Anthelia
Was mache ich hier nur? Wieso habe ich mich darauf überhaupt eingelassen? Seit längerer Zeit stelle ich mir schon diese Frage, um genauer zu sein, seitdem ich das erste Mal heute die Augen aufgeschlagen habe. Fast hätte ich laut geschrien, als ich direkt in das friedliche Gesicht eines Mannes gesehen habe, von dem ich dachte, er würde mich noch immer töten wollen.
Kurzzeitig hatte ich während der Nacht die Befürchtung gehabt, er würde mich nur bei sich haben, um mich dann umzubringen. Niemand könnte ihn zu solcher Stunde davon abhalten, mich zu zerfetzen. Jetzt scheint die Sonne hell am Himmel und die Vögel zwitschern um das Schloss herum. Aber am wichtigsten ist, dass ich noch am Leben bin und nun direkt auf Xaviers Brust liege.
Wie auch immer diese äußerst unangebrachte Stellung zusammengekommen ist, sie muss noch vor seinem Erwachen gelöst werden. Wenn es doch nur auch so einfach wäre. Immer, wenn ich mich aus seinen Armen winden will, verfestigt sich sein Griff um meinen Körper.
Wie eine Schlange hält er mich gefangen. So beobachte ich ihn nun, denn so habe ich vermutlich die einzige Chance ihn so zu sehen, wie ich ihn gerne sehen würde. Friedlich und unbeschwert. Mir ist bewusst, dass sich das ändern wird, sobald er die Augen aufschlagen wird. Es ist naheliegend, dass er mich aus seinem Bett werfen wird, nur um mich wieder anzuschreien und zum Teufel zu jagen.
Wäre ich seiner Bitte doch nur nicht nachgekommen. Einen weiteren Schnitt in mein Herz ertrage ich nicht mehr. Nicht von ihm. Mir kommt der Gedanke, dass er der Einzige ist, der mich so verletzten kann. Niemand sonst könnte mir solche Schmerzen zufügen, wie er sie mir zufügt. Das ist erniedrigend.
Diese Schwäche ihm gegenüber wird er ausnutzen. Als Frau werde ich mich niemals gegen ihn stellen können, selbst wenn ich es wollte. Es ist verboten sich einem Mann entgegenzustellen. Der Mann hat das Sagen und so wird es womöglich immer sein.
Was hätte ich auch anderes erwarten können? Dass ich mich einem so kräftigen und dominanten Mann wie Xavier entgegenstellen könnte? Das ist eine Sache der Unmöglichkeit und das hat er mir mehrfach und auf schmerzhafte Weise deutlich gemacht. Leise seufze ich auf und sinke meinen Kopf auf Xaviers warme Brust herab.
Das Pochen seines Herzes hat eine verwirrend beruhigende Wirkung auf mich, die mich sowohl ängstigt, als auch erfreut. Was tue ich nur hier? Ich sollte hier nicht liegen und mich bei ihm wohlfühlen. Es ist falsch! Doch warum fühlt es sich dann so befreiend an? So...wunderschön? Himmel, was denke ich nur schon wieder? Allmählich scheine ich wirklich meinen eigenen Verstand zu verlieren.
"Guten Morgen!" Erschrocken zucke ich heftig zusammen, reiße meinen Kopf hoch und starre mit riesigen Augen in das erwachende Gesicht von dem Prinzen. Seine Augen sind noch dabei sich zu öffnen, doch das breite Grinsen auf seinen Lippen strahlt dafür wie die Sonne draußen, und entblößt seine hellen weißen Zähne.
"Ähm...gu-gut-...also...ähm...ich meine...Gu-" Rau fängt er unter mir an zu lachen. Seine Brust vibriert unter meinen zarten kleinen Händen. "Mache ich dich schon so nervös, dass du keinen vernünftigen Satz zustande bekommst? Das tut mir wirklich leid, Anthelia." Es ist nicht das Gesagte, was mich erzittern lässt.
Sondern seine tief rauchige Stimme. Ich weiß, dass er seine Worte nicht ernst meint. Alleine sein immer noch anhaltendes Grinsen sagt es mir, doch versuche ich mir nichts anmerken zu lassen. Nur leider scheitert dieses Vorhaben schon an meinen entflammten Wangen. Wie Lava fangen sie mit einem Mal an zu brennen.
Vor lauter Scham senke ich meinen Kopf, um seinem intensiven Blick auszuweichen. Das alles fühlt sich nicht echt an. Eher wie ein Traum. Ein Albtraum. Ich will nicht hier sein und mich wieder so von ihm demütigen lassen wie letzten Abend. Ich will nicht sein Spielzeug sein, dass er herumschubsen kann, wann und wie es ihm passt.
"Verbirg nicht dein hübsches Antlitz vor mir, Anthelia." "Nennt mich nicht hübsch. Ich bin mir sehr bewusst, dass ich ein ganz anderes Bild in Eurem Inneren abgebe." "Wie darf ich das verstehen?" Xavier zieht seine Augenbrauen neugierig zusammen, sodass sich Falten auf seiner Stirn bilden. Wie gerne ich sie ihm wieder glattstreichen will, nur um sein Gesicht von diesem Makel zu befreien.
"Wie könntet Ihr jemals jemanden wie mich als hübsch, geschweige denn wunderschön betrachten? Es sind gewiss nicht Eure Worte, die aus Euch heraus sprechen, sondern das Band, welches uns auf so zwanghafte Weise verbindet." "Sag das nicht.", sagt Xavier so einfühlsam, dass ich ihm sogar glauben würde. Mit einer Hand streicht er mir über die Wange, als er sich ruckartig mit mir auf seinem Schoß aufsetzt und mein Gesicht in seine Hand nimmt.
Ich kann ihn nicht einmal davon abhalten, dafür waren diese Bewegungen viel zu schnell für mich. Sogar ein kleiner Schwindel breitet sich in mir aus. Unsere Oberkörper sind fest aneinander gepresst. Ich spüre jeden seiner Atemzüge, ebenso wie er meine spürt. Es ist ein magischer Moment ihm so nahe zu sein. Nackt und ohne jegliche Blockade. Ich spüre jeden Aspekt seines Adonis-Körpers, was mich verschreckt, aber zugleich unglaublich sicher fühlen lässt.
Ich schlucke hart. Sein Blick ist so intensiv, so voller Gefühle, dass es mich mitreißt. "Niemand manipuliert das, was ich denke. Und niemand spricht durch mich hindurch. Es sind einzig und alleine meine Worte, die ich spreche und jedes Wort ist ernst gemeint." "Und die Schläge? Die Erniedrigungen?" Xavier seufzt, nimmt seine Hände von meinem Gesicht und senkt seinen Kopf.
Ich warte. Die Sekunden fühlen sich wie Minuten an und die Minuten wie Stunden. Eine Ewigkeit sitzen wir so da und sagen nichts. Xavier scheint mit selber in einem Konflikt zu sein. Sein Körper spannt und entspannt sich immer wieder aufs neue. Aus dem sicheren Gefühl wird mit einem Mal Unbehagen. Was soll ich jetzt tun? Ihn anzusprechen halte ich nicht für günstig. Xavier ist impulsiv und unberechenbar. Wer weiß, wie er jetzt reagieren würde.
Eine Regung geht durch seinen Körper. Bestimmt aber dennoch äußerst vorsichtig schiebt der Prinz mich von seinem Schoß und steht auf. Nur noch ich liege im Bett und starre ihn verwirrt hinterher. Ohne jegliche Scham steht er vor mir und streckt mir seine Hand entgegen, die ich argwöhnisch betrachte. Was hat das alles nun zu bedeuten?
"Komm. Wir werden ein Bad nehmen." Ein Bad? Mit ihm? Das kann er unmöglich ernst meinen. Nervös kralle ich meine Nägel in das Laken, mit welchem ich meinen Körper vor seinen Blicken schütze.
"Eure Hoheit, das ist wirklich großzügig, doch ich habe Euren Wunsch erfüllt und bin die Nacht über bei Euch geblieben. Nun sollte ich mich wieder an meine Arbeit machen und Ihr solltet Euch von dem Angriff erholen." Xavier spaltet seine Lippen zu einem breiten Grinsen und präsentiert mir seine strahlenden Zähne.
"Mir geht es vortrefflich, darüber brauchst du dir keine Sorgen machen, meine Liebe." "Dann lasst mich gehen und meiner Arbeit nachgehen. Gewiss gibt es noch einiges in diesem Schloss zu tun." Ich tue alles, um einem gemeinsamen Bad mit dem Prinzen zu entkommen. Doch egal was ich sage, sein Grinsen vergrößert sich nur.
"Eure Aufgabe ist es, an meiner Seite zu sein." Langsam kniet er sich zurück auf das Bett, direkt vor mich. Ich schlucke und starre ihn wie hypnotisiert an. Kann man es mir denn verübeln, wenn er sich wie eine Gottheit vor mir erhebt? "Du bist keine Seratuna mehr, sondern die zukünftige Luna." Er beugt sich über mich, bis er über mir liegt und sich mit den Armen rechts und links von mir abstützt. Mein Herz rast.
Die Kontrolle über diese Situation hat alleine er übernommen. Ich bin machtlos, so wie ich es schon immer war. Zitternd starre ich ihm in seine glühenden Augen, die vor Verlangen und Belustigung nur so Funken sprühen. Mit jeder weiteren Sekunde die verstreicht, verschnellert sich meine Atmung.
"Ich kann dein Herz hören und deine Angst riechen. Du kannst es nicht vor mir verbergen, Anthelia. Ich habe es verdient, dass du so mir gegenüber empfindest. Mit meinen Taten habe ich dir Schaden zugefügt. Ich kann das nie wieder rückgängig machen, doch gib mir die Chance es wieder gut zu machen."
"Wie? Wie wollt Ihr solche Schmerzen wieder gutmachen? Nichts kann es wieder gutmachen, Eure Hoheit. Nicht einmal Eure Gefühle zu mir." "Anthelia, ich flehe dich an. Ich kann mir nicht vorstellen, dich nicht an meiner Seite zu haben." Ich wende mein Gesicht von ihm ab. Xavier soll meine Tränen nicht sehen. Sie lassen mich nur noch schwächer wirken. Fest presse ich meine Lippen aufeinander, damit kein leidender Ton sie verlassen kann.
Wieso tut er das? Wieso will er mich jetzt für sich gewinnen, wenn er mich vorher noch töten wollte? Warum bringt er mich mit seinen Entscheidungen und Gefühlen so durcheinander? Ich weiß nicht, was ich tun soll. Spricht er überhaupt die Wahrheit oder ist es wieder nur ein Trick, um mich hinterher zu Boden zu werfen und zu erniedrigen? Wie soll nur die Zukunft für uns aussehen?
Xaviers Atem kitzelt mich an meinem Ohr, als er sich weiter zu mir runterbeugt. "Du weißt, du kannst mir vertrauen. Höre auf das, was dir dein Herz sagt. Würde es dir sagen, dass du bei mir nicht sicher wärst, wärst du nicht hier geblieben." Seine Stimme ist rau und trotzdem entfacht sie eine wohlige Wärme in mir, wobei es doch Kälte sein sollte, die ich spüren müsste.
"Wie soll ich wissen, was mein Herz mir sagt, wenn alles so verworren ist?" "Vertraue mir." Unsicher sehe ich den Prinzen an. Seine Miene ist undurchdringlich, aber seine Augen sprechen Bände. Sie flehen mich an, mich seinen Worten hinzugeben. Auch meine Miene wird ernst.
"Versprecht mir, dass ich es nicht bereuen werde, euch zu vertrauen, Eure Hoheit. Schwört es mir." Xavier streichelt mir über meine Wange und drückt mir einen zarten Kuss auf meine Stirn. Mein Herz bleibt für einen Moment stehen und schlägt um so schneller weiter.
Seine Lippen sind so weich und warm. Es berauscht mich in jeglicher Hinsicht. Wie würden sie sich wohl auf den Meinen anfühlen? Himmel, was denke ich denn da schon wieder? So etwas sollte ich nicht denken, schon gar nicht von ihm. Und doch bekomme ich ihn nicht mehr aus meinem Kopf. Xavier löst seine Lippen von mir und ersetzt sie durch seine Stirn.
"Ich schwöre es bei meinem Leben und bei allem was mir heilig ist." Das ist ein ziemlich großes Versprechen. "Ich nehme Euch beim Wort." "Ich werde es nicht brechen, ganz gleich was geschehen mag." Er erhebt sich und zieht mich mit auf die Füße. Das Laken gleitet geräuschlos von meinem Körper und landet auf dem Boden.
Der Drang mich mit meinen Händen zu bedecken ist enorm, doch greift Xavier zur selben Zeit nach ihnen und hält sie mit seinen Händen fest. "Es gibt keinen Grund sich zu verstecken, meine Teuerste. Ich habe schon alles von deiner Schönheit erblicken dürfen." Die Erinnerung, wie ich nackt in seinen Armen lag, nachdem er mich aus dem Wasser gezogen hatte, lässt meine Wangen glühen vor Scham. Doch Xavier beachtet es nicht weiter. Stattdessen zieht er mich mit sich mit. Gemeinsam betreten wir einen anderen Raum.
Das Badezimmer ist äußerst groß, was mich bei Xaviers Stand nicht wundern sollte. Alles besteht aus hellem Marmor, was ihn noch größer wirken lässt, als er eigentlich ist. Eine riesige Badewanne dominiert den Raum. Sie ist noch größer als die von Alec. Und wieder einmal wundert es mich nicht. Xavier ist ein Prinz und somit steht ihm solch ein Reichtum zu. Mir hingegen nicht.
Zumindest sehe ich es so. Ich fühle mich nicht erhabener oder königlich. Ich bin immer noch ein einfaches Bauernmädchen, mehr nicht. Xavier füllt das Becken mit Wasser, bis sie fast randvoll ist. Dabei beobachte ich ihn genaustens. Ich kann nicht umherkommen, mir das Abbild seiner Muskeln einzuprägen. Sie sind so straff und ausgeprägt, wie ich es noch nie bei jemandem gesehen habe.
Immer weiter lasse ich meinen Blick gleiten, bis zu seinen Hüften und- Nein! Was tue ich denn da nur? So etwas gehört sich nicht, schon gar nicht für jemanden wie mich. Aber vielleicht kann ich nur einmal- Nein! Ich muss schnell auf andere Gedanken kommen, also betrachte ich weiter seinen Oberkörper. Von seinen Verletzungen ist kaum noch etwas zu sehen.
Eigentlich müsste es Wochen dauern, bis solch eine Wunde wieder verheilt ist. Als Werwolf scheint Xavier wirklich eine ausgeprägte Selbstheilung zu haben.
Der Duft von Lavendel überkommt mich, als er ein Fläschchen mit einer Substanz in das Wasser hinzugibt. Es erstaunt mich, dass Xavier das alles selber macht.
"Habt Ihr keine Diener, die sich um solche Angelegenheiten kümmern sollten?", frage ich nach, als Xavier mich zu der Badewanne führt. Anstatt mich selber hineinsteigen zu lassen, hebt er mich hinein und platziert sich direkt hinter mir. "Gewiss, habe ich meine Bediensteten." Seine Arme schlingt er um mich und zieht mich an sich, sodass ich meinen Kopf auf seiner Schulter ablegen kann.
Niemals würde ich vor ihm zugeben, wie angenehm ich diese Situation gerade empfinde. Die Art und Weise wie er mit seinen Fingern über meine Arme und meinen Hals fährt ist sehr beruhigend. Erneut kitzelt mich sein Atem, als er sich zu mir vorbeugt. "Doch würde ich niemals zulassen, dass irgendeiner dich so entblößt sieht. Dieser Anblick ist nur mir gewährt."
Um seine Worte zu bestärken, schlingt er seinen rechten Arm um meine Brust und zieht mich noch ein Stück näher zu sich. Überrascht keuche ich auf.
Mein Herz überschlägt sich. Noch nie hat jemand so etwas zu mir gesagt, denn niemand hat sich für mich interessiert. Ich war allen Männern egal. Und jetzt gibt es jemanden, der mich anscheinend schön findet. So sehr, dass er mich von den Blicken anderer schützen will. Hat Xavier vielleicht doch noch eine gute Seite, die nur tief in seinem kalten Inneren verborgen ist?
Kann ich ihm doch vertrauen? Bis jetzt hat er mir an diesem Morgen nicht wehgetan. Im Gegenteil. Er hat mir Komplimente gemacht, mich in seine Nähe gelassen und mir eine Seite von ihm gezeigt, die ihn verletzlich macht. So etwas macht man doch nicht einfach so. Oder? Unmöglich kann das alles ein Spiel sein. "Über was zerbrichst du dir deinen hübschen Kopf?", raunt Xavier mir leise zu und holt mich aus meinen Grübeleien.
Ich überlege stark, was ich darauf antworten soll. Ich kann ihm schlecht sagen, dass ich darüber nachgedacht habe, ob er doch einen guten Kern hat. "Ich habe...über uns nachgedacht. Denke ich." "Über uns?" "Wieso wollt Ihr, dass ich Euch noch eine Chance gebe? Ich meine, Ihr seid der Prinz. Ihr könntet mich auch genauso gut als das Eure beanspruchen. Wieso also der sanfte Weg, wenn Ihr doch die gewaltigen Wege bevorzugt?"
"Ich habe dir ein falsches Bild von mir gezeigt, Anthelia. So bin ich nicht. So war ich nie." Xavier ergreift meine Hand und verschränkt unsere Finger miteinander. Meine Hand verschwindet fast in seiner. Und anstatt meine Hand von seiner zu entziehen, genieße ich mit Neugier den Druck, den er dabei ausübt. "Ich schlage niemanden. So wurde ich nicht erzogen und es tut mir so unendlich leid, was ich dir angetan habe. Niemals werde ich mir das verzeihen können. Nur-" "Ihr wart wütend auf meine Leute, weil sie die Euren getötet haben. Alec hat mir davon erzählt."
Xavier spannt sich an. Ich bilde mir sogar ein, ein knurren gehört zu haben. "Ich weiß, dass es das nicht entschuldigt. Es war ein Fehler gewesen, meine Wut an dir auszulassen." "Das war es." "Wenn es sein muss werde ich mich jeden Tag meines Lebens bei dir dafür entschuldigen, nur bitte verzeihe mir, was ich dir angetan habe." Xavier legt seinen Kopf in meinen Nacken und atmet mehrere Male tief durch.
Ich hingegen betrachte unsere verschränkten Hände. Xavier hält meine fest in seiner, als würde er so verhindern, dass ich jeden Moment verschwinden könnte. Es fühlt sich überraschenderweise gut an, wie er meine Hand hält. Es fühlt sich richtig und sicher an. Ich wäre traurig, würde er sie einfach so loslassen.
Das muss diese Mateverbindung sein, von der alle sprechen. Hat die Königin Recht und ich bin der Gegensatz zu Xavier, der ihn ins Gleichgewicht bringen soll? Ist das alles doch wahr was erzählt wird? Tief atme ich durch, um meine Gedanken zu ordnen.
"Ich werde dir verzeihen und dir eine Chance geben, Xavier. Nur diese eine. Ein weiteres Mal werde ich dir nicht verzeihen, verspiele diese Chance also nicht." Erleichtert atmet Xavier in meinem Nacken aus. Ich erschaudere bei dem Gefühl von seinem heißen Atem auf meiner Haut. Seine Lippen gleiten von meinem Hals zu meiner Schulter, die er mit sanften Küssen bedeckt. Genießerisch lasse ich meinen Kopf zurückfallen.
Ich glaube, es hat sich noch nie etwas so schön angefühlt. Ich fühle mich mit einem Mal so begehrt und gewollt. "Ich danke dir so sehr, meine Liebste.", wispert Xavier zwischen seinen Küssen. Nur mit Mühe kann ich seinen Worten lauschen, denn seine Taten lenken mich viel zu sehr ab. Besonders dann, als seine Hände immer weiter über meinen Körper wandern. Ich genieße es, wie er mit so viel Bedacht über meinen Bauch und meine Beine streichelt, als könnte er mir jede Sekunde damit wehtun.
Aber tief in meinem Inneren hoffe ich nur, die Entscheidung, Xavier eine Chance zu geben, nicht zu bereuen. Eine ganze Weile bleiben Xavier und ich noch in der Badewanne und schweigen. Diese Ruhe ist nicht einmal unangenehm, sondern sehr entspannend. Fast wäre ich wieder eingeschlafen, so entspannend war sie. Doch hat sich mein Körper in dem Wasser schnell runtergekühlt, sodass ich mich nach kurzer Zeit zitternd nach Wärme gesehnt habe.
Xavier hat mir aus der Badewanne geholfen und mir sofort ein großes Tuch um den Körper gelegt, mit welchem er mich trocken gerubbelt hat. Er hat mir dabei die ganze Zeit in die Augen gesehen und mir gesagt wie schön ich in seinen Augen sei. Daran werde ich mich wohl noch gewöhnen müssen. Er ist der erste Mann neben meinem Vater, der mir Komplimente macht.
"Meine Eltern erwarten uns gewiss schon beim Frühstück. Wir sollten uns also sputen." Mit einer geschmeidigen Bewegung bindet Xavier die Schleife meines Kleides und glättet die Falten, die sich gebildet haben. Er selber zieht sich ebenfalls zügig seine Kleidung an, wobei ich ihm seine Privatsphäre lasse und aus dem Fenster blicke.
Weit und breit ist nur Wald zu sehen. Irgendwo da draußen ist auch mein Dorf - wenn ich es überhaupt noch so nennen kann. Das hier ist nun mein Zuhause. Ich sollte mich an diesen Gedanken gewöhnen, aber dennoch zieht mein Herz sich schmerzhaft zusammen, wenn ich an meinen Vater denke.
Ich vermisse ihn so sehr. Ich weiß nicht einmal wie es ihm geht. Ist er noch am Leben oder hat die Krankheit über ihn gesiegt? Daran will ich nicht denken und doch schleicht er sich immer wieder in mein Kopf. Der Gedanke, dass ich für ihn hätte da sein können, zermalmt mir das Herz. Jede Nacht und jeden Tag gebe ich mir die Schuld dafür, dass er wohl nicht mehr leben könnte.
Es ist ein grausames Gefühl, nicht zu wissen, was mit seinen Liebsten geschieht. Ich würde Vater und Lilia so gerne wiedersehen. Sie fehlen mir. Ich wünschte, ich könnte sie wenigstens noch ein einziges Mal sehen, um mich von ihnen zu verabschieden. Immerhin werde ich sie nie wieder sehen, wenn ich hier bleibe. Eine einsame Träne schleicht sich über meine Wange, die ich schnell wegwische, als sich eine Hand auf meine Schulter legt.
"Ist alles in Ordnung?", fragt Xavier mit einem besorgten Unterton in seiner Stimme. Ein letztes Mal blicke ich hinaus in die Ferne, in der Hoffnung irgendwo mein Dorf zu finden. Aber es ist nirgendswo zu sehen. "Es ist alles gut. Komm, wir sollten deine Eltern nicht warten lassen." Schnell befreie ich mich aus seinem Griff und eile zur Tür. Xaviers Hand kann ich immer noch auf meiner Schulter spüren. Es fühlt sich an, als wäre sie Kette, die mich hier festhält.
Ihr Druck hat mich hinunter in einen tiefen Abgrund gezogen, aus dem ich wohl nie wieder entkommen werde.
Den ganzen Weg zum Speisesaal habe ich geschwiegen. Ein einziges Mal hat Xavier versucht mit mir eine Konversation zu starten, doch mir ist nicht nach sprechen zumute. Die ganzen Gefühle von vor einer Stunde sind wie durch Zauberhand verschwunden. Jetzt fühle ich nichts als Leere und Sehnsucht.
Mit gesenktem Kopf laufe ich neben dem Prinzen her, der es aufgegeben hat mit mir ein Gespräch anzufangen. Die Leute, die uns entgegenkommen verneigen sich und wünschen uns einen guten Morgen. Mir ist bewusst, dass sie es nur gut meinen, doch diese Gesten ziehen mich noch weiter in die Finsternis.
Ich bin keine Prinzessin und schon gar nicht eine Königin. Wäre ich nie in den Wald gegangen, wäre ich es auch nie geworden, weil ich niemals an diesem Ort gelandet wäre. Ich könnte bei meinem Vater und Lilia sein. Bei meinem alten Leben, das mir so sehr fehlt.
"Ah, da seid ihr ja endlich. Wir haben uns schon gefragt, wann ihr hier eintreffen werdet.", erklingt die Stimme des Königs, als wir den riesigen Saal mit der großen Speisetafel betreten. Es wird nun Zeit gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Niemand soll mitbekommen, was wirklich in mir vorgeht. Mit einem tiefen Atemzug gebe ich mir einen Ruck und blicke mit einem höflichen Lächeln zu den Eltern meines Mates.
Dieses Wort überhaupt zu denken fühlt sich äußerst seltsam an. "Guten Morgen mein König und meine Königin." Ich knickse vor ihnen und nehme neben Xavier platz. Alec und Demetrius sitzen uns gegenüber und unterhalten sich angeregt über etwas, was ich nicht verstehe, da sie für mein Gehör viel zu leise flüstern. Anders als beim letzten Mal fangen wir alle gemeinsam an zu essen und füllen uns die Teller auf.
Alle nehmen sich einen riesigen Haufen an Fleisch auf ihren Teller, während ich dann doch eher bei einer einfachen Kräutersuppe blieb, die meinem Körper etwas wärme spendete. Mit jedem Löffel an Suppe wird mir immer unwohler. Mein Vater kann sich diesen Luxus nicht leisten. Vermutlich hat er seit Tagen nichts vernünftiges mehr gegessen, weil er keine Zutaten und keine Kraft dazu hat. Ein ekelhafter Beigeschmack schleicht sich mit unter.
Stumm lege ich meinen Löffel neben meine noch fast volle Schüssel und blicke auf meine zusammengelegten Hände in meinem Schoß. Der Hunger ist mir deutlich vergangen. Wieso soll ich es mir hier gut gehen lassen, wenn mein Vater vermutlich nicht lange überleben wird, weil er sich nichts mehr leisten kann? Er hat niemanden, der das Geld anschafft, und um selber zu arbeiten hat er keine Kraft.
Alle um mich herum unterhalten sich angeregt über alles mögliche. Die vielen Stimmen machen mich wahnsinnig. Mit jeder weiteren Sekunde fühle ich mich noch weiter eingeengt. "Dein Vater und ich werden uns für den heutigen Tag vom Schloss entfernen und einen Auslauf machen. Du könntest uns begleiten, immerhin warst du lange nicht mehr mit uns im Wald.", fragt Elara nach einer ganzen Weile an Xavier gerichtet.
Da ich nicht angesprochen wurde, will ich wieder weghören, doch da hat Xavier schon meine verkrampften Hände gelöst und sie in seine genommen. Der Klos in meinem Hals wird größer. "Tut mir leid, Mutter. Deinen Vorschlag werde ich ablehnen müssen. Ich habe mir vorgenommen Anthelia einen Teil unserer Lande zu zeigen, sofern sie daran interessiert ist."
Sofern sie daran interessiert ist. Bin ich daran interessiert? Die frische Luft wird mir gewiss gut tun, auch kann ich mich außerhalb dieser Gemäuer aufhalten. Vielleicht kann ich Xavier sogar dazu bringen mich zu meinem Vater und Lilia zu bringen, um sie noch einmal zu sehen. Wenn er mich wirklich für sich gewinnen will, muss er dieser Bitte einfach nachgehen. Ein Versuch wäre es zumindest wert.
Ich sehe in Xaviers dunkle Augen, die mich eingehend mustern. "Ich wäre sehr daran interessiert, Eure Hoheit.", sage ich mit so viel Höflichkeit in der Stimme wie es nur geht. Verschmitzt grinst der Prinz und drückt unter dem Tisch meine Hand. Es scheint so, als wolle er mir etwas damit sagen.
Ich blicke ihn noch einmal an, doch Xavier hat sich schon längst seinen Eltern zugewandt. "Wir werden nach dem Frühstück aufbrechen. Ich denke vor Abendanbruch braucht ihr uns nicht zu erwarten." Vor Abendanbruch. Es wäre also genug Zeit, um meinen Vater besuchen zu gehen. Aus diesem Gedanken ziehe ich Hoffnung und kraft.
Vielleicht werde ich mich doch noch von ihm und Lilia verabschieden können, um mit einem besseren Gewissen hier leben zu können. Um meiner Aufgabe als Luna mit einem reinen Gewissen antreten zu können.
