann noch mit mir gemacht hätte? Außerdem...ich habe große Angst vor fremden Männern, besonders vor Männern wie Xavier. Ich bin schüchtern und traue mich nicht einmal andere anzusprechen.
Männer machen mir Angst, in ihrer Nähe werde ich zum Schatten." "Bei mir wart Ihr aber nicht so verängstigt wie Ihr es gerade sagt."
"Ihr habt mir auch sofort das Gefühl gegeben, dass Ihr mir nichts tun werdet. Alleine an der Art wie Xavier zu mir gekommen ist, habe ich gemerkt, weswegen er hier runter kam. Wie könnt Ihr nur mit so einem Monster wie ihm befreundet sein?", schniefe ich mit neuen Tränen in den Augen.
Alec atmet tief durch und zieht mich näher an seine Brust. Ich höre sein Herz entspannt darin pochen, als könnte nichts es aus der Ruhe bringen.
"Wisst Ihr, Xavier war nicht immer so. So kenne ich ihn sogar gar nicht. Er schlägt eigentlich niemanden, schon gar nicht Frauen. Aber nach diesem Vorfall vor ein einer Woche ist er nicht mehr der Selbe, wenn es um Menschen geht.
Er hat einen unstillbaren Hass auf sie, was er an Euch anscheinend auslassen will." "Ein Vorfall? Was für einer?" Alec spannt sich erneut an und verziert schmerzlich das Gesicht. In seinen Augen spiegelt sich unendliche Trauer wieder, welche mich selbst mit in die Tiefe reißt.
Sie erschlägt mich. Fest schluckt der braunhaarige und weicht meinem Blick aus. Sein Herz fängt an schneller zu schlagen.
"Xavier und Demetrius waren auf Patrouille, um nach dem Rechten zu sehen. Und da fanden sie sie. Vier unserer Leute, blutend, das Fell komplett abgezogen hinter der Grenze liegend. Für Xavier war es ein noch viel schlimmerer Anblick.
Sie gehörten zu seinem Rudel, für das er bald verantwortlich sein wird. Er hat sofort den Geruch der Menschen gerochen und seitdem will er nur noch Rache. Dass Ihr in unser Revier gekommen seid, hat seine Mordlust auf die Menschen nur verstärkt."
Ich habe das Gefühl nicht mehr atmen zu können. Eine feste Schlinge zieht sich um mein Herz und zieht sie fest. Ungläubig sehe ich ihn an, nicht wollend, dass diese Worte in meinen Kopf reinkommen.
Ich will es nicht glauben. Und doch kann ich nicht anders. Ich habe sie gesehen. Leandros - der Pelzverkäufer - hat ihre Felle hochgehalten und sie voller Stolz präsentiert. Ihre glänzenden und prachtvollen Felle, die schöner waren als alle anderen Felle zusammen. Mit einem Mal wird mir speiübel. Ich habe das starke Bedürfnis mich sofort übergeben zu wollen.
Das waren nicht nur Wölfe, sondern auch Menschen. Und jetzt waren sie tot. Gestorben auf so brutale Weise. Ich kralle mich an Alec fest, um nicht gleich in die Ohnmacht zu fallen.
"Das wusste ich nicht, Alec. ich schwöre es Euch. Ich habe damit nichts zu tun!" "Ich weiß. Deswegen werde ich einen Weg finden, wie wir Euch hier rausholen. Ihr habt dieses Schicksal nicht verdient. Ihr solltet nicht für etwas leiden, wofür Ihr nichts könnt."
"Aber wie wollt Ihr das denn anstellen? Xavier ist ein Alpha. Er hat hier das Sagen." "Noch nicht. Ich bin sein Omega, auf mich wird er vielleicht hören. Und wenn nicht, habe ich schon eine andere Idee."
Alec ist sein Omega? Ich kann mir nichts darunter vorstellen, doch will ich auch nicht nachfragen. Ich bin viel zu müde, um mich noch auf weitere Dinge zu konzentrieren. Müde lasse ich meinen Kopf wieder auf seine Schulter fallen und schließe meine Augen.
Ich wünschte, Alec könnte bei mir bleiben. Seine Wärme ist angenehm und beruhigend. Ganz zu schweigen von dem kalten Steinboden. "Hier. Das habe ich Euch noch mitgebracht."
Langsam öffne ich wieder meine Augen und erblicke einen saftig roten Apfel und ein Stück Küchlein. Sofort fängt mein Magen vor Hunger an zu knurren.
"Meine Mutter hat sie heute gemacht. Es ist zwar nicht viel, aber sie schmecken köstlich. Vielleicht kann Euch das ja wieder aufheitern. Ich hoffe es zumindest." "Alec." Schmunzelnd sehe ich ihn an und ziehe ihn in eine herzliche Umarmung. Vielleicht wird das unsere letzte Begegnung miteinander sein.
Wer weiß, wann Xavier wieder zu mir runter kommen würde? Morgen? In einer Woche? Der Gedanke treibt mir erneut die Tränen in die Augen.
"Danke, Alec. Für alles, was Ihr für mich getan habt. Ich kann Euch nicht genug danken." "Wieso hört sich das nach einem Abschied für immer an?" "Weil es einer sein könnte. Xavier sagte, er will mich beim nächsten Mal töten. Wer weiß, wann das sein wird. Heute Nacht? Morgen? In einer Woche?"
Erschrocken schiebt der blauäugige mich zurück. Mit weit aufgerissenen Augen sieht er mich an, als könnte er nicht glauben, was ich gesagt habe.
"Nein! Dazu wird es nicht kommen. Ich werde dafür sorgen, Anthelia. Das verspreche ich Euch. Ich werde morgen wiederkommen und dann werde ich Euch hier rausholen. Versprochen."
Keine zwei Minuten später hat er mich auch schon verlassen. Seine Nähe hat mir seit der ersten Sekunde gefehlt. Nun liege ich wieder eingerollt auf dem Steinboden, gesättigt von den außerordentlich leckeren Küchlein von Alecs Mutter und dem Apfel, und starre vor mich hin.
Ich weiß nicht, was der morgige Tag bringen wird. Alec sagte, dass er mich hier rausholen will, doch bezweifle ich, dass er es schaffen wird. Xavier sollte man nicht verärgern, und schon gar nicht unterschätzen. Das habe ich heute gelernt und ich hoffe, dass ich ihm nicht noch einmal begegnen muss.
Dieser Monster hat mich einmal verletzt, wer sagt, dass er es nicht erneut machen wird? Er ist ein Monster und Monster erkennen nicht den Unterschied zwischen Gut und Böse. Das unterscheidet sie von den Helden, die sie bekämpfen.
